Jesus allein ist der gute Hirte

In Elze, in meinem Heimatort, da fließt ein kleiner Fluss, die Saale, wenn man ein Stückchen an diesem Fluss entlang
geht, erstreckt sich aufeinmal, ganz unerwartet eine große Wiese auf dem anderen Ufer. Und immer, wenn ich Einkaufen ging oder ein gute Freundin besuchte, waren sie da. Ich hörte sie schon von weitem. Die Schafe. So ca. 20 Schafe, mal mehr, mal weniger. Sie grasten friedlich, lagen im Gras oder machten Pause. Oder sie standen – wie ich – am Flussufer und schauten hinüber. Oder aber sie blökten.

Und obwohl ich dort bald täglich langging, habe ich Eines nie geschafft: Ich habe die Schafe nie auseinander halten können. Sie sahen für mich immer gleich aus – eins wie das andere. Gut, ich gebe zu, wenn ein Lamm dabei war, habe ich es schon erkannt, doch sobald es groß geworden war … Ich konnte sie nicht unterscheiden.

Liebe Gemeinde, Jesus sagte von sich: "Ich bin der gute Hirte, und kenne die Meinen." Jesus offenbart hier seine göttliche, für uns manchmal ganz unbegreiflichen Seite.
Es ist klar, Jesus spricht hier nicht von den Schafen, wie sie in Elze auf der Weide stehen. Jesus spricht hier von denen, die zu ihm gehören. Er spricht hier von uns. Er spricht von ihnen und Ihnen und von mir und von dir. Er sagt: "Ich bin der gute Hirte, und kenne die Meinen." Jesus kennt uns. Er kennt uns, weil er ganz eng verbunden ist mit Gott.

Von diesem Gott sagt der 139. Psalm: "Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass Du Herr nicht schon wüsstest. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe." Jesus kennt uns ganz und gar. Er weiß davon, was das Leben schwer macht. Er weiß davon, was ganz tief im Herzen liegt. Wir sind für Jesus wie ein offenes Buch. "Ich bin der gute Hirte, und kenne die Meinen.", so es Jesus.

Doch Jesus hat nicht nur die im Blick, die jetzt, hier und heute zum ihm gehören. Er sagt es ganz deutlich: "Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden."

Jesus bleibt nicht beim Gegenwärtigen. Sein Blick ist hier auf die Zukunft gerichtet. Ich höre hier folgende Vision: Eines Tages werden die vielen verschiedenen Kirchen und christlichen Glaubensrichtungen wieder zusammenfinden. Weil Christus sie ruft und weil sie auf ihn hören. Sie werden dann wieder eine Herde sein. Und sie werden sich dann nicht mehr darüber streiten, ob sie gemeinsam Abendmahl feiern können oder dürfen. So wie es jetzt im Zusammenhang mit dem Ökumenischen Kirchentag, der Ende Mai in Berlin stattfindet, wieder geschehen ist. Weil Jesus es sagt, dürfen wir ihm glauben: "es wird eine Herde und ein Hirte werden". Ich habe bereits gesagt: Jesus kennt uns. Er kennt das menschliche Leben.

So kurz nach Ostern ist uns auch noch gut der Karfreitag vor Augen. Jesus hat selbst gelitten. Alles, was uns, Ihnen und mir, an Schlimmem und Bösem widerfahren ist und noch kann, hat er bereits bis zum äußersten getragen. Auch deswegen kennt er uns, kennt er die Seinen. Und gerade
– weil er weiß, dass unser Leben immer wieder bedroht ist durch Unfriede in der Familie und durch Unfriede zwischen
Völkern,
– weil er weiß, dass unser Leben immer wieder bedroht ist von Krankheit an Leib und Seele
– weil er weiß, dass unser Leben immer wieder bedroht ist Neid und Rücksichtslosigkeit in der Schule und im Beruf,
– weil er weiß, dass unser Leben immer wieder bedroht ist von Einsamkeit und Angst,
– weil er weiß, dass unser Leben immer wieder bedroht vom Wolf mit seinen vielen Namen und vielen Gesichtern.
Gerade deswegen sagt Jesus ein für alle Mal: "Ich bin der gute Hirte" und niemand sonst.

Freilich gibt es viele, die sich zeitweise verantwortlich fühlen, für Sie und für mich, für die Kinder, für die Kranken,
für die Arbeitslosen, Johannes nennt sie Mietlinge ohne rechten Sinn für Verantwortung. Mir fallen auch andere Namen dafür ein:
– Politiker, die das Krankenwesen und den Arbeitsmarkt verschlanken wollen – und Abbau des sozialen Netzes meinen
– Präsidenten, die aufgrund eigener politischer Ziele Achsen des Bösen erkennen und kriegerisch bekämpfen und deutsche Parteien, die das unterstützen
– Volksverhetzer, die Juden, Ausländer oder Minderheiten für alle Probleme verantwortlich machen …
Doch wenn es hart auf hart kommt, wenn auch ihr eigenes Wohlergehen gefährdet ist, dann liefern uns diese Mietlinge, diese vermeintlichen Führer, schutzlos den leid- und todbringenden Wölfen aus.

Dagegen setzt Jesus sein Versprechen: "Ich bin der gute Hirte". Er hat für uns durch seinen Tod das Leben erkämpft. Er hat für uns das Leben nach dem Tod errungen. Er hat uns die Hoffnung widergegeben, dass nach den dunklen und schweren Tagen des Lebens das strahlende Licht der Sonne
wieder unseren Weg bescheinen wird.
Jesus ließ dabei nichts aus – er selbst ging durch das dunkle Tal des Todes, bereitete uns dort den Weg, und wurde
wieder lebendig. Und das gilt auch für uns. So wie es der 23. Psalm beschreibt, den wie heute schon gesungen haben: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich."

Liebe Gemeinde, wir gehören zur Schafherde Gottes. Er vergisst und verwechselt niemanden. Er kennt jeden und jede einzelne ganz genau. Deswegen können wir uns ihm auch anvertrauen. Er weiß, was wir brauchen.

Wir brauchen Menschen, die uns gut kennen und mögen. In schweren Zeiten brauchen wir die Gewissheit, dass Gott bei uns ist und uns wieder aufhilft. Ganz konkret. Wenn es ans Sterben geht, brauchen wir die Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Das alles will Gott uns geben.

Um uns das zu zeigen, ist Jesus gekommen. Deshalb hat er gesagt: Ich bin der gute Hirte.

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