Gelassenheit

Der Wochenspruch 2.Korinther 6,2b: ‚Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!’ weist uns in unseren Alltag – da ist das Heil zu suchen. Hier und Heute könne wir es suchen und finden, wenn wir die Zeichen der Zeit beachten. Vieles erlebe ich da, manchmal an kleinen Hinweisen. Menschen, die füreinander Zeit haben, die einander zuhören oder weiter helfen. Menschen, die sich zusammentun gegen Unrecht und für die Menschen. Da passiert eine ganze Menge – und doch ist es noch nicht die Welt, von der wir träumen, die Welt, von der wir glauben, dass Gott sie so gewollt hat. Der heutige 9. November mag dafür ein Beispiel sein. Voll Dankbarkeit denken wir an den 9.11.89, als der Ruf ‚Wir sind das Volk’ und ‚die Mauer muss weg’ nicht nur die Massen elektrisierte, sondern auch einen friedlichen Umsturz in Gang setzte, den einer erwarten konnte. Gleichzeitig erinnert dieser Tag an den 9.11.38 – die Reichspogromnacht, als jüdische Gotteshäuser brannten wie ein Fanal, dass uns heute noch nach 65 Jahren daran erinnert, wie sehr die Menschen so leben, als ob es Gott nicht gäbe – und immer wieder passieren ähnliche Dinge in vielen Ecken unserer Welt. Manchmal gibt es dann auch fromme Menschen, die dieses oder jenes als ‚Zeichen der Zeit’ als Zeichen des kommenden Reiches Gottes sehen. Schon manchmal wurde ich von Menschen in frommer Absicht darauf angesprochen. Jesus aber selber warnt davor:

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Eine Anekdote aus dem 18. Jahrhundert – USA: irgendwo im Mittelwesten eine Sonnenfinsternis während der Sitzung des Parlaments. Eine fast apokalyptische Unruhe und Panik kommen auf. Der redende Delegiert gibt zu bedenken: Meine Herren Abgeordneten. Entweder der Herr kommt, dann soll er uns bei der Arbeit finden, oder er kommt nicht, dann besteht kein Grund, unsere Arbeit zu unterbrechen.

Mir gefällt diese Gelassenheit angesichts der Katastrophe – und ich glaube auch, dass da etwas von dem drin steckt, was Jesus uns sagen will. Jesus redet hier von der Gegenwart und von der Zukunft in zwei Abschnitten. Im ersten sagt er uns ganz deutlich: Wo ich bin, wo mein Wort verkündet, mein Mahl gefeiert wird, da bin ich mitten unter Euch, da lebt mein Reich in Euch. Auch dort, wo ihr meine Botschaft lebt, dort wo ihr Armen gebt, und Traurigen Euer Ohr leiht, wo ihr dafür arbeitet, dass die Menschenfreundlichkeit, Friede und Gerechtigkeit wachsen auf der Welt, da bin ich zu finden.

Da passiert tagtäglich schon eine ganze Menge bei uns und mit uns. Wir sind Teil des Reiches Gottes als seine berufenen JüngerInnen. Uns traut er zu, dass wir in seinem Reich mitarbeiten können, dass wir an der Zukunft, die er für uns bereit hält beteiligt sind. Allerdings haben wir in dieser Arbeit die Freiheit. Wir können Ideen entwickeln, wir können aber auch grandios irren.

Im Moment läuft bundesweit der grandios angekündigte Luther-Film. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Seine inhaltliche Qualität soll auch nicht überragend sein, aber schön finde ich es auf jeden Fall, dass der Reformator mal wieder in den Blick gerät. Für Luther war das eine ganz besondere Erkenntnis, dass der Mensch vor Gott Gnade findet mit all seinen Fehlern. ‚Sündige, aber liebe um so heftiger’ hat er das in einem schönen Gedanken beschrieben. Wir werden in unserem Leben nicht ohne Schuld bleiben können. Das wird uns aber nicht aus der Liebe Gottes herausfallen lassen. An dieser Liebe können wir lernen, Menschen zu lieben, Menschen, die uns begegnen, mit denen wir zu tun haben. Ein bisschen sind Luthers Gedanken vielleicht auch Vorbild für unsere Anekdote von vorhin. Diese Gelassenheit, das Unsere zu tun in Verantwortung vor Gott, ohne Angst und Aufregung im Bewusstsein: Ich bin sein geliebtes Kind, dem er sein Reich anvertraut, das wäre ein schönes Ziel, auf das hinzuleben sich lohnt.

Die Frage der Pharisäer ‚Wann kommt das Reich Gottes?’, ist nicht unzulässig oder verboten. Sie ist mitentscheidend für das Wesen des Glaubens. Zum Bekenntnis des christlich-jüdischen Glaubens gehört auch das Warten darauf, dass Gott sein Reich bei uns errichtet. Das, was wir heute erleben ist noch nicht das Reich Gottes. Wer aber um das Kommen des Reiches bittet (wie im Vaterunser) der muss auch in Erwartung leben. In Erwartung leben, das heißt nicht auf dem Bahnhof stehen und warten, sondern das Meine tun. Es ist wie mit einem Fest. Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass alles von selber passiert, sondern ich tu das Meinige, und wen die Gäste kommen, wird es hoffentlich eins schönes Fest.

Der Herr sagt, er kommt wie der Blitz. Uns ist zugesagt, dass er das Licht der Welt ist und wir unser Licht leuchten lassen sollen unter den Menschen. Unser Licht ist vielleicht ein Abglanz des Blitzes, auf den wir warten. Und es unterscheidet sich darin doch von den vielen Irrlichtern, auf die wir tagtäglich hereinfallen.

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