Mit Gott im Gespräch bleiben

Liebe Gemeinde,

meine Schwiegermutter ist keine Frau, die sich die Butter vom Brot nehmen lässt. Sie hat als Bäuerin ihr Leben lang schwer gearbeitet. Mit großer Energie hat sie sechs Kinder groß gezogen, eins davon schwer behindert. Und während der langen Jahre, in denen ihr Mann krank war, hat sie ihn und die übrige Familie versorgt und die Familie zusammen gehalten. Sie ist in dem Ort, wo sie wohnt, eine angesehene Frau. Sie macht bei den Landfrauen mit und singt im Chor. Sie ist als Kirchenvorsteherin mit einer hohen Stimmenzahl gewählt worden. Als ihr Mann dann im Alter von 54 Jahren gestorben ist, fand sie noch in der gleichen Woche einen fremden Traktor in ihrer Halle. Und in ihrer Scheune stand landwirtschaftliches Gerät des Nachbarn. Er darauf angesprochen, wieso er einfach ohne zu fragen, seine Geräte in ihrem Gebäude abstellt, meinte, sie brauche den Platz ja nicht für etwas anderes. Das war kurz nach dem Tod ihres Mannes. Sie war jetzt Witwe und offensichtlich rechtlos geworden. Jedenfalls wurde ihr nicht zugetraut, dass sie ihren Raum alleine schützen kann. Und das nicht vor 2000 Jahren in Palästina sondern vor 12 Jahren im Vogelsberg. Und dieses Jahr riefen Leute aus dem Nachbarort, die sie nicht einmal kannte bei ihr an und meinten sie bräuchten die Birnen von ihrem Baumstück, um Most zu machen. Sie würden sie sich dann morgen holen, sie könne ja heute schon den halben Eimer, den sie für sich selbst brauche nehmen. Und das im 21. Jahrhundert in Deutschland und nicht vor 2000 Jahren in Palästina. Sie können sich also vorstellen, wie rechtlos und ohnmächtig eine Witwe vor 2000 Jahren in Palästina gewesen sein muss. Von einer solchen rechtlosen Witwe erzählt unser Predigttext. Ich lese Lukas 18,1-8a:

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Der Richter schafft der Witwe recht, obwohl er ungerecht ist. Aus reiner Bequemlichkeit fällt er ein gerechtes Urteil, weil die Witwe ihn ununterbrochen mit ihren Ansprüchen nervt. Sie ist da Urbild einer machtlosen und entrechteten Frau. Er ist das Urbild eines willkürlichen und ungerechten Machthabers. Und trotzdem geschieht, indem die beiden aufeinandertreffen Gerechtigkeit. Das ist nicht dem Richter zu verdanken, sondern der Frau die nicht locker lässt und ohne wenn und aber für ihr Recht eintritt. Uns wird empfohlen so wie diese Frau beharrlich und konsequent zu beten und unsere Bitten vor Gott zu bringen. So wie diese Frau den Richter nervt, so sollen auch wir uns für Recht und Gerechtigkeit einsetzen, und Gott mit unseren Gebeten nerven. Um wieviel eher wird Gott, der ja kein ungerechter Richter sondern ein gerechter Richter ist, uns unsere Bitten erfüllen.

Eine merkwürdige Aufforderung werden jetzt einige von ihnen denken. Und dies ist in der Tat merkwürdig. Da habe ich schon einige Fragen. Wieso muss ich eigentlich Gott mit meinen Gebeten nerven, wenn er doch gerecht ist, und sowieso weiß, was er tun soll. Gott braucht doch von mir keine Nachhilfe in Sachen Gerechtigkeit.

Nein, Gott braucht keine Nachhilfe. Aber Gott braucht Menschen, denen die Gerechtigkeit am Herzen liegt. Gott braucht Menschen, die sich für das Recht der Schwächeren einsetzen. Gott braucht Menschen, die empört reagieren, wenn alleinerziehenden Müttern die Sozialhilfe gekürzt wird und gleichzeitig für Besserverdienende der Kinderfreibetrag erhöht wird. Unser Einsatz nicht nur für das geltende Recht sondern für eine Gerechtigkeit, die gerade die Schwachen schützt ist gefragt. Und die schlägt sich in unserem Handeln und in unseren Gebeten nieder. Die Intensität unserer Gebete um Gerechtigkeit, wird mit darüber entscheiden, wie die Gerechtigkeit im Alltag von uns und anderen gelebt werden wird. Wenn wir Gott drängend um Gerechtigkeit bitten, dann gewöhnen wir uns nicht an die Ungerechtigkeit, die um uns herum herrscht. Dann finden wir Korruption nicht normal sondern falsch. Dann regen wir uns darüber auf, wenn in Indien Kinder 16 Stunden am Tag an Teppichen knüpfen müssen und sagen nicht einfach das ist der Lauf der Welt. Gott braucht Menschen, die sich über Unrecht aufregen, damit Gottes Gerechtigkeit eine Chance in unserer Welt bekommt. Also beten wir nicht nur für unsere persönlichen Angelegenheiten, beten wir genauso intensiv für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt. Und lassen wir uns von unseren Gebeten zum gerechten Handeln inspirieren, dann folgen wir dem Vorbild der Witwe in unserem Gleichnis.

