Du kannst neu anfangen!

Liebe Gemeinde,

heute am Karfreitag gedenken wir des Leidens und Sterbens Jesu Christi. Wir haben dazu einen Text aus dem Alten Testament, den die ersten Christinnen und Christen auf Jesus Christus gedeutet haben. Er steht im Buch des Profeten Jesaja 53,1-12:

[TEXT]

Dieser Text wirft viele Fragen auf. Wie kann einer stellvertretend für die anderen die Schuld auf sich nehmen? Und was ist das für ein Gott, der seinen eigenen Sohn leiden lässt. Wenn er uns vergeben will, kann er das nicht einfach so tun? Wieso dieses brutale Drama? Das ist für uns heute schwer zu verstehen, weil wir mehrere tausend Jahre von diesem Text entfernt in einer anderen Vorstellungswelt leben. Ich werde versuchen die Vorstellungswelt zu entfalten in der der Text von den frühen Christinnen und Christen benutzt wurde um das Leiden und den Tod aber auch die Auferstehung Jesu zu deuten.

Die Bibel im alten wie im neuen Testament geht davon aus, dass in der Welt der Tun-Ergehenszusammenhang herrscht. Wenn jemand etwas Böses tut, wird dadurch etwas Böses ausgelöst und das ist in der Gemeinschaft, in der dieser Mensch lebt, wirksam. Durch die böse Tat wird die gute Ordnung verletzt. Damit die Gemeinschaft nicht geschädigt wird, muss diese Ordnung wieder hergestellt werden. Wir heute gehen dagegen davon aus, dass wenn jemand etwas Böses tut es nur ihn selbst und vielleicht noch den Geschädigten betrifft. Aber das stimmt nicht. Die Folgen einer bösen Tat betreffen noch viel mehr Menschen. Sehen wir uns das einmal an einem Beispiel an. Unsere Beispielperson nennen wir sie Mr. X kommt mit einer Waffe in eine Bank, bedroht den Filialleiter und nimmt den Bargeldvorrat mit. Er flüchtet mit seinem PKW. Welche Folgen hat diese Tat? Der Bank fehlt dieses Geld für ihre Geschäfte. Und wenn sie dagegen versichert ist, dann fehlt es jetzt der Versicherung. Der Filialleiter und die Angestellten und die Kundinnen und Kunden, die gerade in der Bank waren haben einen Schock erlitten, dessen Folgen in ihrem späteren Leben noch sichtbar werden. Mr X hat jetzt zwar das Geld, aber er befindet sich auf der Flucht. Wenn das passiert, was in über 80% aller Fälle passiert, wird er von der Polizei gefasst. Das Geld wird ihm wieder abgenommen und er wird verurteilt und ins Gefängnis gesperrt. Davon ist aber nicht nur er betroffen, denn er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau hat nur einen Halbtagsjob und weis nun nicht wie sie die Wohnung, in der die Familie wohnt, weiter bezahlen soll. Was Mr X getan hat, hat auch im Ort weitere Folgen. Die Kunden und Angestellten sind verunsichert und die Bank überlegt, ob sie nicht mehr von ihrem Geld für Sicherheitsmaßnahmen gegen Banküberfälle ausgeben sollte. Dieser Überfall zusammen mit anderen Straftaten hat Folgen bis in die Politik. Im Bundestag einigen sich die Parteien darüber, dass zur besseren Verbrechensbekämpfung mehr Telefone abgehört werden dürfen. Jede Tat – und das gilt sowohl für gute Taten als auch für böse – hat zusammen mit anderen Taten einen Rattenschwanz von Folgen, die für niemanden mehr zu übersehen und zu kontrollieren sind. Und von allen, was wir tun, ist die Gemeinschaft in der wir leben mit betroffen. So haben sich die Menschen im Umfeld der Bibel das Leben vorgestellt, und ich finde das ist auch heute noch ganz richtig. Auch wenn wir uns immer vorstellen, wir seien freischwebende Einzelwesen und was wir tun oder lassen ginge die anderen doch nichts an. So ist es nicht. Es ist vielmehr so, dass die Taten Folgen haben, die andere auch betreffen.

