Der dritte Weg Hiobs

Liebe Gemeinde,

diese Worte sind zu Gott gesprochen, liebe Gemeinde. Darin finde ich nichts Hehres, nichts Hohes und nichts Heiliges wie in unserer sonstigen Rede zu Gott. Denken wir an diesen Gottesdienst: wie wagen wir es zu Gott zu reden? "Herr im Himmel", "Gott unser Vater", "Allmächtiger" – wir neigen unser Angesicht vor Gott. Und es ist gut so. Aber hier? "Lass mich doch in Ruhe, Gott, lass mich bei dem, was mir der Tag bringt – es ist doch eh` alles Mühe und Plage und das bisschen Freude in meinem Leben: vermies es mir nicht auch noch!" Hier spricht ein Aufrührer, einer der nicht nur glaubt oder hofft, dass er Recht hat, dass vielleicht gerettet werden möge – Nein: hier spricht einer, der weiß, das es so ist! Ich habe Recht, Gott – gib mir also, was mir zusteht, Donnerzack! Die Freunde, die bei Hiob sind und ihn so reden hören sind bestürzt: so darf man das doch nicht sagen – ach, nein: man muss zufrieden sein mit dem, was man hat – es gibt eben Höhen und Tiefen im Leben – Gott wird schon wissen, warum er das zulässt usw.: wir kennen diese Reden der Freunde Hiobs auch in unserem Leben: leere Worte des scheinbaren Trostes. Inhaltlich sicher richtig, denn: wer kann schon erklären, warum Gott das Leid zulässt, aber eben auch Worte ohne Leben in ihnen. Es sind honigsüße Worte, die das Unrecht dieser Welt mit einer goldgelben Schicht zudecken sollen, Worte, die so tun, als wäre das Übel kein eigentliches Übel, sondern eben alles irgendwie schon gut und richtig – aber das einzige, was bei den Menschen hängenbleibt, zu denen diese Worte gesprochen werden, ist das Klebrige und das Zähe, was das Denken und Fühlen umhüllt und träge macht.

Hiob aber benennt das Unrecht dieses Lebens: der Mensch lebt kurz und ist voll Unruhe: der Mensch ist gehetzt und unfrei – kaum steht er, blickt er schon auf´s nächste, als wäre es nicht genug, eben hier zu stehen: mehr und anders soll es werden und das auch noch schnell.

Der Mensch geht wie eine Blume auf und fällt ab: wo sind sie hin die kurzen Jahre der Jugend, höre ich oft die Alten unserer Gemeinde sagen: eine kurze Freunde, gesund und jung, frisch verheiratet – dann aber kam die lange Zeit, in der ich nun schon krank und siech bin: nichts geht mehr so, wie ich es einst konnte!

Der Mensch flieht wie ein Schatten und bleibt nicht! Die Erinnerung an die guten Zeiten, an die Zeiten des Glücks: sie sind wie ein Schatten geworden: man weiß noch, dass etwas dagewesen sein muss, was diesen Schatten ausgelöst hat – aber kaum dreht man sich um und will die Quelle erhaschen, ist er auch schon wieder verschwunden: wie war das, als ich glücklich war: ach – es ist schon so lange her! Als ich noch ein Kind war, las ich ein Buch über Hiroschima und den ersten Atombombenabwurf (im Verhältnis zu heute, war das ja damals ein kleines Bömbchen!) und ein Bild brannte sich mir ein: als die Bombe abgeworfen worden ist, verdampften die Menschen noch in einer bestimmten Entfernung – sie waren einfach weg, von jetzt auf gleich – und das einzige was von einigen übrigblieb, war ein Schatten an einer Hauswand! Oh Gott – wo warst du damals – wie konntest du das zulassen!

Ich denke an die Menschen, die ihren Partner an den Krebs oder einen Unfall verloren haben oder die Vater und Mutter verloren haben und jetzt alleine sind und einsam: einsame Menschen mitten unter uns, liebe Gemeinde! Nur eine kurze Zeit des Glücks – warum?

Und dann: noch mehr – nämlich Gottes Augen über uns zu seinem Gericht! Gott – du ziehst mich ins Gericht und sprichst micht schuldig! Zu Recht, denn wer kann etwas Reines machen aus etwas Unreinem – kein einziger kann das. Aber so lebe ich, kurz, mein Glück währt nicht lange und dann auch noch der Richterspruch: du bist schuldig vor Gott! Was also ist zu tun, liebe Gemeinde?

Ich schlage zwei Richtungen vor: die erste: lasst uns diese Klage nicht ernst nehmen. Lasst uns sagen: die solches reden, sind Schwarzseher, das sind die Pessimisten unter uns. Vergesst, was sie sagen, denn sie schauen immer nur das halbleere Glas an, nie das halbvolle. Diese miesen Kritiker haben immer was zu mäkeln, sie sind eben einfach unzufrieden und neidisch: also weg mit ihnen: die Welt ist doch schön – ich weiss gar nicht, was ihr habt! Mir geht´s gut! Mich erinnert das an die Lesung aus dem Evangelium, die wir vorhin gehört haben: "Es wird die Zeit kommen, da begehrt ihr zu sehen – und es werden einige sein, die sagen: siehe dort oder: siehe, hier! Aber lauft ihnen nicht nach!"

