Mitten im Leben

Liebe Gemeinde,

dieser Tage hatte ich einen Anruf eines besorgten Christen, der sich bei mir über die wachsende Gottesferne und Gottlosigkeit der Welt beklagen wollte. Er hatte einige Endzeittexte aus der Bibel präsent und erklärte mir, alle Zeichen deuteten darauf hin, dass das Ende der Welt nahe herbeigekommen sei. Unwillkürlich fiel mir beim Lesen des Predigttextes dieser Mann ein, der sich schon recht genau ausgemalt hatte, wie sich die Endzeit ankündige: 20 Als Jesus aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es!

Ähnliches habe ich dem Mann auch gesagt und ihn darauf hingewiesen, wie oft Menschen schon gedacht haben: "Das war es nun". Immer haben sie sich bislang geirrt und auch den Nachsatz offenbar nicht gehört: "Das Reich Gottes ist mitten unter Euch." Viele Leute, die unversehens mit einem Trauerfall konfrontiert werden, stellen uns Christen die Frage, die für sie offenbar die wichtigsten überhaupt scheinen: Die, ob es einen Gott gibt und wie es mit dem Leben nach dem Tod aussieht. Meine Gegenfrage ist dann oft die: "Gibt es denn ein Leben vor dem Tod?" Denn genau diejenigen, die sich so riesige Gedanken darüber machen, was es denn mit einem nächsten Leben auf sich haben könnte, haben oft gewaltige Probleme damit, was sie mit diesem Leben anfangen sollen. Sie suchen nach Orientierung – und sie rennen diesem oder jenem nach, was unter "siehe hier" und "siehe da" so angeboten wird, von der Esoterik bis zum Gesundheitstrip oder zum Kaufrausch.

"Mitten im Leben" heißt das Thema dieses drittletzten Sonntags im Kirchenjahr und der kommenden Woche. "Mitten im Leben sein", das bedeutet, wach und aufmerksam im "Jetzt" stehen und nicht einer Vergangenheit nachtrauern, die sich nicht mehr korrigieren lässt oder in eine Zukunft hineinträumen, so, wie wir sie gerne hätten, wie wir sie aber auch mit allen eigenen Anstrengungen in keiner Weise hinbiegen können. "Mitten im Leben sein", heißt, genau da sein, wo man ist – nicht im Kopf schon laufen, während man noch steht oder im Geist schon stehen, wenn man gerade zum Beispiel im Gottesdienst sitzt. Wie oft sind wir mit den Gedanken da schon wieder zu Hause, wo es noch diese oder jene Vorbereitung für den Besuch zu treffen gilt, der sich angesagt hat – oder auch schon im Wartezimmer des Arztes, der uns für Dienstag bestellt hat – kurz, irgendwo, nur nicht hier.

Nur dann aber, wenn wir wirklich im Hier und Jetzt leben, ist uns auch bewusst, dass der Tod etwas ist, das uns jeden Tag begegnen kann. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe – kann ich mir sicher sein, abends wieder zurückzukommen? Schon beim Überqueren der Straße hinüber zum Bäcker kann mich ein Auto erfassen. Dies ist aber keineswegs ein Grund, darum nicht mehr vor die Tür zu gehen. Ich gehe genau in diesem Bewusstsein am Morgen aus der Wohnung – und habe Grund zur Dankbarkeit, wenn ich am Abend wieder heil nach Hause komme, denn das ist nicht selbstverständlich. Aber ich habe das Gefühl, manchmal leben wir so, als ginge alles weiter bis in die Unendlichkeit.

Haben viele das nicht auch von der DDR gedacht – und von einem Tag auf den anderen war alles ganz anders.

Der 9. November ist kein unbelasteter Tag: Ich konnte 1989, da lebte ich im äußersten Südwesten Deutschlands, etwas Merkwürdiges erfahren. Die überschäumende Freude über den Mauerfall beherrschte die meisten Menschen. Aber in der Synagogengemeinde, zu der ich gute Kontakte bis heute habe, machte sich die Meinung breit: "Muss es denn gerade dieser Tag sein? Muss dieser Tag zu einem Freudentag für die Deutschen werden, der Tag, an dem sie sich 1938 mit unermeßlicher Schuld beladen haben?" In der Tat war auch nach dem 9. November 1938 für viele Menschen jählings alles anders geworden, nichts mehr wie früher. Mir wurde auch gesagt: "Die Mauer war doch letztendlich eine Folge der Ereignisse in der Pogromnacht." Ich hatte auf einmal das bedrückende Gefühl, mich nicht freuen zu dürfen. Als Deutsche der Generation nach Hitler hätte ich vielleicht gar kein Recht darauf, sondern hätte ewig auszulöffeln, was die Väter und Mütter uns in einer Verblendung eingebrockt haben, als sie einem falschen Propheten nachgelaufen sind. Aber irgendwann habe ich mich von diesem alttestamentlichen Denken frei gemacht, dass die Sünden der Väter uns heimsuchen werden – ich habe daran gedacht, dass Gott doch immer wieder ganz anders ist, voller unendlicher Gnade, und dass seine Gedanken nicht unsere Gedanken und unsere Wege nicht seine sind. "Mitten im Leben" sein, das heißt auch, immer wieder mit Gottes plötzlichem Wirken rechnen.

Gerade, wer sich der Endlichkeit seiner Existenz in diesem Leben bewusst ist, wird den Tod weniger fürchten. Mich bestürzt es immer wieder, wie wenig sich Menschen darauf vorbereiten, dass dieses Leben endlich ist. "Plötzlich und unerwartet" steht da in einer Todesanzeige für eine Neunzigjährige. Hat wirklich niemand mit dem Ende ihres Lebens gerechnet, vielleicht auch sie selbst nicht? Christen sollten da anders sein.

