Gott weiß, wie sehr wir leiden

Liebe Gemeinde,

über 170 Tote melden die Nachrichten vom Brandunglück der Gletscherbahn am Kitzsteinhorn in Österreich. Es sind hauptsächlich junge Menschen und viele Kinder, die bei dem Unglück im Tunnel starben. Unser Predigttext hat mit dem, was Hiob sagt, eine bestürzende Nähe zu unserem Leben. Sehr vergänglich sind wir Menschen. Jahre spielen keine Rolle. Wir sind vielleicht stolz auf 70 oder 80 Jahre, wie es im Psalm 90 heißt. Aber wieviele Jahre es auch sind, sie sind zumeist Mühe und Arbeit. Wir sind wie eine Blume die morgens erblüht und abends bereits verwelkt ist. Wie ein Schatten verschwinden wir und fort sind wir.

Das ist unsere Wirklichkeit, der wir uns nicht entziehen können. Hiob hat das selbst schmerzhaft erfahren. Er verlor seinen Besitz, seine Familie und Gesundheit. Er ist schwer krank. Alles konnte er noch tragen. Er weiß, dass wir sterblich sind und davon müssen. Darüber klagt er nicht mehr, als andere Menschen auch. Er hat loslassen müssen und war letztlich auch dazu auch bereit. Das gehört zum Leben.

Ihn treibt anderes mit Gott um. Das schwerste Unglück ist tragbarer, als immer und überall von Gott angeschaut zu werden. Seine Nähe, in seinem Blickfeld zu sein ist nicht tröstlich, sondern tödlich. Es macht Hiob verrückt. Der Mensch ist so unbedeutend. Er verschwindet wie ein Schatten und ist fort. Aber Gott lässt ihn auch nicht den allerkleinsten Moment aus den Augen. Er sieht alles was wir sind und tun. Schließlich richtet es uns auch noch, sagt Hiob.

Das ist nicht auszuhalten. Das ist eine bedrückende und quälende Nähe Gottes. Das ist schlimmer als der große Bruder in der Schreckensvision von Georg Orwells Roman 1984. So sehr wir uns vergewissern, dass Gott uns nahe ist und wir uns nicht zu fürchten brauchen, ist doch sein immerwährenden Blick bis hin in die tiefste Einsamkeit und Zurückgezogenheit, wo wir ganz persönlich nur noch mit uns selbst sind, bedrohlich und nicht auszuhalten. Was ist das für ein Gott, der uns auch nicht einen Augenblick aus den Augen lässt? Ist er ein Voyeur, ein heimlicher Zuschauer, ein Glotzer, der sich an unserer Ohnmacht, unseren Fehlern, unserer Schuld und unserem Versagen, an unserer Not weidet?

Gott weiß doch genau, wer wir Menschen sind. Wir sind vom Beginn unseres Lebens an mit Schuld beladen. Keiner von uns bringt Gutes zustande. Unser Leben ist wahrhaftig begrenzt. Für Hiob hat Gott auch die Dauer unseres Lebens festgelegt. Das allerdings muss für die Angehörigen der Menschen, die bei dem Unglück der Gletscherbahn gestorben sind, blanker Hohn sein. Was ist das für ein Gott, der das zulässt? Gefällt ihm der Tod der Kinder? Wenn er das wirklich veranlaßt hat, dann ist er nicht mehr unseres Glaubens würdig. Ein Gott, der uns im Stich lässt, ist unnötiger Ballast für unser kurzes Leben.

Nach Hiobs Verständnis hat Gott uns Grenzen gesetzt, die wir nicht überschreiten können. Das alles ist so ungeheuerlich und belastend, dass es nur noch eine Bitte geben kann. Gott möge ihn, uns vielleicht auch, in Ruhe lassen. Er soll einfach Abstand von uns nehmen, damit wir noch ein wenig unseres Lebens froh werden können, wie ein Arbeiter am Feierabend. Gott soll sich aus unserem Leben verziehen. Am Ende wird er uns sowieso haben und zur Rechenschaft ziehen. Aber bis dahin möge er uns in Ruhe herummachen lassen, wie wir es möchten und brauchen. Wir wissen, die Grenze werden wir nicht überschreiten können, die er uns gesetzt hat.

