Lebensbereitungszeit

<i>[Ich danke Ralf Krust, aus dessen Predigt "Worauf es ankommt, wenn er kommt" in ‚kanzelgruss.de‘ ich die Idee mit den 4 Kerzen entnommen habe.]</i>

Advent – wir wissen es vermutlich fast alle – Advent heißt Ankunft. Es geht um die Ankunft Jesu Christi in der Adventszeit. Sie ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten.

Wir haben ein Kind in diesem Gottesdienst getauft. Das erinnert uns an die Zeit davor, an die Zeit, in der Sie in "guter Hoffnung " waren. Die 9 Monate der Schwangerschaft sind auch so eine Vorbereitungszeit, Vorbereitung auf die Ankunft des Kindes. Da gilt es einiges zu organisieren an äußeren Dingen: das Kinderzimmer muss hergerichtet werden, die Babysachen wieder herausgeholt werden, die Schwester will darauf vorbereitet werden. Irgendwie richtet sich alles daran aus, das bald das Kind zur Welt kommt. Und auch innerlich stimmen wir uns ein auf das kommende Kind. Sie als Frauen haben es da etwas einfacher, weil das Kind anders spürbar ist, als für uns Männer, sie sind innerlich etwas dichter dran. Aber auch wir stellen uns ja darauf ein, lassen das Kind langsam in uns ankommen, bis es dann auch äußerlich bei uns ankommt und wir es in Händen halten können.

Könnte man dieses Ankommen eines Kindes auch auf die Adventszeit übertragen? Wie sieht das aus mit der Vorbereitungszeit auf das Christfest? Natürlich gibt es auch da eine äußere Vorbereitung. Die Zimmer werden adventlich geschmückt, wir begeben uns sich in die Einkaufhektik dieser Tage, denken darüber nach, womit wir unseren Liebsten eine Freude machen können. Und das Kind? Kommt das in unseren Gedanken vor? Kommt darin vor, dass Weihnachten eine wichtige Botschaft für uns lebendig machen will, die es in diese Welt hineinzuführen gilt?

Seien wir ehrlich, so richtig taucht das nicht auf, oder? Wir stellen uns wohl äußerlich auf das Kommende ein, aber innerlich – das kommt doch häufig zu kurz.

Ich möchte daher diesen Taufgottesdienst im Advent dazu nutzen, uns auch innerlich auf das Kommende einzustimmen. Ich möchte das tun, indem ich den Taufspruch von Jan betrachte und die vier Kerzen des Advent mit diesem Taufspruch verbinde.

Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft. Täglich hoffe ich auf dich.

Die erste Kerze zünde ich an für die Wahrheit. Leite mich in deiner Wahrheit, so heißt es in Jans Taufspruch. Wir Menschen brauchen eine Orientierung, Gedanken, die uns helfen, richtige Entscheidungen um Leben zu treffen. Der Beter des 25. Psalmes sucht diese Orientierung in der Wahrheit Gottes. Was ist die Wahrheit Gottes?, so müssen wir natürlich fragen.

Zunächst einmal wird damit gesagt: die Wahrheit Gottes ist nicht die Wahrheit der Menschen. Das mag sich auch decken, aber oft genug ist es auch unterschieden. Denn wir Menschen sehen die Welt aus unserer Perspektive, aus der kleinen Sichtweise unseres Lebens. Und wir urteilen nach Maßstäben, die uns in den Kram passen, die wenig Arbeit machen wenig Aufwand bedeuten und die auch keine Opfer kosten. Gottes Wahrheit aber ist unabhängig von solch menschlichen Gedanken, weil sie nicht nur den eng begrenzten Raum unseres kleinen Lebens vor Augen haben, sondern die ganze Menschheit im Blick haben. Das einfachste Beispiel ist die Anerkennung jedes Menschen. In der Theorie würde das wohl jeder unterschreiben – das Grundgesetz hat das ja auch verankert – aber der Alltag sagt doch oft etwas anderes. Da gibt es Menschen, die uns nicht wohl gesonnen sind, die wir nicht mögen, die uns gar etwas schlechtes getan haben, und schon stehen sie uns feindlich gegenüber. Unversöhnlich ist dieses Gegeneinander oft genug. Ich denke, jeder von uns könnte davon etwas erzählen. Leite mich in deiner Wahrheit: das bedeutet doch dann, lass mich so leben, dass ich deine Achtung aller Menschen annehmen kann. Ich muss sicher nicht alle Menschen lieben, aber die Achtung des anderen, die Möglichkeit einer Begegnung und auch einer Veränderung, die gehört dazu, wenn ich mit Gottes Augen, mit der Wahrheit Gottes den anderen sehe. Gottes Wahrheit sagt: es gibt keine Unversöhnlichkeit, auch wenn das Reichen der Hände schwer fällt. Hass, Krieg, Gewalt gegen andere – all das ist Ausdruck der Unversöhnlichkeit, die nicht der Wahrheit Gottes entspricht. Jesus bringt diese Botschaft zu Weihnachten in die Welt. So kann uns die Erste Kerze darauf hinweisen, dass Gottes Wahrheit größer ist als die unsere.

