Ein Draufgänger fügt sich

[TEXT: Lk 9,51-56]

<i>[Diese Predigt ist Teil einer Reihe über die Jünger Jesu. Sie wurde am Sonntag Rogate gehalten. Es gibt Predigten über Thomas, Judas, Johannes, Jakobus, Petrus]</i>

Liebe Gemeinde!

Es ist schade, dass manche Bibelabschnitte im Predigtplan der evangelischen Kirche nicht vorkommen. Der vorliegende enthält ganz wichtige Aspekte nicht nur für unsere Reihe, die langsam zu Ende geht und wo heute der Jünger Jakobus dran kommt. Auch in der gegenwärtigen Ratlosigkeit in unserem Land über die Ursachen maßloser Gewalt gibt ein Abschnitt wie dieser einen unendlich wichtigen Beitrag. Ein Beitrag, dessen Niveau weit hinaus geht über die klugen Ratschläge Berufener und Unberufener. Denn Jakobus war ein Gewaltmensch. Auch an diesen Charakteren ist Jesus interessiert. Er ist einer der ersten, die Jesus in seine Nachfolge rief. Bei jenem Fischzug, als das Brüdergespann Petrus und Andreas und die Brüder Johannes und Jakobus, fasziniert von Jesus, ihre Netze liegen ließen und sich Jesus angeschlossen haben. Die Predigtreihe über die Jünger Jesu klingt aus mit den Jüngern, die Jesus ganz eng verbunden waren, denen er sogar Beinamen gegeben hat, Ehrennamen. Das ist Simon, der kriegte den Beinamen Petrus. Und das sind Johannes und Jakobus, die kriegten den Beinamen Donnersöhne. Es waren offenbar Draufgänger, Schnellentschlossene, keine Typen, die erst überlegen oder mit Leuten die völlig anderer Meinung sind, lange Gespräche führen. Man spürt, wie diese Begeisterung für Jesus bei dem Jakobus gepaart ist mit einem Stück Fanatismus, wie sie dieser empörte Bitte, offenbart. Es ist ja mehr eine Verwünschung als ein Gebet: "Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre."

Es ist zunächst ein Gebet. Sie sagen nicht: Herr Jesus, schlag drein, las dir das nicht gefallen, wenn wir so eine unverdiente Abfuhr kriegen, heute geschlossen, kein Bett mehr frei. Sie sagen: Herr, wenn du willst, dann bewegen wir Gottes Arm. Jakobus ist ein Beter, er traut Gott zu, dass er Gewaltiges tun kann. Wir stören uns vielleicht daran, wie er seinem Ärger hier Luft macht. Aber sieh das doch einfach mal ohne die moralische Brille. Der Mann ist ehrlich. Er betet nicht mit salbungsvollen Worten, beschränkt sich nicht vorsichtig auf allgemeine Formulierungen, er betet mutig, riskant. Er kennt die Geschichten aus seiner Bibel von dem Propheten Elia, von dem es heißt: "Elia war ein schwacher Mensch wie wir, und er betete ein Gebet, dass es nicht regnen sollte, und es regnete nicht." Solche effektiven Beter könnten wir auch ganz gut gebrauchen im Blick auf den geplanten Himmelfahrtsgottesdienst im Freien! Und in Elia, dieser irgendwie auch düstere, entschlossene Prophetengestalt, hat sich dieser ungestüme Jakobus so ein richtiges Vorbild genommen. In seinem Eifer übersieht er, wie diese zugleich gnadenlose, das Leid von Menschen in Kauf nehmende Art, die Elia auch an sich hatte, denn in der regenlosen Zeit damals ächzte ja das ganze Land, er übersieht also, wie dieses feurige Auftreten und Beten des Elia so gar nicht passt zu der Art Jesu. Zu dem, der von sich gesagt hat: "Siehe, ich bin sanftmütig und von Herzen demütig!" In seiner als gerecht empfundenen Empörung hat Jakobus für solche Gefühle keinen Platz. Und so wünscht er sich Feuer vom Himmel. Dieser Geist des Jakobus findet sich wieder, wiederholt sich zu allen Zeiten, wo Menschen meinen, im Recht zu sein und aus diesem Gefühl heraus gewalttätig werden. Und wie manches Mal wurde es nicht nur herbeigewünscht, sondern auch ausgeführt, dass wie hier gegen widerspenstige Dörfer eine Strafaktion erdacht und dann auch durchgeführt wurde. So wie seinerzeit im Vietnamkrieg, wenn die Hütten von Dörfern, deren Bewohner der Unterstützung von Kommunisten verdächtigt wurden, mit Napalm bombardiert wurden. Oder wie in unseren Tagen, wenn Hubschrauber mit Raketen auf Häuser und Autos von Dörfern im Westjordanland zielen und auch hier Feuer vom Himmel fällt, um den uneinsichtigen Gegnern eine Lektion zu erteilen.