Ewigkeit, und auch das ist uns meist nicht bewusst, geschieht jetzt. "Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch", sagt Jesus im Evangeliumstext, den wir eben gehört haben. Machen wir uns das einmal wirklich bewusst. "Also, so habe ich mir das aber nicht vorgestellt", werden Sie sagen. Mancher hat, wie der Mann, den ich eingangs erwähnte, apokalyptische Gedanken, stellt sich den Jüngsten Tag mit der Phantasie eines Malers wie Hieronymus Bosch, das himmlische Jerusalem in aller Pracht vor und als Gegensatz die Hölle mit allen Grauen, wie sisie Menschen verschiedener Jahrhunderte anderen Menschen angedroht haben. Menschen, wohlgemerkt. Christus spricht von solchen Bildern nicht. Er erwähnt wohl das "Heulen und Zähneklappern", aber auch das können wir heute, in diesem Leben, haben, immer dann, wenn wir in die Finsternis blicken und vergessen, dass wir bei allem Grauen und Schrecken geborgen sind in Gott.

Wahrscheinlich kennen Sie die schöne Geschichte von den drei Mönchen, die aufbrachen, um das Reich Gottes zu suchen. Sie zogen durch die ganze Welt, sahen vieles, fragten viel, wurden von hier nach dort geschickt und landeten am Ende in ihrer eigenen Zelle. Vom "Reich Gottes" wird in unserer Kirche zwar jeden Sonntag im Vaterunser gesprochen: "Dein Reich komme", bitten wir, aber wir machen uns selten klar, was damit gemeint ist.

Das "Reich Gottes" ist nicht irgendwann am Ende der Zeit, sondern jetzt – wir merken es nur nicht. "Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir – suchst du Gott anderso, du fehlst ihn für und für", schreibt der Mystiker Angelus Silesius. Aber es geht uns meist so wie diesen Mönchen, die erst die Wanderung brauchten, um anders sehen und wahrnehmen zu lernen. Oder wie einem Fisch, der nicht weiß, dass es Wasser ist, was ihn umgibt und am Leben hält. Auch da gibt es eine schöne Geschichte, von Jonas, dem kleinen Fisch, der überall im Meer fragte, wo der Ozean ist,. Die einen schickten ihn nach oben, die anderen nach unten – und er fand überall das Gleiche vor. Bis ihm ein alter Fisch die Erleuchtung brachte. "Der Ozean ist das, was dich umgibt". Die Ewigkeit umgibt uns, sie ist in uns und um uns, wir müssen es nur wahrnehmen, uns dafür öffnen. 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.", dieser Gedanke muss nicht bedrohlich sein, ein Blitz bringt schließlich Energie, Licht und Entspannung – schlagartige Erleuchtung.

Erleuchtung, das ist es, was uns fehlt, wenn wir im Finstern sind. "Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages", versichert Paulus der Gemeinde in Thessaloniki, die einige Jahrzehnte nach Tod und Auferstehung Christi verzweifelt auf dessen Wiederkunft wartet. Der "Tag des Herrn", die Ankunft des Reiches Gottes, bedeutet kein Ereignis irgendwann in ferner Zeit oder chronologisch gesehen am Ende der Zeit, sondern hat bereits am Ostermorgen begonnen. Wenn wir es begreifen, Jesus Christus nicht mehr im Licht dieser Welt zu sehen, sondern in dem Licht seines eigenen Seins, im strahlenden Licht der Herrlichkeit Gottes, dann verändern wir uns selbst. Christlicher Glaube bedeutet, die Geheimnisse dieser Erde in einem anderen Licht zu sehen. In einem Licht, von dem uns auch der Regenbogen immer wieder einen Abglanz vermittelt, wenn er uns an den unverbrüchlichen Bund Gottes mit uns Menschen erinnert.

Aber wie selten denken wir daran, wenn wir einen prachtvollen Regenbogen sehen. Eher sind wir geneigt, über das schlechte Wetter zu jammern. Dann schlafen wir am hellen Tag, statt wach zu sein.

Im Licht der göttlichen Liebe aber verliert der Tod seinen Schrecken."Christus ist für uns gestorben, damit wir, ob wir wachen oder schlafen, zugleich mit ihm leben", schreibt der Apostel Paulus. Mit diesem Wissen, mit dem Glauben an eine so unendliche Liebe, brauchen wir nicht krampfhaft am Leben festzuhalten. Und was man nicht umklammert, das kann man leichter loslassen. Wir wissen, dass der Tod nicht die Vernichtung, sondern die Vollendung dieses Lebens ist und dass er der Weg ist zur Erhöhung des ganzen Menschen ist, indem ihm die Teilnahme an Gottes ewigen Leben zukommt. Es ist doch ein wunderbarer Gedanke, in einer Ganzheit, in einer Einheit mit sich und Gott zu leben und nicht mehr zerrissen zu sein im Widerstreit von Wollen und Tun, vom Verhältnis zu Gott und zu sich selbst. Wenn wir glauben, dass der Mensch im Reich Gottes wirklich ganz heil gemacht wird und alle quälenden Widersprüche, alles, was ihn von der Liebe Gottes immer wieder trennt, hinter sich lassen kann, dann können wir auch in diesem Leben anders leben. Wir können versuchen, wie es so schön in einem Kirchenlied heißt, "irdisch noch schon himmlisch zu sein."

Das fällt uns jetzt noch schwer, aber wir leben doch als Christen aus der Hoffnung, und wer das Reich Gottes in seinem Herzen trägt, kann einfach nicht anders, als seine Liebe auch auf die, die um ihn sind, auszustrahlen.

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