In der Nachfolge des guten Hirten

Als ChristInnen leben wir in einer Welt voller Gewalt – egal ob in Palästina oder angesichts der Gewaltverbrechen oder der ‚ungerechten Tode kleiner Kinder oder junger Väter und Mütter. Wir sind selber Teil dieser Gewalt, auch wenn wir niemandem an den Kragen gehen. Es ist Gewalt in uns und um uns, wenn immer mehr Paare sich scheuen, Kinder in die Welt zu setzen, wenn immer mehr Menschen Angst haben im Dunkel zu Fuß durch unsere Straße zu laufen, wenn Menschen Angst haben vor Großveranstaltungen, weil es immer wieder zu Ausschreitungen kommt. Beratungsstellen und Frauenhäuser legen beredtes Zeugnis ab von der Gewalt in dieser Welt.

Wir sind Teil dieser Gewalt. Wir erleben Wutausbrüche an uns. Spätestens beim Auto fahren oder wenn wir auf unsere Mitmenschen schauen. Gewalt gehört zum Menschen dazu, das sehen wir, das spüren wir. Davon lenkt die Bibel uns auch nicht ab. Sie will uns nur Wege zeigen mit dieser Gewalt umzugehen:

[TEXT]

Psalm 23 haben wir vorhin miteinander gebetet. Für den (uns unbekannten) Verfasser des Briefes an die Hebräer ist klar, dass Jesus Christus der gute Hirte ist, den die Altvorderen im 23. Psalm beschrieben haben. Er ist derjenige, der uns gibt, was wir zum Leben brauchen und uns auch im finsteren Tal begleitet. Ja, er ist für uns ins finsterste Tal des Todes gegangen und auch für uns auferstanden. Er lädt uns immer wieder an seinen Tisch, um uns auch dort zu bewirten, wo das Leben gegen uns zu sein scheint. Indem er seine LeserInnen an dieses Verständnis des Wesens Jesu als des Guten Hirten erinnert, segnet er sie zum Abschluss seines Briefes, segnet er die, die er damals gemeint hat und uns, die wir heute in der Nachfolge der damaligen Gemeinden diesen Brief empfangen. Scheinbar waren unsere beiden Verse kein frei formulierter Segen, sondern einer, der immer wieder im Gottesdienst der urchristliche Gemeinde vorkam. Mit einem damals allgemein bekannten Segenswunsch segnet er auch uns.

In seinem Segen will uns wieder darauf aufmerksam machen, dass Gottes Handeln an uns reinigenden Charakter hat – wir dürfen uns vor Gott bloß stellen und er will uns reinigen. Er wartet auf uns und er sucht uns, wie er schon Adam und Eva nach ihrem Sündenfall im Paradies gesucht hat. Er will mit mir reden, er will, dass ich ihm sage, was mich belastet. Wie er Adam und Eva nicht gesucht hat, um mit ihnen ein Gericht abzuhalten, will er auch mit mir kein Gericht abhalten, sondern mir die Freude schenken, die darin liegt, über alles reden zu können, alles bekennen zu können. Gottes wahres Ich begegnet uns in dem guten Hirten, der für uns da ist und uns begleitet. In der Liebe, die nicht kritiklos alles gut findet, sondern die neue richtige Wege zeigt. Die mir hilft immer neu auf die Beine zu kommen und einen guten Weg zu finden.

Der Segenswunsch trifft auf einen neuralgischen Punkt der EmpfängerInnen, weil er ihren Willen Gottes Willen unterordnet. Es geht mir ja oft so, dass ich meine zu wissen, was gut und richtig ist. Das Bild vom guten Hirten korrigiert mich. Ich muss immer wieder neu lernen auf Gottes Willen in meinem Leben zu hören und diesen willen zu leben, weil er wirklich gut für mich ist. Gott bietet mir seinen ewigen Bund an, der mich gerade in den dunklen Tälern, die ich erleben halten und stärken will.

Es fällt mir heute schwer, vom ‚Gott des Friedens‘ zu sprechen in einer unfriedliche Welt, in der auch die Kirchen Teil des Unfriedens sind und in der klar ist, dass Frieden mehr als die Abwesenheit von Krieg ist , ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen. Ich höre die Nachrichten aus Palästina, ich sehe Bilder von gequälten Kindern, von geschlagenen Frauen, von Hooligans und von rücksichtslosen Autofahrern, die mit dem Leben aller Mitmenschen spielen.

Aber es ist der Gott des Friedens, der uns segnet, den Frieden zu schaffen, den wir schaffen können. Unsere Möglichkeiten sind bescheiden und oft genug sind unsere Versuche Frieden zu schaffen schon gescheitert, auch an uns selber. Wir sollen wissen, dass auch auf unseren verzweifelten Versuchen Frieden zu schaffen und auf unseren Gebeten um den Frieden sein Segen liegt.

Bonhoeffers Leben ist für mich Vorbild dafür, das ein Mensch leben kann in der Nachfolge des Guten Hirten, der sein Leben lässt für die Seinen. Ich habe letztens im TV den Film ‚Die letzte Stufe‘ gesehen. Ich habe einen Menschen gesehen, der Fehler gemacht hat, der Skrupel hatte, der aber auch begriffen hat, wo sein Weg hinführt. Er ist ihn konsequent gegangen und konnte so selbst im Gefängnis von Tegel noch etwas verbreiten, von dem Frieden, den Gott schafft. Vielleicht macht Gott mich ja auch stark, wenn ich für den Frieden lebe und bete. Sein Segen jedenfalls ruht auf mir. Diese Verheißung haben wir.

Diese Verheißung kann uns auch in der Woche für das Leben weiterhelfen: ‚Von Anfang an das Leben wählen … statt auswählen‘. Es sind schwere Schicksale, denen wir begegnen. Nicht jede Schwangerschaft ist nur schön. Oft ist Angst mit dabei. Und es ist verdammt einfach immer zu sagen: Egal wie, das ungeborene Leben muss geschützt werden. Eben verdammt. Oft ist ein solcher Spruch Verrat am Frieden, Verrat am Menschen, der mit seinen Ängsten und Nöten nicht weiter weiß. Genauso verdammt einfach allerdings ist es von unerwünschten Schwangerschaften zu reden, die abgebrochen werden können. Es gibt Situationen, da gibt es keine guten Antworten. Das wissen wir. Und so können wir manchmal nur Menschen anbieten mit ihnen Wege zu gehen und mit ihnen zu beten. Aber wenn wir das wirklich tun, wird der Segen Gottes uns begleiten und uns helfen Antworten zu finden, manchmal auch Antworten, die wir gar nicht finden wollten.

Eins bleibt in allem sicher: Solange wir einander segnen, einander begegnen in der Nachfolge des guten Hirten, der da ist für die Seinen, solange ist die Kirche nicht verloren.

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