Einsatz im Diesseits

"Glaubst du wirklich an die Auferstehung der Toten?", bestimmt sind Sie das auch schon mal gefragt worden. Jetzt, am Ostermorgen, wird Ihnen, wie auch mir, ein "Ja" leicht über die Lippen kommen. Ich weiß nicht, was Sie gestern abend getan haben, ich war heute Nacht bei einer Taufe und einer Erwachsenen-Konfirmation dabei, ich habe erlebt, wie die dunkle Kirche auf einmal hell wurde – und wie eine junge Frau ganz bewusst ihr Glaubensbekenntnis abgelegt hat – anders als wir, die wir es in jedem Gottesdienst schon mit einer gewissen Routine tun, ohne jedesmal ernsthaft darüber nachzudenken, was es heißt "Ich glaube an Jesus Christus, am dritten Tage auferstanden von den Toten" und "Ich glaube an die Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben". Jemand hat nach 30 Jahren beschlossen, "ja" zu sagen zu dem, was in der Kindheit die Eltern wollten und sein Leben Jesus Christus anzuvertrauen. Solches Erleben, gerade in der Osternacht, macht Hoffnung in dieser Zeit und in dieser Gegend, wo wir manchmal das Gefühl haben, es sei ewig Karfreitag.

Paulus schreibt den Text, den wir eben gehört haben, an die Gemeinde in Korinth.An eine Gemeinde von lauter Neugetauften. Sie haben Jesus Christus nicht gekannt, sie haben durch Paulus von der wunderbaren Geschichte gehört, die da in Israel, auf der anderen Seite des Meeres, geschehen ist. Und sie haben eine ganze Menge Fragen. Sie kennen nicht, wie die Juden, das Alte Testament. Auch die Geschichte vom Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies ist für sie neu. Sie lernen von Paulus, dass durch Adams Fall das Schicksal der Sterblichkeit über die Menschen gekommen ist. Und dass durch Christi Leiden und Sterben und durch seine Auferstehung diese Macht des Todes überwunden ist. Die Geschichte von Jesus Christus, in dem Gott seine ganze Liebe zu uns Menschen hat Gestalt gewinnen lassen, ist also nicht nur für dieses Leben gedacht, das will Paulus der Gemeinde in Korinth eindeutig klarmachen: 19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

Wer waren die Leute, an die er da den Brief schickt? Korinth war um 50 nach Christ Geburt eine lebendige und reiche Hafenstadt, Sitz des römischen Statthalters der Provinz Süd- und Mittelgriechenland. Religiös verehrt wurden die gleichen Götter wie in Rom oder Athen, dazu gab es, so archäologische Befunde, auch Heiligtümer ägyptischer Götter. Zu der jungen christlichen Gemeinde gehörten vor allem Menschen der sozialen Unterschicht. Sie waren offenbar in eine Art schwärmerische spirituelle Erweckungsbewegung verfallen, vielleicht vergleichbar mit dem, was man heute Esoterik nennt. Sie erwarteten den Aufstieg mit dem Erlöser, sozusagen eine Himmelfahrt ohne Tod. Paulus holt sie hart in die historische Umstände des Evangeliums zurück: Ohne Kreuz keine Auferstehung. Er sagt ihnen: Der Tod wird nicht aus dem Leben ausgeklammert, aber er ist nicht mehr der Schlusspunkt: 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.

Die Korinther standen vor anderen Fragen als die, die uns heute bewegen. Sie suchten einen Weg zur Ewigkeit direkt aus dem hier und jetzt, einen spirituellen Aufsteig, der sie direkt von dieser Erde in den Himmel "entrafft".. – und sie ließen sich besorgt stellvertretend für schon Verstorbene taufen, um diesen das Ewige Leben zu ermöglichen – wie sie glaubten. Aber suchen wir heute nicht genau so nach Unsterblichkeit: Allerhand Methoden verlocken dazu, das Leben auf dieser Erde schier unendlich zu verlängern. Geklonte Schafe lassen den Wunsch wach werden, ein Ebenbild von sich selbst die eigene Lebenszeit überdauern zu lassen. Manche Menschen lassen sich auch einfrieren und möchten am jüngsten Tag wieder aufgetaut werden. Der Wunsch nach ewiger Jugend und Schönheit gehört zu den Menschheitsträumen, die sich im Grunde auf das Versprechen der Schlange zurückführen lassen: Ihr werdet sein wie Gott. Irrwege allemal – so werden wir den "alten Adam" nicht los, er stirbt nicht im Kälteschock und ich denke, er ist auch im geklonten Gen mit drin.

"So geht das nicht", sagt Paulus. Christus ist gestorben und als "Erstling" auferstanden. Wir haben beides noch vor uns: Tod und später Auferstehung: 23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; a danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören.

Zuerst also haben wir noch in dieser Welt zu leben und uns mit ihr auseinanderzusetzen. Wir haben uns, um Gottes willen, einzumischen, wenn es darum geht, das Diesseits liebevoller und menschlicher zu gestalten.Mit dem Wissen allerdings, dass nicht wir es sind, die das letzte Wort haben. Und mit dem Wissen darum, dass seit unserer Taufe alle unsere Lebensäußerungen "in Christo" sind. Aber gerade dieses Wissen gibt doch eine ungeheure Kraft, unsere "kleinen Kreuze" zu tragen. "In Christus leben wir nicht mehr unser Leben, sondern Christus lebt sein Leben in uns", hat Dietrich Bonhoeffer einmal formuliert. Das gab ihm die Freiheit, sich bis zum äußersten einzusetzen gegen Unrecht und Gewalt, dagegen, dass der Tod das letzte Wort behält auf dieser Welt. Paulus sagt auch in seinem Brief einige Zeilen später: "Tag für Tag sterbe ich bei meinem Rühmen fur Euch, Brüder, das ich habe in Jesus Christus, unserem Herrn". Wenn wir nur in diesem Leben Hoffnung hätten, wäre das eine armselige Hoffnung, eine, die uns um unser bisschen Leben bei jedem Schlag zittern ließe.

Andererseits, hätten wir nur die Hoffnung auf ein Jenseits, würde das zu Fatalismus verleiten: Lassen wir doch alles laufen, wie es läuft. Mischen wir uns nicht ein – und warten wir darauf, dass wir es einmal besser haben, wenn das Jammertal hinter uns liegt, je eher, desto besser. Auch das ist nicht gemeint mit dem, was der Apostel Paulus "In Christus sein" nennt. In der Nachfolge leben heißt, Einsatz im Diesseits, für die Schwachen, gegen Gewalt und Willkür, so weit es in unseren Kräften steht. Und die reichen weiter als wir uns manchmal zutrauen. Wir haben schließlich im Rücken die feste Zusicherung, dass auch wir auferstehen werden, wenn alle Herrschaft, Macht und Gewalt und als letztes auch der Tod vernichtet sein werden. Für uns, die wir den Auferstandenen nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen haben, mag das schwer zu begreifen sein. Das ganze Heilsgeschehen ist unendlich schwer zu begreifen, es kann eigentlich nur von ganzem Herzen geglaubt werden.

"Im Licht der Ostersonne bekommen die Geheimnisse der Erde ein anderes Gesicht", hat Friedrich von Bodelschwingh, der Pfarrer von Bethel, gesagt. Schauen wir hin: Sie bekommen das Gesicht des auferstandenen Christus, der zu uns wie zu den Frauen am Grab sagt: "Entsetzt euch nicht! Fürchtet euch nicht" und wie zu den Aposteln: "Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden". Dass wir diese Botschaft des Auferstandenen glauben und auch den Mut haben, sie weiterzutragen, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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