Dann hat man sein Mütchen gekühlt. Dann kann man nach außen hin erhobenen Hauptes sagen: Wir haben uns nichts gefallen lassen. Aber man hat Jesus nicht mehr bei sich. Und das ist die Frage, worum es uns geht: Wollen wir Recht haben? Wollen wir den anderen zeigen, dass wir auch anders können? Dass wir uns nichts gefallen lassen? Oder stellen wir uns zu Jesus, der die andere Wange hingehalten hat und gebetet hat für seine Widersacher. Jakobus handelte ganz aus dem Gefühl heraus. Jesus dagegen sieht tiefer, er kennt die Herzen und er kennt die Zukunft. Jesus weiß, was ihn dort erwartet, wohin sie unterwegs sind. Die Jünger hatten da ganz andere Erwartungen.

Worum ging es? Sie hatten hinter sich die erste Zeit mit Jesus. Die Zeit in der Provinz Galiläa. Großartige Erlebnisse liegen hinter ihnen. Immer wieder haben die Volksmassen begeistert Jesus zugejubelt. Sie waren ihm in großer Verehrung nachgelaufen. Auf allen Gassen und Märkten sprachen die Leute von Jesus als großen Propheten. Wie ein ungekrönter König war er durch die Dörfer und Städte gewandert. Und nun entschließt er sich, in Richtung Jerusalem aufzubrechen. Ein neues Hochgefühl erfüllt die Jünger. In die Hauptstadt soll es gehen. Auf dem Pflaster der heiligen Stadt wird er sein messianisches Werk vollenden. Er wird den ungeliebten Herodes ablösen und den Thron Davids besteigen. In den Augen mancher Jünger, besonders des Draufgängers Jakobus ist dieser Weg nach Jerusalem vergleichbar mit jenen Märschen, die wir aus der Geschichte kennen, wenn ein General mit seinen Getreuen zur Hauptstadt aufbricht, um die Macht zu ergreifen wie einst Caesar den Rubikon überschritt Richtung Rom. Aber anders als die Jünger weiß Jesus, was ihm in der Hauptstadt bevor steht. Man wird ihn verhaften und einsperren. Man wird ihm in fieberhafter Eile den Prozess machen. Man wird ihn am Kreuz hinrichten. Das alles weiß er, und nicht erst seit dieser Stunde. Mit diesem Wissen zieht er den Weg, der ihn durch das Land der Samariter führt.. Unterwegs auf der Landstraße schickt Jesus Boten voraus, zwei Männer aus dem Jüngerkreis, Jakobus und Johannes. Sie sollen in das nächste samaritische Dorf voraus gehen und ihm ein Quartier suchen. Unverrichteter Dinge, frustriert und empört kehren sie zurück. Man hat ihnen die Türen vor der Nase zugeschlagen und jedes Nachtlager verweigert. Am liebsten hätten die zwei denen gleich die Meinung gegeigt. Aber sie wollen erst hören, was Jesus dazu sagt.

Liebe Gemeinde, das ist eine ganz wichtige Sache, die wir uns einprägen sollen am Gebetssonntag Rogate und überhaupt. Dass wir keine Entscheidung treffen, weder alltäglich noch ganz entscheidend, ohne vorher zu fragen: Was würde Jesus dazu sagen? Das ist der tiefe Sinn, der entscheidende Grund, weshalb die Kirche ihre Gebete nicht einfach allgemein an Gott richtet, sondern am Schluss anfügt, im Namen Jesu bitten wir darum, Amen. Das ist gerade nicht eine Zauberformel, ein Wirkmittel, was das Gebet beschleunigt, die Erhörung sichert. Sondern es ist ein Filter, ein Prüfstein, der uns davor bewahrt, Gott zum Erfüllungsgehilfen unserer Wünsche zu machen. Denn das ist es doch, was uns zu Recht mit Abscheu erfüllt, wenn martialische Kämpfer mit Maschinengewehren im Arm in Siegerpose sich vor Kameras sich in Szene setzen und rufen, Allah ist groß. Das ist eben nicht ein auf den Islam sich beschränkender Ungeist und Irrglaube, sondern in allen Religionen sind die Anhänger und die Vorbeter der Gefahr erlegen, ihren Zielen mit Gewalt nachzuhelfen. Aber Jesus macht da nicht mit. Weil er tiefer blickt. Weil er weiß, diese Welt wird nicht anders, wird nicht gebessert mit der Brechstange. Den Kämpfern wird es nicht gelingen. Aber den Betern. Und Jesus blickt in die Herzen.

