Keine Angst vor Harry!

Liebe Gemeinde!

In der Nacht zum Samstag war es endlich so weit: Der fünfte Band der „Harry-Potter“-Bücher ist ausgeliefert worden; vielerorts (auch bei uns) wurden Buchpartys gefeiert, damit Schlag Mitternacht alle Leseratten beginnen konnten, sich in die Abenteuer eines inzwischen 14jährigen zu vertiefen – auf Deutsch, versteht sich, denn wer wollte, konnte schon den ganzen Sommer über die englische Ausgabe studieren. Es ist wieder ein spannendes Buch geworden, phantasievoll und lustig, nachdenklich und auch ein wenig gesellschaftskritisch, denn indem die Autorin die Welt der Zauberer porträtiert, karikiert sie auch die eigene Wirklichkeit, ohne verletzend zu sein. Und wenn man ein wenig eingetaucht ist in diese Geschichten, dann fällt es auch aufgeklärten Geistern auf einmal gar nicht schwer, sich vorzustellen, dass es (gleichsam parallel zu unserer Realität) diese etwas andere Welt der Zauberer gibt, mit Häusern, die sich auf Kommando entfalten und wieder zusammenklappen, mit Bahnsteigen, die in einer Säule verbogen sind, und mit Eulen, die nicht zum Vergnügen oder zur Jagd unterwegs sind, sondern Briefe austragen müssen und Strafzettel verteilen. Ein solches Paralleluniversum können wir uns vorstellen, und wer von Physik deutlich mehr versteht als ich, der hat womöglich sogar einen mathematischen Beweis dafür, dass unsere Zeit-Raum-Dimension nur eine Möglichkeit von mehreren ist.

So geht es uns mit unserer Phantasie. Doch reicht diese bei vielen von uns nicht aus – und das finde ich unter diesen Umständen schon erstaunlich – , sich vorzustellen, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat: „Es ist schon mitten unter euch“, sagt Jesus. Und: „Es ist nahe herbeherbeigekommen.“ Und noch viele andere Aussagen mehr. Das Reich Gottes ist (im Gegensatz zu der Welt der Bücher) eine Realität. Aber wo es liegt und wie wir dorthin kommen, darüber wissen die wenigsten Auskunft zu geben, auch die Christinnen und Christen nicht. Die wiederum behelfen sich gerne eines Tricks, einer sogenannten dialektischen Unterscheidung. Entweder sagen sie: „Das Reich Gottes ist die Zukunft, die auf uns wartet“, d.h. sie verweisen auf die Ewigkeit, die sie sich dann so schön, so paradiesisch wie nur irgend möglich ausmalen (und offen lassen, wann sie beginnen wird: nach dem individuellen Tod oder nach dem Ende der Welt) – oder sie erkennen den Anbruch der Herrschaft Gottes in den Situationen, in denen sich unsere Wirklichkeit nach seinem Geist und seinem Willen verändert hat: Reich Gottes ist da, wo Gottes Friede und seine Gerechtigkeit schon begonnen haben, wo Versöhnung praktiziert wird, wo die Gemeinde Jesu Christi ihren Herrn feiert. So deuten sie sich das, was sie nicht sehen und nur schwer begreifen können – und wenn aus solchen Erklärungsversuchen Handlungsweisen folgen, die den Geist Gottes in sich tragen, dann ist das ja auch nicht schlecht. Aber das Reich Gottes ist mehr als ein Appell zu ethisch verantwortbarem Handeln und es ist auch mehr als eine Zukunftsperspektive. Es ist (geglaubte) Realität, und als Getaufte sind wir ein Teil von ihr und sollten darüber Auskunft geben können. Weil aber das Unvorstellbare Bilder braucht, um erklärbar zu sein, deshalb hat Jesus oft in Gleichnissen vom Himmelreich geredet, und deshalb will auch ich heute einmal ein verfremdendes Bild verwenden, eben diese Geschichten von Harry, dem Zauberlehrling, weil uns solche Verfremdung und solche Bilder beim Verstehen helfen können.

