Gott, lass mich in Ruhe!

Hiob – ein bekannter Name und doch für viele ein Unbekannter. Hiob – er steht heute im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes, mit dem einzigen Text aus dem Buche Hiob, der in der offiziellen Predigttextreihe steht.

Wer war dieser Hiob, dessen Botschaften für uns ja sprichwörtlich geworden sind in den sogenannten: Hiobsbotschaften.

Das Hiobbuch ist ein Buch der Gelehrten, ein sogenanntes Weisheitsbuch, in dem versucht wird, über die Geschichte des Menschen Hiob die Frage des Leids in der Welt und die Frage des Warum zu klären. Und wer von uns kennt diese Fragen nicht, angesichts von Leid ganz in der Nähe oder auch in der Ferne. Warum ich? Warum musste der oder die so früh sterben? Warum muss ich so schwer tragen an meinem Leid, während es anderen so gut geht? Das sind urmenschliche Fragen, die immer wieder umtreiben, die Menschen immer wieder an ihre Grenzen führt. So auch bei Hiob.

Hiob wird beschrieben als ein frommer Mann. Er war rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Er hatte sieben Söhne und drei Töchter und besaß sehr viel Vieh, war also auch ein wohlhabender Mann, an dessen Reichtum man auch den Segen Gottes ablesen konnte – so zumindest damalige Vorstellung.

Nun, so erzählt diese Geschichte weiter, kommt es im Himmel zu einem Gespräch zwischen Gott und dem Satan. Gott lobt Hiob als gottesfürchtig. Der Satan sagt: Strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat, was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen.

Gott lässt dem Satan freie Hand.

Als die Kinders des Hiob wieder einmal ein Fest feierten im Haus des Erstgeborenen, kamen Boten zu Hiob, die ihm einer nach dem anderen schlechte Nachrichten, eben Hiobsbotschaften brachten: das Vieh sei von Feinden abgeschlachtet worden, sagte der eine. Der nächste berichtete, dass die Ställe und darin befindlichen Schafe verbrannt seien. Der dritte erzählte, dass die Kamele gestohlen wurden. Der vierte berichtete, dass ein Sturm das Haus des Sohnes einstürzen ließ und alle dabei umkamen.

Als Reaktion des Hiob wird erzählt: ER stand auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: ich bin nackt von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!

In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.

Es ist eine dramatische Erzählung, die hier als Hintergrund für die Frage nach dem Warum im Leben von uns Menschen und der Frage nach Gott gewählt wird. Hiob wird alles genommen, sein Besitz und seine Familie. Und doch bleibt er an Gott, behält sein Vertrauen, weiß er sich ganz in seiner Hand. Von der Trauer, die er in sich trägt, wird nicht berichtet. Das muss so sein, denn die Erzählung will allein die Gottesbeziehung und die damit zusammenhängenden Fragen vor Augen stellen. Und diese sieht die Erzählung an dieser Stelle noch in keiner Weise angegriffen. Ich wahren Leben sähe das wahrscheinlich anders aus, schon viel früher wären wir dabei mit Gott zu hadern. Doch von Hiob wird erzählt, dass er diesen wunderbaren Satz sprechen konnte: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt! Die Erzählung geht weiter. Wieder ausgehend von einem Gespräch zwischen Satan und Gott. Gott lobt das Vertrauen des Hiob. Doch der Gegenspieler Gottes sagt: du magst ihm alles nehmen und er wird dir vertrauen. Doch greife ihn selber an, lass ihn Krankheit spüren, dann wird er dir absagen. Wieder gab Gott ihn in die Hände des Widersachers. Der schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf den Scheitel. Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche.

Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!

Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir nicht gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?

In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.

Unbegreiflich für den Leser dieser Worte, aber so wird Hiob uns dargestellt. Glaubensvoll bis ins letzte. Es scheint fast unmenschlich zu sein, was Hiob da leistet.

Der weitere Gang dieser Erzählung führt dann dazu, dass seine Freunde ihn besuchen. Zunächst schweigen sie sieben Tage und sieben Nächte. Und dann bricht es aus Hiob heraus. Seine ganze Klage gegenüber Gott wird laut. Er verflucht sein Leben, er wäre lieber bei der Geburt gestorben. Lieber tot als so zu leben, wo doch alles auf den Tod zuläuft.

Hiob wird menschlich, Hiob verliert seine Aura des gleichmütigen Gottvertrauens. Das ganze Leid bricht sich Bahn.

Die Freunde nun versuchen Hiob deutlich zu machen, was zu der Zeit als diese Geschichte verfasst wurde, allgemeines Gedankengut war: dass böse Taten auf den Täter zurückwirken und ihm deshalb Böses widerfährt. Hiob müsse also etwas schlechtes getan haben, sonst würde es ihm nicht so gehen. Er solle nicht Gott anklagen, sondern auf sich selber schauen. Irgendetwas in seinem Leben müsse es geben, warum ihm dies widerfährt.

Doch Hiob kann dies alles widerlegen, bzw. er macht deutlich, dass er immer als gottesfürchtiger gelebt hat. Und so wurde er ja auch am Anfang dargestelt.

Warum geht es mir so schlecht? Warum bin ich so gestraft? Das ist die Frage, um die es bei Hiob geht, die ihn nach diesem Lebensschicksal umtreibt.