In diesem Weltbild können wir jetzt auch verstehen, wie Jesus stellvertretend für uns leiden konnte. Jesus hat die Folgen unserer bösen Taten auf sich gezogen und damit ein für alle Mal aus der Welt geschafft. Er hat die gute Ordnung der Welt, die durch unsere Taten beeinträchtigt wurde wieder hergestellt. Und Gott hat Jesu Leiden und Jesu Opfer angenommen. Dadurch wurde die Vorraussetzung geschaffen, dass das Leben nun gut weiter gehen kann und die Folgen unserer Taten uns nicht mehr einholen müssen. Die Gemeinschaft wurde geheilt. Ein gutes Leben ohne die Folgen unserer Schuld ist möglich geworden. Diese Vorstellung aus der Bibel ist für uns schwer nachzuvollziehen, weil wir uns nicht vorstellen können, wie das geht, dass Gott die Folgen unserer Schuld auf Jesus lädt, und warum sie dann weg sind. Das ist schwer zu verstehen, weil das auch tatsächlich eine magische Vorstellung ist, die uns heute nicht mehr zugänglich ist. Aber was uns noch davon zugänglich ist, ist das Ergebnis. Und das Ergebnis heißt: Wir sind frei von unserer Schuld durch das Leiden und den Tod Jesu. Indem Jesus Leiden und Tod durchgemacht hat, hat er beides besiegt. Vor uns liegt nicht mehr einfach nur Leiden uns Tod. Vor uns liegt ein Leben in der Gegenwart Gottes, vor dem wir uns nicht fürchten müssen. Vor uns liegt ein neues Leben. Wovor uns aber Gott gerettet hat, das sehen wir im Leiden seines Sohnes. Und darüber sollten wir wirklich erschrecken. So harmlos wie wir denken sind unsere Taten offensichtlich nicht, wenn sie derartig grausame Folgen auf sich ziehen. An diesen schrecklichen Folgen an dem furchtbaren Leid, dass uns in der Geschichte von Jesu Kreuzigung begegnet, sehen wir, wie zerstörerisch das ist, was wir durchschnittlich tun. Wenn Leute sagen, warum dieses Drama, warum kann Gott uns nicht einfach so vergeben und dann ist gut, dann zeigt sich darin auch der Wunsch bitte nicht mit den Folgen der eigenen Handlungen belastet und belästigt zu werden. Wir sehen auf das Kreuz. Wir sehen wie Jesus langsam erstickt. Wir sehen das schmerzverzerrte Gesicht. Wir sehen wie verlassen und einsam dieser Tod ist. Und wir begreifen: So nötig haben wir Gottes Vergebung. So tief sind wir verstrickt in die Welt des Todes. Wir müssen da raus. Und wir können da raus. Wenn wir Gott bitten, dass er uns unsere Schuld vergibt, dann beschützt er uns vor den langfristig tödlichen Folgen unserer Taten und hilft uns, in Zukunft anders zu handeln. Aber wir müssen es wirklich verstehen, was wir im Alltag anrichten. Wir müssen wahrnehmen, wie wir unsere Nachbarn verletzten, wenn wir schlecht über sie reden. Wir müssen mitbekommen, was wir unserem Ehepartner und unseren Kindern antun, wenn wir achtlos mit ihnen umgehen. Was man sonst noch alles falsch machen kann, wissen Sie genauso gut wie ich. Und das ist nicht harmlos, und das ist nicht irgendwie ganz ok. Sondern es verstrickt uns in die Welt des Todes. Aber wir sind nicht für die Welt des Todes und für die Zerstörung gemacht. Wir sind für eine gutes Leben vorgesehen. Wir sollen und wir können Kinder Gottes sein. Wir sind freigekauft von der Macht des Todes durch Jesus Christus. Heute ist Karfreitag. Wir blicken auf das Leiden. Und wir erschrecken davor. Aber wir blicken auch tiefer. Und dann sehen wir: mitten in dem Schrecken, da gibt es Gottes Vergebung. Da gibt es das Angebot: Du kannst neu anfangen. Es gibt eine Perspektive über den Tod hinaus. Nehmen wir das Angebot Gottes an. Nehmen wir die Folgen des Leidens Jesu für uns in Anspruch. Bitten wir Gott um Vergebung. Und lassen wir uns von Gott dabei helfen ein sinnvolleres und besseres Leben zu führen.

drucken