Nicht Vernichtung, sondern Vollendung!

"Glaubt ihr Christen denn wirklich an ein Leben nach dem Tod? Wie stellt ihr euch das denn vor? Ich habe noch keinen wiederkommen sehen. Ich bin mir sicher, es gibt keinen Gott?" Solche Gespräche habe ich gerade in den letzten Wochen oft gehört, mit Variationen, von jungen und von alten Menschen. Ich bin vorkurzem ordiniert worden – und zu dem Anlass haben mir besonders viele Leute die Fragen gestellt, die für sie offenbar die wichtigsten überhaupt scheinen: Die, ob es einen Gott gibt und wie es mit dem Leben nach dem Tod aussieht. Meine Gegenfrage, auf die ich natürlich nicht von alleine gekommen bin, ist die: "Gibt es denn ein Leben vor dem Tod?" Denn genau diejenigen, die sich so riesige Gedanken darüber machen, was es denn mit einem nächsten Leben auf sich haben könnte, haben oft gewaltige Probleme damit, was sie mit diesem Leben anfangen sollen.

"Mitten im Leben" heißt das Thema dieses drittletzten Sonntags im Kirchenjahr und der kommenden Woche. "Mitten im Leben sein", das bedeutet, wach und aufmerksam im "Jetzt" stehen und nicht einer Vergangenheit nachtrauern, die sich nicht mehr korrigieren lässt oder in eine Zukunft hineinträumen, so, wie wir sie gerne hätten, wie wir sie aber auch mit unseren Mitteln in keiner Weise hinbiegen können.

6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.

So umschreibt der Apostel Paulus dieses "mitten im Leben" sein. Ich muss zugeben, zuerst habe ich ein wenig gelacht über den letzten Satz, denn es gibt doch ziemlich viele Menschen, die am Tag schlafen und auch mittags bereits betrunken sind.

Dann ist mir der tiefere Sinn klar geworden. Paulus unterscheidet zwischen "Im Licht" und "im Finstern" leben. Und wer seine Tage verdämmert oder im Rausch verbringt, der kann das Licht eigentlich gar nicht wahrnehmen. Ich arbeite beruflich regelmäßig mit Suchtkranken – und ich erlebe diesen Prozess des Aufwachens immer wieder bei Menschen, die eine Therapie begonnen haben und auf einmal wieder bewusst ihr Leben und ihre Umgebung wahrnehmen und eine andere Dimension, eine andere Qualität des Hierseins entdecken. Nur dann, wenn wir wirklich im Hier und Jetzt leben, ist uns auch bewusst, dass der Tod etwas ist, das uns jeden Tag begegnen kann. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe – kann ich mir sicher sein, abends wieder zurückzukommen? Schon beim Überqueren der Straße zum Bäcker kann mich ein Auto erfassen. Dies ist aber keineswegs ein Grund, darum nicht mehr vor die Tür zu gehen.

Gerade, wer sich der Endlichkeit seiner Existenz in diesem Leben bewusst ist, wird den Tod weniger fürchten. Mich bestürzt es immer wieder, wie wenig sich Menschen darauf vorbereiten, dass dieses Leben endlich ist. Christen sollten da anders sein. Genau das meint Paulus, wenn er schreibt.

2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen.

In dem Vergleich mit den Wehen einer schwangeren Frau steckt übrigens ein Aspekt der Hoffnung, der leicht übersehen wird. Geburtswehen sind Schmerzen, die entstehen, um neues Leben zu bringen, also verknüpft mit Hoffnung. Aber auch das ist nur wachen Menschen bewusst. Sie sind sich darüber im Klaren, dass es keinen Sinn macht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wann jener "Tag des Herrn" kommen wird, da Zeit keine Dimension ist, die sich auf göttliches Handeln anwenden lässt. "Ewigkeit" lässt sich nicht berechnen. "Ewig" heißt "ohne Zeit". Menschlicher Verstand kann Zeit verstehen und Zeit leugnen, aber er kann nicht fassen, dass es einen zeitlosen Zustand gibt.

Ewigkeit, und auch das ist uns nicht bewusst, geschieht jetzt. "Sie, das Reich Gottes ist mitten unter euch", sagt Jesus im Evangeliumstext, den wir eben gehört haben. Machen wir uns das einmal wirklich bewusst. "Also, so habe ich mir das aber nicht vorgestellt", werden Sie sagen. Mancher hat apokalyptische Gedanken, stellt sich das himmlische Jerusalem in aller Pracht vor und als Gegensatz die Hölle mit allen Grauen, wie sie Menschen verschiedener Jahrhunderte sich ausgemalt haben. Menschen, wohlgemerkt. Christus spricht von solchen Bildern nicht. Er erwähnt wohl das "Heulen und Zähneklappern", aber auch das können wir heute, in diesem Leben, haben, immer dann, wenn wir in die Finsternis blicken und vergessen, dass wir bei allem Grauen und Schrecken geborgen sind in Gott.