Und es führt ihn zu den Gedanken, die wir vorhin als Predigttext gehört haben. Ich will sie jetzt noch einmal wiederholen: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Der Mensch lebt kurz wie eine Blume. Da bleibt nichts. Da hat nichts bestand. Nichtig ist er also, unbedeutend. Und dann will man ihn hier beurteilen und verurteilen. Es gehört doch zum Menschen, dass er wohl schlecht ist, unrein. Der Mensch kommt vom unreinen als kann kein reiner da sein. Aber wenn das so ist, wenn das Leben begrenzt ist, wenn auch sein Ende bestimmt ist, dann, so will Hiob mit aller Deutlichkeit sagen, dann soll Gott doch wegschauen. Dann soll er den Menschen in Ruhe lassen, der doch nicht anders sein kann.

Wenn schon das Leben so klein ist, dann Gott, lass es in Ruhe, misch dich nicht ein, lass es laufen.

Richtig unfromme Gedanken sind das. Gott wird hier sehr angeklagt. Aber wer von uns hätte nicht solche Gedanken schon einmal gehabt. Diesen Gedanken, dass Gott ungerecht ist, dass sein Handeln im Leben ungerecht ist und es doch so nicht gehen könne. Hiob ist das literarische Beispiel für diese so menschlichen Gedanken des menschlichen Unverständnisses gegenüber den tragischen Ereignissen dieser Welt. Dem Frommen geht’s schlecht, dem Schlechten geht’s gut, der Gute leidet oder stirbt, der Schlechte lebt in Saus und Braus. Die Gebete der Psalmen bringen diesen Gedanken auch oft zur Sprache.

Gott, lass den Menschen doch in Ruhe, sagt Hiob.

Aber Gott lässt den Menschen nicht in Ruhe. Doch anders als Hiob es erlebt hat. Dessen Freunde wollten einen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen des Menschen herstellen. Hiob hat diesen Zusammenhang aufgebrochen. Doch er musste an sich selber erkennen, dass dies wohl die schwerste Seite des Glaubens ist. Es ist so schön einfach zu sagen: ich bin gut, also geht’s mir gut. Der ist schlecht, also geht’s ihm schlecht. Das Äußere des Lebens aber nicht als Zeichen der göttlichen Beurteilung zu sehen, es nicht als ein Tun und Ergehen zu verstehen, sondern in allem Gott zu vertrauen, das musste Hiob lernen, lernen in einem langes Prozess der Erkenntnis. Gott selber hat ihn dahin geführt. Gott hat ihm vor Augen gestellt, dass er in seiner Größe und Erhabenheit nicht von einem Menschen, diesem doch so geringen Wesen angegriffen werden könne. Mensch, wo warst du als ich die Erde gründete? Was maßt du dir eigentlich an?

Hiob gesteht am Ende ein, dass seine Gedanken falsch waren, er findet neues Vertrauen zu Gott, der ihm dann auch ein gesegnetes Ende schenkt.

Wir könnten jetzt den Schluss ziehen, dass unsere Klagen ins Leere gehen und wir einfach alles als von Gott gegeben hinnehmen, sollten. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gelobt sei der Name des Herrn.

Hiob würde dieses Satz wieder sagen, aber er würde ihn nicht nur äußerlich, sondern nun auch innerlich sagen.

Hiobs Begegnung mit Gott, konnte erst gelingen, als all seine Klage, als all seine ihn bedrückenden Gedanken Raum gefunden haben, als sie ausgesprochen werden konnten, als gleichsam die ganze Haltlosigkeit und Gottverlassenheit ihren Rahmen gefunden hat. Erst da war er offen für die Antwort Gottes, für ein neues Vertrauen zu Gott, dem er sich nun ganz anders anvertrauen konnte.

Hiob ist für mich ein wichtiges Beispiel dafür, dass Gottvertrauen und Klage, dass Glaube und Zweifel, ja bis an den Rand der Verzweiflung, zusammengehören, dass sie zwei wichtige Seiten in unserem Leben sind. Wer nur eine Seite lebt, dem fehlt etwas, der kann auch die Tiefe des Lebens und des Glaubens nicht erkennen. Wer nur in frommen Gedanken lebt, der wird auf Dauer weltfremd, ja sektiererisch oder geht im letzten Fehl, wie auch die Freunde des Hiob. Wer nur in den zweifelnden Gedanken bleibt, nur die kritischen Seiten betrachtet, der kann kein Vertrauen entwickeln und wird in sich selber vergehen.

Wo aber beides zusammentrifft, wo der Glaube den Zweifel überwindet, der Zweifel den Glauben stärkt, da kann Leben, kann vertrauenvolles und hoffnungsvolles, ja auch gesegnetes Leben entstehen, selbst mitten im Leid, selbst mitten in den so fragwürdigen Seiten des Lebens. Allerdings ist dies ein Weg, den jeder selber für sich gehen muss. Den kann niemand abnehmen, auch nicht durch noch so kluge Gedanken. Der Weg im Glauben und ihm Zweifel ist ein wichtiger, ganz persönlicher Weg, dem man sich stellen muss, aber der eben eine segensreiche Verheißung hat. Denn Gott will nicht in Ruhe lassen, Gott will den Menschen an seine Seite ziehen, auch im Leid. Darum ist Gott auch in Jesus Christus ans Kreuz gegangen, darum auch die Worte: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wer dort hindurchgeht, der findet neues Leben, so wie Jesus. Hiob erlebte für sich so etwas wie eine Auferstehung, eine Auferstehung in eine neues, tieferes Gottesverständnis, in das auch wir gelangen können, wenn wir Klage und Hoffnung, Zweifel und Glaube miteinander in Beziehung bringen. Hiobsbotschaften sind eben Gottesbotschaften, wir müssen sie nur verstehen lernen, leider oft in einem schmerzhaften Prozess.

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