Es ist übrigens ein großes Missverständnis, HP für „gefährlich“ für den Glauben oder für das Seelenheil seiner Leserschaft zu halten. Wer sich ohne Angst und falsche Vorurteile an die Lektüre macht, stellt schnell fest, dass er es mit ausgesprochen frommer und im christlichen Sinne religiöreligiöser Literatur zu tun hat. Ohne sie zu benennen (und manchmal, indem sie tüchtig verfremdet werden), präsentiert uns die Autorin christliche Motive, verarbeitet sie, erklärt sie kind- und erwachsenengerecht – das Wertesystem und die Grundlinien der Geschichte folgen den Normen und Hoffnungslinien der Bibel, speziell des Neuen Testaments, einschließlich des endzeitlichen Kampfes zwischen Gut und Böse, der die ganze Handlung mit ihren vielen Nebenschauplätzen vorantreibt. Wen die Zauberei dabei stört oder gar abstößt, der mag vielleicht jetzt verstehen, wie es manchen aufgeklärten Geistern bei der Lektüre der biblischen Elia-Erzählungen zumute ist oder ähnlichen stories aus dem AT oder auch der Apg (da ist mitunter gar nicht klar, was mancher Trick mit Gott zuzu tun haben soll). Nein, Harry Potter ist keine Gefahr für unseren Glauben; wer sie dennoch auszumachen meint, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob in seinem Herzen die Angst vor Gottes Zorn nicht doch größer ist als der Mut zur Freiheit, die Gott uns schenkt.

Mit dieser Freiheit beobachten wir doch noch einmal kurz Harry, wie er zu Beginn des 5.Bandes seine Ferien im Ligusterweg verbringt: Er ist den ganzen Sommer über bei der Familie seiner Tante einquartiert, echte Muggels!, und er sehnt sich nach Nachrichten aus der anderen Welt, in der er sich eigentlich zuhause fühlt (merken Sie, wie „fromm“ das ist?!?). Weil ihn nichts erreicht, lauscht er jeden Abend angestrengt den Nachrichten im Fernsehen: Die will er sich deuten, da interpretiert er und stellt Vermutungen an – die wirklich wichtigen Informationen aber, die ihm der „Daily Prophet“ bringt, die überliest er (so geht es uns ja oft auch: Wir lesen uns religiöse Botschaften aus einer archäologisch spannenden Abfallgrube in Mansfeld heraus, anstatt das zu tun, was Martin Luther, der mutmaßliche Verursacher dieses mittelalterlichen Mülls, uns ans Herz gelegt hat: nämlich in der Bibel zu lesen und über Gottes Wort nachzudenken …). – Und mit diesem Vorzeichen deuten und Meldungen überlesen verbringt Harry seine Zeit, bis auf einmal, ohne Vorwarnung, die Boten aus dem Reich der Magie vor ihm stehen, so intensiv und raumgreifend, dass der Himmel sich verändert und das Klima und alles, was an seiner Umgebung vertraut war. Aber der Rest der Welt bekommt von diesen Dingen gar nichts mit …

Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann, sagt Jesus. Seine Rede, die Lukas aufgezeichnet hat, richtet sich an zwei Gruppen von Leuten, die Pharisäer (die hier überhaupt nicht kritisch oder gar feindlich dargestellt sind) und die Jünger. Für die Pharisäer war es ein Teil ihrer Glaubenspraxis, nach Vorzeichen Ausschau zu halten für die Wiederkunft des Messias, und sich auf diesen wichtigen Tag vorzubereiten. Der jüdische Schriftsteller Manès Sperber erzählt von einem Spiel, das er und seine Freunde als Kinder in ihrer galizischen Heimat gespielt haben: Sie übten, so lange als möglich auf den Händen zu gehen und zu stehen. Sie hatten nämlich gelernt, dass der Messias, wenn er kommt, die Welt auf den Kopf stellt. Das würde den Ungeübten viele Schwierigkeiten bereiten. Deshalb trainierten sie sich, wie sie es nannten, in der messianischen Gymnastik. Sperber hat sich als alter Mann immer wieder daran erinnert, an diese Hoffnung, nein, die feste Überzeugung, dass die Welt veränderbar ist und nichts bleibt, wie es ist – und dass man dafür üben muss!

