Im Vertrauen auf den guten Hirten leben

Liebe Gemeinde!

Diesen Sonntag nennen wir manchmal auch den "Hirtensonntag". Das hat damit zu tun, dass die Barmherzigkeit Gottes im Bild von Hirt und Herde ganz besonders greifbar wird. Im 23. Psalm haben wir es am Anfang miteinander gebetet, in der Evangelienlesung war davon die Rede und nun begegnet uns auch im Predigttext das Bild vom Guten Hirten.

Ist es Zufall, dass die Bibel dieses Bild so oft verwendet? Oder ist es vielleicht eher doch ein uralter Menschheitstraum, der dahinter steht: Ausschau zu halten nach einem, der unsere Geschicke lenkt, der uns führt uns beschützt? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dem sicherlich so ist. Da gab es doch immer wieder starke Gestalten in der Geschichte der Menschheit, Führungspersönlichkeiten, denen die Menschen, manchmal auch blindlings, gefolgt sind. Oftmals endete das im totalen Desaster. Das hat manche und mancher unter uns am eigenen Leib bitter erfahren müssen. Eine solche Gestalt steht mit Yasser Arafat in diesen Tagen in Israel unter Arrest und Beschuss und ist weltweit zu Recht unter Druck geraten. Ein Mann, der verantwortlich ist für soviel Leid und Elend in palästinensischen wie in israelischen Familien. Einer, der es geschehen lässt, dass 16, 17, 18 jährige Jungen und Mädchen sich und andere in die Luft sprengen, einer dem Menschenleben so wenig wert sind, der ist kein guter Hirte. Ein weiteres Mal zeigt sich in Israel, dass wir Menschen sehr vorsichtig sein sollten bei solchen selbsternannten oder von Menschen gemachten Hirten.

Und doch steckt es auch in uns, diese Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Sicherheit, nach Frieden, die im Bild von Hirt und Herde steckt. Ich entdecke heute wieder an manchen Wahlplakaten zu unserer Landtagswahl, dass genau diese Gefühle angesprochen werden sollen bei so manchem Slogan.

Was ist nun heute unsere Botschaft am Sonntag des guten Hirten? Was können wir aus diesen zwei Versen des Hebräerbriefes mitnehmen in die vor uns liegende Zeit? Das Wort aus dem Hebräerbrief lenkt unseren Blick, unsere Gedanken in verschiedene Richtungen: "Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!"

Das hier ist keine Wahlpropaganda. Hier will uns keiner mit seinem Programm locken. Hier stellt sich niemand zur Wahl. Was wir hier hören ist ein Gebet, ist die Fürbitte eines Seelsorgers für seine Gemeinde. Hier am Ende des Hebräerbriefes fasst der Schreiber noch einmal alles zusammen. Er macht sich Gedanken wie es weitergehen kann in seiner Gemeinde, in der der Schwung und die Begeisterung des Anfangs offenbar vorbei sind. Was will der Beter dieser Worte? Er erinnert zunächst einmal an das was zu Ostern geschehen ist. Gott, der Gott des Friedens hat unseren Großen Hirten heraufgeführt von ganz unten, von der Tiefe des Leidens bis nach oben – zur Rechten Gottes. Es geht ihm um Ostern. Und darin ist er nicht allein. Immer wieder lassen sich Menschen aufhalten von diesem Blick auf Christus. Der Beter erinnert uns daran, dass Gott uns herausgeführt hat aus den Tiefen durch das Ostergeschehen. Durch dieses Ereignis sind wir dazu genötigt, Stellung zu beziehen zu diesem Hirten. Wir stehen da in einer ähnlichen Situation wie die Adressaten des Hebräerbriefes, nämlich vor der Frage. Fassen wir Vertrauen in diesen Auferstandenen? Ergreifen wir seine ausgestreckte Hand, oder bleiben wir zögernd stehen?

Um es in einem Bild zu beschreiben: Wir befinden uns heute etwa so wie vor einer riesigen Brücke stehend, von der wir nicht wissen, ob wir heile über sie hinwegkommen. Wir sehen das andere Ufer, aber auch den Abgrund unter uns. Wir möchten gern losgehen, aber haben doch Angst davor. Diese Angst kennen wir. Der eine fragt sich, warum seine Einsamkeit, das Schweigen um ihn herum immer mehr Raum einnimmt. Einer fragt, ob ihn seine Krankheit und seine Schmerzen immer weiter quälen werden. Ein anderer ist mit seinem Leben unzufrieden, weil er das Gefühl hat, nicht mehr gebraucht zu werden.

Der, der hier in unserem Text betet, hat das alles im Blick. Sein Gebet klingt wie eine Bitte: Lass doch diese Brücke sichtbar werden o Herr! Du hast sie doch fest und sicher gebaut. Du, Herr bist doch dafür gestorben, dass keiner von dieser Brücke abstürzen muss. Der hier betet, weiß, dass die Brücke hält. Er will die, die ängstlich davorstehen ermutigen, sich auf den Weg zu machen, dass aus ihrer Angst Mut, aus ihrer Traurigkeit Freude und Gemeinschaft aus ihrer Einsamkeit wird. Jesus ist es, der Gute Hirte, der uns über diese Brücke geleitet. Er ist es, der uns einen neuen Weg bahnt. Freilich, dieser Weg ist nicht asphaltiert, das ist sicher. Er führt auch nicht nur über grüne Auen, sondern auch durch finstere Täler, wie es der Psalmist in unserem 23. Psalm sagt. Aber – und das ist das entscheidende dabei – Gott führt uns dabei hindurch.

Eines müssen wir allerdings immer beachten: Wir beten im Vaterunser: "Dein Wille geschehe" – nicht "mein Wille". Im Vertrauen auf den Guten Hirten zu leben, sich von Jesus an die Hand nehmen zu lassen, heißt auch, den eigenen Willen ihm immer wieder unterzuordnen. Das ist schwer. Und doch gibt es keinen anderen Weg. Ich muss immer wieder neu lernen auf Gottes Willen in meinem Leben zu hören und diesen Willen zu leben, weil er wirklich gut für mich ist. Gott bietet mir seinen ewigen Bund an, der mich gerade in den dunklen Tälern, die ich erleben halten und stärken will.

Vom Gott des Friedens ist zum Schluss in unserem Predigttext die Rede. Frieden wird konkret, wenn wir darauf achten, dass keiner abstürzt, dass keiner verloren geht auf dem Wege. Der Verfasser macht das deutlich indem er die Gemeinde ermahnt, füreinander zu beten. Martin Luther hat einmal gesagt: für einen anderen beten, heißt, ihm einen Engel zu schicken. Zu einer solchen Gemeinschaft, zu einem solchen miteinander will uns der Schreiber des Hebräerbriefes heute ermutigen. Falten wir also immer wieder die Hände und denken wir im Gebet an die Männer, Frauen und Kinder, die den Frieden Gottes am Nötigsten brauchen. Das sind in diesen Wochen wohl die Menschen auf allen Seiten des Konfliktes in Israel.

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