Mitte der Nacht

Für uns, die wir vorhin die letzten Stunden aus dem Leben Jesu gehört haben, so, wie sie uns im Johannesevangelium berichtet werden, mag der eben verlesene Predigttext relativ verständlich sein. "Klar", sagen wir mit unserem heutigen Wissen, da ist von Jesus Christus die Rede. Aber versetzen wir uns einmal in das Jahr 600 vor Christus. Stellen wir uns vor, wir hören dem Redner zu, der uns diese Geschichte erzählt. Er erzählt sie, während rundherum Hunger, Krankheiten, Chaos herrschen. Er spricht zu Menschen, die nach langer Vertreibung und Verschleppung in ihre Heimat zurückgekehrt sind und nur noch Ruinen vorgefunden haben. Die von Gott verheißene wirkliche Erlösung, so glauben sie, ist ausgeblieben. Fast möchten sie bereits denken, in der babylonischen Gefangenschaft sei es ihnen besser gegangen. Und dann tritt der Prophet Jesaja auf und erzählt ihnen ein Märchen: Die Geschichte von einem totalen Außenseiter, der für alles gerade stehen soll, was ein Volk seit Menschengedenken falsch gemacht hat . Dass ein "Messias", ein Erlöser, kommen wird, ist diesem Volk schon so oft verheißen worden, dass sie gar nicht mehr richtig hinhören. Dass dies aber nun auch noch ein solcher Mensch sein soll, einer von "draußen", das klingt ja nicht gerade attraktiv. Und schon gar nicht glaubwürdig.

Wie konnten die Leute so blind sein, da wird doch bis ins Detail alles gesagt: "Erhöht", das ist der Kreuzestod auf Golgatha, "für die Übeltäter gebetet", da ist der Mann zur Rechten am Kreuz … Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?

Der Prophet kennt seine Zuhörer. Sie sind wie wir, was nicht vor ihren Augen liegt, können sie nicht glauben. 600 Jahre später tritt das Unglaubliche ein: Die Verheißung erfüllt sich. Gott schickt seinen Sohn, und er lebt mit denen, die ausgegrenzt sind, er kümmert sich um die, die draußen vor der Tür bleiben. Und wieder kann es fast keiner glauben. Es ist ja auch, mal ernsthaft betrachtet, eine unwahrscheinliche Geschichte. So, als würde einer aus Friesdorf oder Biesenrode, dessen brave Eltern hier alle gekannt haben, und der sich nicht immer in den besten Kreisen bewegt hat, plötzlich dem Papst in Rom erklären, er könne nun abtreten, er sei der wiedergekommene Gottessohn. Gekreuzigt würde er heute nicht mehr, aber die Psychiatrie wäre ihm sicher. Der Vergleich hinkt natürlich. Er hinkt vor allem deshalb, weil das Unglaubliche, was vor 2000 Jahren geschehen ist, unvergleichbar ist. Ein für allemal ist es geschehen, es wird und braucht sich nicht zu wiederholen. Was Karfreitag geschehen ist, überschreitet alles, was wir zu fassen vermögen. Das sagt bereits Jesaja voraus – und das hören wir in den Evangelien immer wieder:

"Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt."

Aber, so werden wir fragen, haben wir denn wirklich Frieden? Begegnen wir nicht immer wieder dem Sterben und dem Tod mit seiner ganzen Macht? Hier in unserem näheren Umfeld, in der Familie, aber auch in weltpolitischen Ereignissen und in Naturkatastrophen? Manchmal, wenn es ganz hart kommt, wenn alles durchkreuzt scheint, was wir geplant, ersehnt und gewünscht haben, wenn unsere Hoffnungen so zerbrechen wie die der Frauen unterm Kreuz, dann hat sicher jeder einmal das Gefühl, kapitulieren zu müssen. Dieses Gefühl, es sei doch ewig Karfreitag in seiner Seele. Und es mag sogar der nagende Zweifel aufkommen: "Ist das wirklich Gottes Sohn gewesen?"

Der Vater eines kleinen Kindes, das getauft werden soll, meinte kürzlich: "Also, ich als Vater kann mir das gar nicht vorstellen, dass Gott seinen Sohn hat so etwas durchmachen lassen. Niemals würde ich mein Kind doch so leiden lassen, und das nur für andere." Wahrscheinlich ist das ein Punkt, der menschliches Fassungsvermögen übersteigt: Schließlich fällt es unendlich schwer, sich vorzustellen, dass Gott in Menschengestalt einen solchen qualvollen Tod freiwillig auf sich nimmt – aus Liebe zu seinen Geschöpfen, die sich immer wieder von ihm abwenden, ihn verraten oder ignorieren. "Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet."

"Ist er wirklich Gottes Sohn gewesen?", das fragten sich angesichts der Umstände, unter denen Jesus Christus in die Welt kam, hier lebte und wieder ging, nicht nur diejenigen, die ihm damals begegneten.

Viele, die sich Christen nennen, glauben zwar – das ergaben Umfragen in jüngster Zeit – dass Jesus Christus ein ganz besonderer Mensch war, einer, den sie bewundern und verehren. Aber dass er tatsächlich Gottes Sohn war und dass er von den Toten auferstanden ist, das können auch unter den Getauften bei weitem nicht alle glauben.

"Oder wisset ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, gleich wie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln", heißt es bei Paulus im Römerbrief. So viel Treue, so viel Liebe ist unvergleichlich. Und dass Gott stirbt und dennoch lebt, das überschreitet Grenzen des menschlichen Fassungsvermögens.

Ernsthaft gesehen: Mit dem Tod Christi stirbt auch etwas in uns mit. Der alte Mensch, der alte Adam, ist tot und wartet auf die Auferstehung in ein neues Leben, in dem im Licht der Ostersonne ihm die Gnade zuteil wird. Hören wir noch einmal die Verse des Propheten Jesaja zum Kommen des Gottesknechtes: "Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden."

Die Mitte der Nacht ist der Beginn des neuen Tages. Das gilt nicht nur für Karfreitag, das gilt für unser ganzes Leben und unser Sterben. In diesem Wissen, dass wir durch Christi Heilstat zu begnadigten Sündern geworden sind, dürfen wir heute, zuversichtlich mitten in aller Trauer, gemeinsam das Abendmahl feiern.

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