Messianische Gymnastik also (in vielerlei Hinsicht) haben die Pharisäer betrieben. Und die Jünger? Die haben von Jesus gelernt, zu beten: „Dein Reich komme!“ Aber über diesem Gebet sind sie ungeduldig geworden, warten darauf, dass ihre Bitte erfüllt wird, möchten die Sache vielleicht ein wenig beschleunigen, so wie die Menschen des Mittelalters es versucht haben, die wir in dem neuen Luther-Film bestaunen und vielleicht ein wenig belächeln wollen. Und auch zu ihnen redet Jesus. So, wie er die Pharisäer ermahnt, sich nicht in Zeichendeutung zu verlieren, so schärft er seinen Anhängern in vielen Geschichten ein, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat. Ich brauche das jetzt nicht im einzelnen aufzuzählen, will uns nur ein paar Stichworte in Erinnerung rufen. Und gleich noch dies hinzusetzen: All diese Aspekte sind keine Alternativen, sondern beschreiben ein und dieselbe Sache. So ist das Reich Gottes ein zukünftiges Ereignis und doch auch der Ort der Herrschaft Gottes im täglichen Leben. Es wird verkündigt – und es wird jetzt schon daran gearbeitet! Es ist der Ort, wo Jesus sich aufhält und wo Platz ist für die Gerechten, es ist aber auch ein Synonym für Gott und Christus selbst. Es beschreibt das Einwirken Gottes auf unseren Alltag und es findet dort statt, wo wir selbst daran arbeiten… „Das Himmelreich ist wie …“ beginnt Jesus seine Gleichnisse, und dann hören wir vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn, lassen uns zum himmlischen Festmahl einladen und wollen die Vorbereitungen dazu nicht vergessen wie die törichten Jungfrauen, denen ihr Licht ausgeht. „Selig sind …“ sagt Jesus und spricht den Benachteiligten das Himmelreich zu, macht Leidtragende, Hungernde, Verfolgte zu seinen Hausgenossen. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, erklärt unser Herr und zeigt uns eine Wirklichkeit neben der, in der wir uns zurechtfinden müssen – neben ihr und nach ihr, ja, das auch. Viele Geschichten, viele Aussagen … jeden Sonntag, an dem sich die Gemeinde um Gottes Wort versammelt, wollen wir wenigstens ein Zipfelchen von dem erlernen, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat, jedes Mal, wenn ein Kind getauft wird oder Jugendliche in der Konfirmation ihre Taufe bestätigen, feiern wir die Bürgerschaft in diesem Reich, jedes Mal, wenn wir uns um den Tisch des Herrn versammeln, sind wir in Gottes Reich zu Gast beim großen Festmahl.

