Gottes Reich ist nicht weit

Liebe Gemeinde,

der Predigttext, so fremd er sich auf den ersten Blick vielleicht anhört, hat für mich eine ganz besondere Aktualität: Zum einen natürlich – Sie wissen es wohl – weil wir in unserer Kirchengemeinde in der letzten Zeit viel mit Dieben zu tun hatten. Mit Einbrechern, die tags wie nachts zu uns kamen und uns das Leben in der Kirche schon ziemlich vermiesen. Von daher kommen mir natürlich ganz eigene Bilder, wenn Paulus die Wiederkunft Jesu mit dem unerwarteten Eindringen eines Diebes vergleicht. Das muss etwas zutiefst unangenehmes sein, wenn Jesus kommt in unsere Welt. Etwas, was man am liebsten gar nicht erleben möchte.

Und doch gehört es, das ist das andere, zu unserem christlichen Glauben dazu, wir warten darauf, dass Gottes Herrlichkeit sich durchsetzt, dass endlich Frieden wird, dass der Tod endlich keine Macht mehr hat, gerade jetzt. Im Vater unser beten wir darum: „Dein Reich komme!“ Wie das aussieht? Das fällt uns schwer, in Worte und Bilder zu fassen. Paulus spricht vom Dieb und von den Wehen einer Schwangeren – beides nicht schön. Dazu kommt, was wir gerade im Glaubensbekenntnis bekannt haben: Jesus kommt, „zu richten die Lebenden und die Toten“. Auch ein Bild, das Angst machen kann.

Vielleicht ist diese Angst es, dass wir uns an das Thema Tod und was danach kommen wird, nicht heran trauen. Wir schieben die Frage, ob unsere Welt, ob mein eigenes Leben nicht irgendwann zu Ende gehen muss, vor uns her, von uns weg. Und leider haben wir auch keine Vorstellung, keine Sprache mehr dafür, dass es nach Gottes Plan für seine Schöpfung eine Zeit geben wird, wo es eben keine Zeit mehr gibt, sondern seine Ewigkeit für uns anbricht: Wo diese Welt vergeht und dafür das Reich Gottes kommt. Es wird nach dem biblischen Zeugnis einen Tag geben, da wird unser Herr Jesus Christus wieder sichtbar, für alle erkennbar kommen und den Frieden bringen, von dem die Engel schon zu Weihnachten gesungen haben und von dem vor allem auch ganz am Ende der Bibel berichtet wird, wenn es in der Offenbarung heißt: Gott wird mitten unter den Menschen wohnen und der Tod wird nicht mehr sein.

Darauf warten wir als Christen. Dass sich unser Schmerz über den Verlust von Gesundheit, von Menschen, die uns lieb gewesen sind, verwandelt in Freude darüber, dass Gott neues, ewiges Leben schafft. Natürlich ist das in diesem grauen Novemberwetter schwer zu glauben, aber doch brauchen wir gerade jetzt diese Hoffnungsbotschaft: Ja, jetzt sieht vieles tot aus in unserer Welt, aber Gott schafft neu: nicht nur im nächsten Frühling, sondern eben auch am Ende der Welt, am Ende meines Lebens.

Wann das sein wird, das wissen wir nicht. Nicht einmal Paulus wusste es, die Menschen in Thessaloniki, an die er schreibt, wussten es nicht. Die ersten Christen lebten noch in der festen Erwartung, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wieder kommen würde und das Reich Gottes aufrichten würde. Diese Naherwartung ist uns – wohl zurecht – verloren gegangen. Auch wenn ich von der Aufforderung weiß, jederzeit mit dem Reich Gottes zu rechnen wie mit einem Dieb, so ist das doch nicht das Zentrum meines Glaubens, sondern eher unter „ferner liefen“. Dazu lebe ich auch viel zu gerne, freue mich an und in dieser Welt. Ich möchte noch lange mit meiner Familie leben, mit Freunden. Und ich bin auch viel zu gerne Pastor, Mitarbeiter Gottes, als dass ich jetzt schon quasi alles meinem himmlischen Chef abgeben möchte. Wobei, manchmal, wenn es nervig wird oder schmerzhaft, dann rufe ich auch manchmal: „Herr, komm!“

Ich glaube, dass ich schon bald das Reich Gottes sehen werde, Jesus nicht als meinen Richter, sondern als meinen Retter sehen werde. Bald, wenn ich die Maßstäbe Gottes an Zeit anlege. Denn spätestens mit meinem eigenen Tod habe ich ja Teil an dem Reich Gottes, an der Auferstehung von den Toten, am ewigen Leben. Und dieser Tod ist nichts, wovor ich Angst haben muss, denn Jesus ist auch nicht bei den Toten geblieben, sondern auferstanden. Wohl habe ich Angst vor dem Sterben, vor Schmerzen und Leid. Aber das, was mich danach erwartet, dass ist Gottes Licht und seine unendliche Liebe zu mir. Von daher ist das zweite Bild von Paulus für mich so ein einleuchtendes: Wenn das Reich Gottes für mich kommt, wird es sein wie die Wehen einer Schwangeren. Wann genau sie einsetzen, weiß man vorher nicht, auch wenn man versucht, den Geburtstermin genau zu errechnen. Und die Schmerzen sind höllisch. Ich habe das selber zweimal miterleben müssen und dürfen, wie sich meine Frau gequält hat bei der Geburt. Aber das, was dabei Hoffnung und Kraft gibt, ist ja, dass es die Schmerzen sind, damit neues Leben entstehen kann. Etwas anderes ist unser Tod auch nicht, es ist ein Übergang in ein neues Leben, der sicherlich schwer ist. Aber es erwartet uns etwas unbeschreiblich schönes.

Als Christen dürfen wir damit rechnen, dass wir Gott sehen werden, dass wir die Ankunft Jesu erleben können. Wir können jetzt schon leben mit dieser Hoffnung – auch gegen den Schein. Wir können jetzt schon damit rechnen, dass das Reich Gottes mitten unter uns ist, so wie wir es im Evangelium gehört haben. Wir können schon jetzt leben im Lichte der Ewigkeit, als Kinder des Lichts. Als Kinder des Lichts zu leben heißt, damit zu rechnen, dass Gott in unserem Leben etwas tut, er mit uns geht, uns erwartet. Als Kind des Lichts zu leben heißt, ganz wach und nüchtern damit zu rechnen, dass Gott Dich nicht fallen lässt, auch wenn ein grauer Tag im November das manchmal vermuten lässt.

Als Kinder des Lichts zu leben heißt dann für uns als Kirche auch, dieses Licht in der Welt leuchten zu lassen. Wir sind als Gemeinde aufgefordert, Menschen, die in der Finsternis sitzen, sei es aus innerem Schmerz oder äußerer Bedrohung, dieses Licht aufscheinen zu lassen. Das muss nichts großartiges sein, sondern ist meist ja ein kleiner tätiger Dienst: ein Zuhören, Lächeln, trösten. Und wir sind als Kirche gefordert, nicht aus Angst vor Dieben die Schotten dicht zu machen, sondern hinaus zu gehen.

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