Gegen Gott an Gott glauben

Liebe Gemeinde!

In Ihrer Hand halten Sie einen Holzschnitt aus der Wittenberger Bibel von 1524. Dieses Bild veranschaulicht die Geschehnisse zu Beginn des Hiobbuches: Der aussätzige Hiob, die spitzzüngige Frau, die lamentierenden Freunde – und im Hintergrund die Katastrophen, von denen die Hiobsbotschaften berichten: er hat sein Hab und Gut, seine Familie und seine Gesundheit verloren. Nun steht er am Abgrund des Lebens. Und alle reden auf ihn ein, tröstend, mahnend, nach den Ursachen forschend. Seine Freunde erkennen in Hiobs Schicksal ein fehlerhaftes Verhalten, aufgrund dessen sich Gott gegen ihn gewandt und bestraft hat. Hiob dagegen erlebt sich als unschuldig. Auch erfährt er Gott als ihm weiterhin zugewandt. Das macht ihn zusätzlich leidend. Er sucht Befreiung von Last und Schmerz. Lassen Sie uns nun gemeinsam seine Antwort laut lesen. Sie finden den Text auf der Rückseite des Bildes.

[TEXT]

Liebe Gemeinde! Das ist das Überraschende an Hiob, der von Gott Geschlagene, wendet sich nicht von Gott ab, sondern hält an ihm fest, um mit ihm zu streiten und ihm seine Enttäuschung und Verbitterung in die Ohren zu schreien. Wie ganz anders verhalten wir uns heute: "Ich glaube nicht an Gott. Ich habe so viel Schreckliches erlebt: Unfälle, wobei gute Freunde gestorben sind," sagt ein Jugendlicher. "Das geht einfach über meinen Horizont," sagt ein anderer, "dass solche schreckliche Sachen passieren, ohne dass dieser Gott eingreift und den Leuten hilft." "Wo bleibt da, Gott?" so fragen wir,
– wenn Kinder in den Dürrezonen Afrikas verhungern,
– In den sintflutartigen Hochwassern Menschen ertrinken, –
– Wenn krebskranke Kinder nach vielen Qualen, vielen vergeblichen Hoffnungen doch im Krankenhaus sterben müssen,
– Wenn sich ein Mensch gefangen in seinen Deprssionen vor den Zug wirft,
– Wenn mit brutaler Gewalt auf Menschen wegen ihrer Hautfarbe Hunde gehetzt werden,
– Wenn Friedhöfe geschändet, Synagogen beschmiert und sogar angezündet werden,
– Wenn wir selbst unverhofft mit Krankheit und Leid geschlagen werden.

"Wo bleibt Gott?" – "Warum greift er nicht ein?" – "Warum rettet er nicht?" – "Warum bewahrt er nicht?" Und wie reagieren Menschen darauf?

Da gibt es einmal das stille Dulden. Menschen haben es gelernt, Glaube bedeute, Unglück, Leid und Traurigkeit als "gottgewollt" hinzunehmen. Zum anderen gibt es die Selbstanklage. Menschen bleiben in den Fragen : "was hätte ich tun können, was wäre wenn …" hängen. Zum dritten: Menschen wenden sich ab. Sie können nicht Gott, den allmächtigen und gütigen Gott, begreifen. Sie sind tief enttäuscht und verletzt. Darum wenden sie sich von Gott ab.

Bei Hiob ist die Perspektive anders. Er richtet sich an Gott. Er beklagt die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens. Er weiß um die Arbeit und Mühe des Lebens wie der Psalmbeter: " Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon." (Ps. 90,10) Vielmehr bestürmt er Gott, ihn in Ruhe zu lassen. Er fordert weniger Nähe. Denn sie erdrückt ihn. Sein einziger Wunsch: einen Tag wie ein Tagelöhner. Damit erinnert Hiob Gott an sein eigenes Gebot, das einen Tagelöhner besonders geschützt: "Dem Tagelöhner, der bedürftig und arm ist, sollst du seinen Lohn nicht vorenthalten, er sei von deinen Brüdern oder den Fremdlingen, die in deinem Land und in deinen Städten sind, sondern du sollst ihm seinen Lohn am selben Tage geben, dass die Sonne nicht darüber untergehe – denn er ist bedürftig und verlangt danach -, damit er nicht wider dich den HERRN anrufe und es dir zur Sünde werde." (5.Mose 24,14f) Was also einem Tagelöhner zusteht – Ruhe. Er darf seine Füße hochlegen, die Stiefel ausziehen, die Pfeife rauchen, die Zeitung zur Hand nehmen, eben Feierabend machen. Nicht mehr und nicht weniger wünscht sich Hiob in seiner aussichtslosen Lage: eine gerechte Behandlung.

Die Schriftstellerin Luise Rinser hat zu der Frage nach der Theozidee, der Gerechtigkeit Gottes, einmal geschrieben: "Wenn wir Menschen aufhören könnten, uns Gott als ‚lieben Vater‘ vorzustellen, wäre das große Problem gelöst, wie denn dieser liebe Vater das Leid zulasse auf unserer Erde. Ist Gott gut, ist er böse, ist er gütig, ist er grausam? Nicht das eine, nicht das andere. Nichts von allem, was wir ihm zuschreiben, trifft zu als das eine: Er ist, Er ist. Geborgenheit in Gott gibt es nur so: Man wirft sich in den Strom und lässt sich tragen. Er trägt! Ist der Strom gut, ist er böse? Genug: Er ist und Er trägt." (Quelle ist mir unbekannt) Es hängt alles daran, dass wir unsere Beziehung zu Gott klären. Das geht nicht ohne Auseinandersetzung, ohne Streit, ohne Anklage. Das Ergebnis steht nicht von vorne rein fest. Dafür ist Hiob Zeuge. Wir werden uns gefallen lassen müssen, dass sich immer wieder alles ändert im Leben, das wir in Untiefen dabei stürzen können, die mitreißen, die zerreißen. Aber wir werden Ruhe finden. Jesus zeichnet das Bild eines ganz anderen Tagelöhners. Er erzählt von einem jungen Mann, der die Beziehung zu seinem Vater abbricht. Er zieht weg. Er nimmt sein Leben selbst in die Hand, versucht sein Glück und scheitert. Er fristet sein Dasein unter den Schweinen, teilt mit ihnen den Futtertrog. Da beschließt er heimzukehren, um bei seinem Vater wie ein Tagelöhner zu leben. Doch unverhofft wird er mit offenen Armen des Vaters empfangen, wird ihm ein Fest ausgerichtet, wird er als Sohn wieder angenommen.

"Ende gut – alles gut" – lässt sich mit diesem Hinweis alles erklären, das Leid bagatellisieren, die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes beantworten? Nein! Wofür Hiob steht, ist sein Ringen um Gott inmitten seines unermesslichen Leidens. Ist sein Festhalten an ihm. Später hat Martin Luther sein eignes Ringen um den gnädigen Gott auf die Kurzformel gebracht: "Gegen Gott an Gott glauben." Mehr aber auch nicht weniger ist uns aufgegeben für unser Leben. Das Ringen geht weiter. Für Hiob. Für uns.

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