Die zweite Kerze sagt: lehre mich. Wir können vieles von den Gedanken Gottes nicht aus uns selber schöpfen. Denn wer nur in sich selber schaut, der wird auch nichts anderes als eigene Gedanken finden, Gedanken, die an uns selber ausgerichtet sind. Lehre mich, das ist ein Satz der Offenheit für das, was uns von Gott her entgegenkommt. Lehr mich, durch die biblische Botschaft, lehre mich durch Gespräche, die sich daran ausrichten, lehre mich, offen zu sein für das Leben um mich herum, für die Nöte und Belange der Menschen.

Wenn wir den kleinen Jan sehen, dann stimmen wir alle darin überein, dass die Kinder etwas lernen müssen. Wir begleiten die Kinder und erziehen sie, das heißt ja, wir lehren sie, im Leben zurecht zu kommen. Und wir geben ihnen weiter, was uns wichtig ist. Lehre mich Gott, das heißt für mich: lehre mich als dein Kind, wie ich in dieser Welt so leben, dass es allen Menschen gut gehen kann. Lehre mich da zu sein und zu leben als ein Mensch, der einen Auftrag zum Guten in der Welt hat und diesen auch ausführt. Dazu bedarf es immer wieder der Erinnerung und der Erneuerung meiner Gedanken. Weihnachten ist so ein Tag der Erinnerung und Erneuerung.

Die dritte Kerze steht für die Gewissheit: du bist der Gott, der mir hilft. Christlicher Glaube lebt von dieser Gewissheit, dass wir einen Gott haben, der uns Menschen nicht weit weg irgendwo im Himmel das Treiben beobachtet, sondern dass er ein Gott ist, der uns jeden Tag hilfreich zur Seite ist. Leider verkennen wir dabei oftmals das, was Hilfe heißt. Denn wir schauen auf die negativen Seiten des Lebens und meinen, wenn es denn einen Gott gibt, dann müsse er das doch verhindern. Hilfe heißt doch zunächst Abwehr des Bösen. Und dafür kommen wir doch auch zur Taufe, damit unser Kind unter dem Schutz Gottes steht.

Aber heißt der Schutz Gott, dass wir unter einer Käseglocke leben, und von dem, was um uns herum ist, nicht betroffen werden? Nein, so ist das bei dem christlichen Gott nicht. Schauen wir uns das Leben des Sohnes Gottes an: geboren in Armut – nicht im Glanz, umhergezogen als Wanderprediger ohne festen Wohnsitz, am Ende geschlagen, verhöhnt, verraten, gefoltert und qualvoll am Kreuz gestorben, bis hin in den Ruf – Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen. Alles Situationen die äußerlich nicht nach Gottes Nähe und Hilfe aussahen. Und doch macht die Auferstehung Jesu deutlich, es gab nicht eine Sekunde, wo Gott nicht präsent war. ER ist ja in die Welt gekommen, um gerade in diese Lebenssituationen hineinzugehen, um dort Nähe zu zeigen. Hilfe besteht nicht in der Lösung der Situation, sondern in dem Vertrauen, gehalten zu sein durch ein Macht, die mich will. Und das können wir uns nicht selber geben, das kann uns nur von außen gegeben werden. Und eines der schönsten Zeichen dieses Gehalten-Seins ist die Taufe, die wir empfangen, in der Gott uns seine Liebe ein für allemal zusagt.

Und damit sind wir auch schon bei der letzten Kerze, die die Kerze des Vertrauens ist. Täglich harre ich auf dich. Zunächst fällt uns dazu wahrscheinlich eher der Spruch ein : Hoffen und Harren hält den Menschen zum Narren.

Aber mal ehrlich, was wäre ein Leben ohne Hoffnung, was wäre ein Leben ohne Harren, ohne ausdauerndes Vertrauen? Nichts wäre das, denn dann würden wir nur aus dem Augenblick leben und unser Leben hätte weder Sinn noch Ziel. Doch schon allein, dass wir einen Menschen in diese Welt hineinstellen, ist ein Zeichen der Hoffnung und des Vertrauens. Wir hoffen auf eine gute Zukunft und vertrauen darauf, dass Jan eine gutes Leben haben wird. Täglich hoffe ich auf dich Gott. Weihnachten ist das schönste Zeichen der Hoffnung für diese Welt. Wenn Gott selber die Menschen so wichtig nimmt, dass er selber Mensch wird, dann haben wir eine Hoffnung, die höher ist, als all unser Denken. Darauf können wir unser Lebensvertrauen setzen.

Und das geschieht jeden Tag neu. Lebensvertrauen bekommt man nicht einmal eingeimpft, so wie bei den Vorsorgeuntersuchungen Schutz vor Krankheiten einmal etwas gegeben wird und dann ist gut. Taufe ist keine Impfung – sondern ein täglich neues Innenwerden und Erneuern des Vertrauens. Du muss jeden Tag neu in deine Taufe hineinkriechen, so hat Martin Luther es mal formuliert. Den Zuspruch der Taufe muss ich jeden Tag neu annehmen und mit meinem Vertrauen zu Gott beantworten.

So beschreiben die vier Kerzen des Advent durch den Taufspruch von Jan den Weg von uns Christen auch außerhalb der Adventszeit. Aber es ist gewiss gut, dass uns dies in der Vorbereitungszeit auf Weihnachten wieder ins Gedächtnis gerufen wird, und wir das Kommen Gottes in die Welt wieder mit neuen Augen sehen und bei uns ankommen lassen. So wird aus der Vorbereitungszeit eine Lebensbereitungszeit – immer unter dem Gesichtspunkt: Gott liebt die Welt, darum wird er Menschen, Gott ist Mensch, darum steht er an meiner Seite.

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