Die Jünger sehen in den abweisenden Samaritern unverbesserliche Dickschädel, mit denen nicht zu reden ist. Aber die Wirklichkeit ist nicht so einfach, wie die beliebte Schwarz-Weiß-Malerei zeichnet, wo die anderen die bösen sind. Es gibt nämlich noch andere Dörfer als dieses, wie jenen Ort, an dem dies geschah: "Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wiederumkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?" Und dann wird Jesus noch das Gleichnis erzählen von dem Mann, der unter die Räuber fiel. Ausgeraubt liegt er im Gebüsch. Von den anständigen Passanten bleibt keiner stehen. Aber ein Samariter lässt sich aufhalten und leistet erste Hilfe. Und Jesus blickt nicht nur in die Herzen, er blickt auch hinter die Kulissen.. Es gibt um uns herum die unsichtbare Welt, wo der Feind Gottes, der Satan, die Fäden zieht. Er will uns mit seinen Einflüsterungen auf die falsche Fährte locken. Er will Jesus vom Weg zum Kreuz abbringen, und er will auch die Jünger davon abhalten, diesen Weg mitzugehen, er will dich davon abhalten, auf diesem Weg mit zu gehen. Darum wird Jesus so energisch, als die Jünger dem sündigen Dorf die Pest an den Hals wünschen. Es heißt: Er bedrohte sie. Das ist ein Ausdruck, der mehrfach in den Evangelien begegnet. Etwa an dem Tag, als die Jünger in Seenot waren, als Jesus den Sturm bedrohte, und sich die Gewalt des Windes legen musste. Etwa an dem Tag, wo die von bösen Geistern besetzten Kranken geheilt hat, wo er die Dämonen bedrohte und nicht reden ließ. Wir müssen wissen um diese Zusammenhänge. Und wenn du keine Lust hast zum Beten, oder es schiebt sich immer wie durch seltsamen Zufall eine dringliche Pflicht dazwischen, die unerwartet in die Quere kommt. Oder dein Gebetsleben wird immer unregelmäßiger. Das ist nicht von ungefähr. Dahinter steht oft der böse Geist, der es nicht leiden kann, wenn Christen Jesus um Hilfe anrufen. Das will er verhindern mit allen Mitteln.

So blickt Jesus hinter die Kulissen. Und er blickt auch in die Zukunft. Es war ja nicht alles so gar verkehrt, was der Jakobus und Johannes wollten. Es war gut, dass sie Gott etwas zugetraut haben. Es war gut, dass sie wussten, wenn wir ihn bitten, wird etwas geschehen. Ja, die Bitte, dass Feuer vom Himmel fällt, sollte sich eines Tages erfüllen. Aber anders, als sie gedacht haben. Am Pfingsten ist das geschehen. Aber Gottes Feuersturm wirkt eben nicht so, dass er Dörfer platt macht und Menschen gegen ihren Willen etwas antut. Gottes Feuersturm weht hinein in die Herzen der Beter. Da sind sie am Tag vor Pfingsten zusammen. Es wird berichtet von Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus und Simon und der andere Judas. Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet. Und dann kommt der Pfingstmorgen und was geschieht? "Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer, und er setzte sich auf einen jeden von ihnen. Und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist…" Der Heilige Geist wirkt auf vielfache Weise. Er ist ein Geist, der ins Gebet treibt, das bedenken wir am heutigen Sonntag Rogate. Daneben weckt er bestimmt Begabungen, die weit hinaus gehen über unsere natürlichen Begabungen.. Die natürliche Begabung des Jakobus war der Eifer, er war ein Draufgänger. Der Heilige Geist erweckte in ihm die Bereitschaft, still zu werden, sich zu fügen, sich mit dem Liden auseinander zu setzen. Das kam nicht gleich, hier begehrt er ja auf. Aber später änderte sich das. Im Jahr 44 n.Chr. Geburt passierte dann folgendes: "Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige aus der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert…" Diese ganz kurze Notiz berichtet vom traurigen Ende des Jakobus. Er starb als Märtyrer. Aber nicht, wie er früher, als der Geist Jesu ihn noch nicht prägte, wie er früher sich einen Märtyrer vorstellte: Einer der mit dem Schwert in der Hand oder heutzutage mit dem Sprenggürtel um den Bauch für Gerechtigkeit kämpft. Er endet als einer, der sich zu Jesus bekennt, der sein Leben und den Ausgang seines Lebens in Gottes Hände legt. Der seine Hände nicht mehr ballt zu Fäusten, sondern faltet zum Gebet.

Solche Veränderung brauchen wir auch. Gerade wir in Bremen sollten uns diese Geschichte vom Wandel des Jakobus einprägen, denn Jahrhunderte lang führten die Pilgerfahrten von Bremen aus nach Santiago di Compostella, wo der Leichnam des Jakobus begraben liegt. Er lag ja erst in Jerusalem, wurde dann im 8. Jahrhundert, als die Sarazenen die Grabstätten der ersten Christen besetzten, überführt nach Spanien. Pastor Kuiter von der Gemeinde St. Elisabeth, dessen Amtszeit hier in Bremen abläuft im Sommer, gönnt sich in diesen Wochen, die er hat zwischen den Stellenwechseln eine Pilgerfahrt dorthin. Nicht mit dem Reisebus, sondern zu Fuß wandernd mit einem Kollegen.

Wisst ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid. Da fragt Jesus nicht nach unser Konfession und Religion. Er fragt danach, ob wir bereit sind, von seinem Geist uns prägen zu lassen, ob wir zu Betern werden wollen. Denn das wird in dieser Welt mehr verändern als Konferenzen und Uno-Mandate.

Herr, lehre uns beten, so wie einst den Jakobus, schenke mir mehr Freude und Treue darin, verändere du mein Wollen dass es übereinstimmt mit dem was du willst. Das sollte unser Verlangen sein an diesem Tag.

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