Aber das ist nicht die einzige Frage, die ich an unser Gleichnis habe.

Eine mindestens so wichtige Frage lautet: Wir alle haben schon gebetet, ohne dass Gott unsere Bitte erfüllt hat, liegt das daran, dass wir nicht intensiv genug gebetet haben, oder doch vielleicht daran, dass Gott uns nicht gehört hat oder sich eben nicht um die persönlichen Belange von einem von 6 Milliarden Erdenbewohnern kümmern will und kann? Nützt beten am Ende doch nichts?

Genau mit dieser Erfahrung, genau mit diesen Zweifeln haben sich die Leute auseinandergesetzt, die das Gleichnis weitererzählt und dann aufgeschrieben haben. Sie haben es überliefert, um uns zu ermutigen, es noch einmal mit dem Beten zu probieren, obwohl wir Zweifel haben, dass es etwas nützt. Sie sagen uns: Hört nicht auf zu beten. Betet intensiver, betet verzweifelter. Eure Gebete werden erhört werden. Hört jetzt nicht auf, in Kürze wird Gott euch die erbetene Gerechtigkeit erleben lassen. Ihr seid kurz vor dem Ziel. Jetzt nur nicht aufstecken. Jetzt nur nicht aufhören, und der Verzweiflung über die Ungerechtigkeit, die ihr erleben müsst nachgeben!

Liebe Gemeinde, natürlich zweifle ich daran, dass Beten etwas nützt. Damit stehe ich nicht allein. Und wer schon einmal zusehen musste, wie ein geliebter Mensch viel zu früh gestorben ist, und alle Gebete nicht bewirken konnten, dass er am Leben bleibt, der kann nicht einfach sagen: Gott erhört unsere Gebete. Und der lässt sich auch nicht mit frommen Sprüchen abspeisen wie: „Nicht alles worum wir bitten ist für uns gut, und Gott will für uns nur das Beste.“ Nein, da bleibt nur die Klage und die Wut und am Ende die Erkenntnis. Es war einfach so, und ich konnte es nicht ändern. Und Gott hat es auch nicht geändert.

So eine Erfahrung kann man nicht wegdiskutieren. Und trotzdem gilt auch das, was das Gleichnis uns sagt: Betet weiter, betet intensiver. Bittet Gott, und Gott wird eure Bitten erfüllen. Das ist im Vergleich zu aufhören zu beten, der besser Weg. Denn dann bleiben wir mit Gott im Gespräch. Denn dann kann sich etwas verändern, in uns und in Gott. Wie immer beide sich verändern, wenn man miteinander im Gespräch bleibt. Das ist zwischen Gott und uns Menschen genauso wie zwischen zwei Menschen, wenn sie miteinander im Gespräch bleiben. Und wie im Gespräch zwischen zwei Menschen ist es ja auch nicht gesagt, dass es im Gespräch zwischen Gott und mir immer einfach sein muss. Da kann es auch Ärger und Missverständnisse und Zweifel an dem Sinn dieses miteinander Redens geben. Und gerade dann ermutigt unser Predigtext uns: Bleibt dabei, hört nicht auf zu beten. Am Ende wird es Sinn machen, am Ende wird Gott unsere Bitten erfüllen. Und auch wenn ich daran zweifle, dass es so ist, ist es doch besser weiterzubeten, statt aufzuhören. Wie heißt ein alter Spruch aus der Arbeiterbewegung: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ So ähnlich ist es auch mit dem Beten: Wer es gar nicht erst versucht, muss sich nicht wundern, wenn Gott seine Bitten nicht erfüllt. Beten wir also, und bitten wir Gott um Gerechtigkeit für unsere ungerechte Welt, und vertrauen wir darauf, dass Gott unsere Bitte erfüllen wird.

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