Ich denke an Irma. Sie ist eine gespaltene Persönlichkeit. Sie ist sehr krank. Sie weiß darum. Wenn wieder so ein schwerer Krankheitsschub kommt, leidet sie unerträglich. Eines Tages bat sie mich, ihr ein Stück Gott abzunehmen. Sie habe zuviel Gott und kann es unmöglich mehr ertragen. Sie brauchte dringend Abstand und Ruhe vor Gott.

Auch ohne seelisch krank zu sein, brauchen wir das manchmal. Vielleicht aber nur Abstand und Ruhe von einem Gott, den wir uns nach unserem Wunsch und Bild gemacht haben. Weil wir uns zu sehr in "unseren" Gott verrannt haben, erfahren wir ihn als eng, bedrückend und unerträglich. Mit unserem Gottesbild kommen wir nicht viel weiter als Hiob. Da ist keine Hoffnung und damit auch keine Zukunft.

Wir erfahren Gott auch rätselhaft als unbegreiflich, zürnend, strafend, vernichtend und richtend. Unsere Warum-Fragen bleiben unbeantwortet. Ich weiß auch, dass Gott nicht das Unglück der Gletscherbahn herbeigeführt hat. Ich weiß auch, dass Gott nicht das Auto mit den Jugendlichen gefahren hat und sechs Menschen starben. Aber wenn er zusieht, warum greift er nicht ein? Das wäre für ihn ein Leichtes!

Bei Hiob bekommen wir nicht das winzigste Stückchen Hoffnung, um Gott aushalten zu können. Hiobs Hoffnungslosigkeit verweist uns auf den Gott, der Gedanken des Friedens und der Hoffnung für uns hat, wie Jeremia (29,11) sagt. Hiobs Wunsch, von Gott in Ruhe gelassen zu werden verweist uns auf den Gott, der durch Jesus Christus mit uns leidet und stirbt. Im Blick auf Jesus Christus sehen wir unseren Gott, der durch den Tod hindurchging, damit wir eine Hoffnung haben und leben. Nur durch Jesus Christus, den Gott von den Toten auferweckt hat, halten wir unsere Fragen aus und werden nicht gänzlich verrückt.

Wie sehr ich auch Gott dafür bemühen möchte, gibt es für das Unglück keine Antwort auf die Fragen Warum und Wozu. Aber im Weinen und Klagen, in der Trauer und Verzweiflung wollen wir die Menschen nicht allein lassen, sondern mit ihnen leiden, weinen und klagen. Hiobs Freunde wollten antworten, worauf es keine Antwort gibt. Wenn das überhaupt im Sinne einer Antwort zu verstehen ist, dann wollen wir uns noch fester an Gott binden, ihn um Hilfe und Kraft bitten, damit die von so schwerem Unglück betroffenen Menschen Trost, Hilfe und Nähe erfahren. Vielleicht ist ihnen das ein wenig Trost und Hilfe, wenn wir mit ihnen ihre Not und ihr Leiden teilen. Das tut Gott durch Jesus Christus mit uns.

Der uns auch fremde, rätselhafte und verschlossene Gott geht mit uns mit durch die Tiefen und Schatten des Todes. Dafür steht Jesus Christus. Zu unserem Leben gehören Leiden und Sterben ebenso wie Glück und Freude. Tod und Sterben sind keine Strafe, sondern unser Leben. Wir können sie nicht abtrennen vom Leben und dann schlecht bewerten. Sie sind Teil unseres Lebens, ohne die es kein Leben gäbe.

Gott weiß, wie sehr wir leiden. Deshalb lässt er uns nicht allein. Das gilt es besonders in den schweren Zeiten unseres Lebens festzuhalten und zu vertrauen.

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