Noch einmal aber will ich mit Ihnen in das Reich schauen, von dem die HP-Geschichten erzählen. Der neuerschienene Band ist ja in den letzten Wochen besonders kritisiert worden. Er sei eigentlich nichts für Kinder (na ja: mit 14 ist man ja auch kein Kind mehr, und die einzelnen Bände sind ja immer für die gedacht, die mindestens so alt sind wie ihre Hauptfigur). Zu gruselig sei er, zu düster und ernst. Ich kann das nicht finden, liebe Gemeinde. Er ist nicht weniger lustig und nicht weniger spannend als die anderen Geschichten auch. Was ihn vielleicht ein wenig ernster und nachdenklicher macht, ist ein Thema, das bisher nur am Rande gestreift wurde, nämlich der Tod. Harry hat (am Ende von Band vier) einen Kameraden sterben sehen, und auch im 5.Band wird er jemanden, den er liebt, an den Tod verlieren. Das beschäftigt ihn, und darüber muss er reden. Er findet eine Mitschülerin mit ähnlichen Erfahrungen. Was sie ihm sagt und wie sie ihre Hoffnung interpretiert, das kann ihn trösten und das beschreibt (mehr will ich nicht vorwegnehmen) in einfachen Worten christliche Auferstehungshoffnung – ohne dabei simpel zu werden und die Gesetze der Metaphysik zu verletzen. Luna, so heißt die junge Dame, trauert sozusagen „mit Perspektive“, ohne den Tod in all seinem Schrecken schön zu reden. Und so lebt sie ein wenig bewusster als die anderen, ein wenig verträumter auch – eben erwachsener und reifer.

Ich halte das für einen ganz wichtigen Hinweis, den uns dieses neue HP-Abenteuer geben will: Dass es zum Erwachsenwerden gehört – auch zum Erwachsenwerden im Glauben! – . dass wir Auskunft geben können über unsere Hoffnung, dass wir eine Sprache haben für das, was nach dem Tod kommt. Wer das nicht kann, dem fehlt Entscheidendes, er oder sie mag so alt und so gebildet sein, wie er oder sie will. Es ist ein Armutszeugnis für einen meiner Tübinger Lehrer, einen hochgeachteten Gottesgelehrten, dass er bei der Beerdigung eines seiner besten Freunde der Witwe die Antwort auf die Frage, wo ihr Mann jetzt sei, schuldig bleiben musste. So soll, so darf es uns als Christinnen und Christen nicht gehen!

Auch für uns ist nun also „Messianische Gymnastik“ angesagt, aber nicht, indem wir auf den Händen durchs Dorf laufen, sondern indem wir uns in der Sprache üben, die im Reich Gottes gesprochen wird. Messianische Gymnastik heißt: Reden können von dem, was wir glauben und hoffen, mitbauen an Gottes Reich, mitfeiern in der Gemeinde (beim Abendmahl und auch sonst), Zeugnis ablegen in Worten und auch in Klängen. Die Sprache der Gospels ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man vom Kommen des Gottesreiches reden kann, überhaupt die Musik (Sie werden es beim nächsten Lied merken, – Lasst uns den Weg der Gerechtigkeit gehn – wie da die Bewegung deutlich wird von beiden Seiten: Wir gehen auf Gottes Reich zu, gleichzeitig kommt es uns entgegen, da ist keine Zeit für Pausen, nur zum Atemholen und Entgegenspringen). Denn das ist das Wichtigste bei unseren Übungen: Dass wir uns bei allem, was wir tun, an unserer Hoffnung freuen, anstatt uns vor ihr zu fürchten. Und dass wir ohne Angst tun, was zu unserem Alltag und unserem Leben gehört, essen, trinken, feiern, lachen und arbeiten. Auch dazu möchte ich Ihnen am Schluss noch ein Beispiel geben, es spielt im 19. Jahrhundert, irgendwo im Mittleren Westen (im Bible Belt) der USA. Das Landesparlament tagte und ein Abgeordneter hielt eine wichtige Rede über ein heute gar nicht mehr wichtiges Thema. Plötzlich wurde es finster im Raum, die Erde rumorte, starker Wind rüttelte an den Fenstern. Den Abgeordneten, die alle besorgt aus dem Fenster schauten, was sich da in der Natur zusammenbraute, rief der Redner zu: „Meine Herren, es gibt überhaupt keinen Grund, die Sitzung zu unterbrechen. Entweder unser Herr Christus kommt jetzt zu uns: dann soll er uns bei der Arbeit finden. Oder er kommt nicht: dann müssen wir ohnehin weitermachen!“ – Mit dieser Glaubensgelassenheit wollen auch wir dem Tag des Herrn entgegengehen.

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