Wahrscheinlich kennen Sie die schöne Geschichte von den drei Mönchen, die aufbrachen, um das Reich Gottes zu suchen. Sie zogen durch die ganze Welt, sahen vieles, fragten viel, wurden von hier nach dort geschickt und landeten am Ende in ihrer eigenen Zelle. Vom "Reich Gottes" wird in unserer Kirche zwar jeden Sonntag im Vaterunser gesprochen: "Dein Reich komme", bitten wir, aber wir machen uns selten klar, was damit gemeint ist. Das "Reich Gottes" ist nicht irgendwann am Ende der Zeit, sondern jetzt – wir merken es nur nicht. Es geht uns so wie diesen Mönchen, die erst die Wanderung brauchten, um anders sehen und wahrnehmen zu lernen. Oder wie einem Fisch, der nicht weiß, dass es Wasser ist, was ihn umgibt und am Leben hält. Auch da gibt es eine schöne Geschichte, von Jonas, dem kleinen Fisch, der überall im Meer fragte, wo das Wasser ist,. Die einen schickten ihn nach oben, die anderen nach unten – und er fand überall das Gleiche vor. Bis ihm ein alter Fisch die Erleuchtung brachte.

Erleuchtung, das ist es, was uns fehlt, wenn wir im Finstern sind. "Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages", versichert Paulus der Gemeinde in Thessaloniki, die einige Jahrzehnte nach Tod und Auferstehung Christi verzweifelt auf dessen Wiederkunft wartet. Der "Tag des Herrn", die Ankunft des Reiches Gottes, bedeutet kein Ereignis irgendwann in ferner Zeit oder chronologisch gesehen am Ende der Zeit, sondern hat bereits am Ostermorgen begonnen. Wenn wir es begreifen, Jesus Christus nicht mehr im Licht dieser Welt zu sehen, sondern in dem Licht seines eigenen Seins, im strahlenden Licht der Herrlichkeit Gottes, dann verändern wir uns selbst. Christlicher Glaube bedeutet, die Geheimnisse dieser Erde in einem anderen Licht zu sehen. In einem Licht, von dem uns auch der Regenbogen immer wieder einen Abglanz vermittelt, wenn er uns an den unverbrüchlichen Bund Gottes mit uns Menschen erinnert. Aber wie selten denken wir daran, wenn wir einen prachtvollen Regenbogen sehen. Eher sind wir geneigt, über das schlechte Wetter zu jammern. Dann schlafen wir am hellen Tag, statt wach zu sein.

Im Licht der göttlichen Liebe aber verliert der Tod seinen Schrecken."Christsus ist für uns gestorben, damit wir, ob wir wachen oder schlafen, zugleich mit ihm leben", schreibt der Apostel. Mit diesem Wissen, mit dem Glauben an eine so unendliche Liebe, brauchen wir nicht krampfhaft am Leben festzuhalten. Und was man nicht umklammert, das kann man leichter loslassen. Wir wissen, dass der Tod nicht die Vernichtung, sondern die Vollendung dieses Lebens ist und dass er der Weg ist zur Erhöhung des ganzen Menschen ist, indem ihm die Teinahme an Gottes ewigen Leben zukommt. Es ist doch ein wunderbarer Gedanke, in einer Ganzheit, in einer Einheit mit sich und Gott zu leben und nicht mehr zerrissen zu sein im Widerstreit von Wollen und Tun, vom Verhältnis zu Gott und zu sich selbst. Wenn wir glauben, dass der Mensch im Reich Gottes wirklich ganz heil gemacht wird und alle quälenden Widersprüche, alles, was ihn von der Liebe Gottes immer wieder trennt, hinter sich lassen kann, dann können wir auch in diesem Leben anders leben. Wir können versuchen, wie es so schön in einem Kirchenlied heißt, "irdisch noch schon himmlisch zu sein."

Das fällt uns jetzt noch schwer, aber wir leben doch als Christen aus der Hoffnung, und wer das Reich Gottes in seinem Herzen trägt, kann einfach nicht anders, als Liebe auch auf die, die um ihn sind, auszustrahlen.

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