Oder gefällt euch der zweite Weg besser? Er lautet: ja, ich weiss, dass es um die Welt schlecht bestimmt ist. Ja, ich weiss, dass das Leid mich umlagert wie ein trüber See und ich drohe darin zu versinken: aber so ist es wohl Gottes Wille und ich will ihn annehmen, ohne zu murren. Lasst mich bloß in Frieden und regt mich nicht weiter auf, denn mir ist diese Stimmung sehr recht: die Welt geht dem Ende entgegen und ich weiss es.

War´s das, liebe Gemeinde? War das schon alles, was wir tun können? Ich glaube: Nein! Zwar kenne ich beide Richtungen zur Genüge, auch hier bei uns gibt es Leute, die nicht sehen wollen, Leute, die so tun, als wäre alles bestens: diese Menschen sehen ihren Nachbarn nicht, sage ich!

Und es gibt auch die anderen: ich höre die Worte noch im Ohr: hier bei uns geht eh` nichts voran – das war schon immer so. Ja, wären wir in Oberaltertheim: da ist das alles anders, aber hier: nein, das wird nichts werden. Da kann man halt nichts machen!

Ich glaube, liebe Gemeinde, es gibt noch einen dritten Weg, einen Weg jenseits von Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-wollen und im Selbstmitleid-versinken: es ist der Weg, den Hiob selbst gewählt hat! Denn Hiob steht auf und streitet mit seinem Gott: Hiob will sich die Verheißungen, die Gott ihm selbst gegeben hat, nicht aus der Hand nehmen lassen. Hiob streitet für diese Dinge und beharrt darauf, dass er ein Recht dazu hat.

Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen: Ein altes Schiff aus Holz wollte das große Meer überqueren, um zu einem sagenhaften Strand zu gelangen: weiß und sandig und hinter den Dünen die schönsten Palmen, die je gesehen wurden. Täglich wurde es aber auf seiner Fahrt dorthin durch Stürme und das agressive Salzwasser angegriffen. Auch Verletzte hatte es schon gegeben bei diesen Stürmen. Mit der Zeit gab das Holz des Schiffes nach und es enstanden Risse und Lecke im Rumpf, so dass das Meerwasser eindrang. Mit kleinen Eimern begann die Mannschaft, Wasser aus dem Rumpf zu tragen, und mit altem Seetuch versuchte man die Löcher abzudichten. Doch das Wasser fand immer neue Wege ins Innere des Schiffes und es wurde immer schlimmer statt besser. Nur mit großer Mühe konnte das alte Schiff noch fahrtüchtig gehalten werden. Mit der Zeit aber wurden die Seeleute müde, und alsbald starben einige der Verletzten unten im Schiff, da sie den Kopf nicht mehr über Wasser halten konnten. "Wie sollen wir bloß das Schiff retten, wenn für einen abgeschöpften Eimer Wasser schon wieder zwei neue eindringen?" riefen die Seeleute, und alsbald hörten sie auf, überhaupt noch Wasser zu schöpfen. Am Anfang war es nur ein Einzelner, der es sein ließ und resignierte. Andere dachten bei sich: nun ja: mir geht es ja nicht so schlimm, wie den Verletzten unten im Schiff: ich will nicht mehr an sie denken und mich dafür der schönen Luft hier oben freuen – so bin ich glücklich, ich brauche diesen doofen Palmenstrand gar nicht. Wahrscheinlich gibt es ihn gar nicht. So kam es schließlich, dass alle restlichen Seeleute entweder resigniert die Eimer sinken ließen oder aber die Augen vor dem drohenden Unheil verschlossen. Schließlich passierte, was passieren mußte und das Schiff ging im Meer unter, und die Haie, die geduldig auf diesen Augenblick gewartet hatten, verschlangen, was von der Mannschaft noch übriggeblieben war. Ein paar Seemeilen weiter aber war ein schöner Sandstrand, an den ruhig die Wellen schlugen.

Liebe Gemeinde: werden sie nicht wie diese Seeleute, sondern heben sie wie Hiob den Kopf und treten ihrem Gott gegenüber, aber lassen sie ihn nicht fallen. Werden sie wie Hiob zum Aufrührer, zum Unruhestifter, geben sie sich nicht zufrieden mit dem Leid, was wir in der Welt haben und lassen sie nicht den Kopf hängen und sagen: ach lieber Gott, du hast es ja so gewollt, also will ich die Hände geduldig in den Schoß legen.

Was sagt Hiob noch in seiner Rede? "Die Zahl seiner Monde steht bei dir und du hast ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann." Der Mensch kann sein Ziel nicht überschreiten, das steht fest, darin haben auch die Weggucker und die Pessimisten Recht, aber – und daran hat Hiob immer festgehalten: Gott hat ein Ziel gesetzt, ein Ziel, das auch uns deutlich vor Augen geschrieben ist. So wie das Schiff aus unserer Geschichte den Palmenstrand als Ziel angepeilt hatte, so wußte Hiob, was Gott dem an ihn Glaubenden als wunderbares Ziel angegeben hat. Und Hiob will sich das nicht nehmen lassen.

Am Ende des Buches Hiob, im 42. Kapitel, wird er dafür gelobt und die Freunde Hiobs gescholten. Zwar wird Hiob auch klargemacht, dass er als Mensch zu klein ist, manches zu verstehen: "Wo warst du, als ich die Sterne gemacht habe" – auch wir können noch nicht erklären, warum es dieses Leid auf der Erde gibt, aber Gott sagt auch zu ihm: "ich will dich erhören und: tue Fürbitte für deine törichten Freunde, denn sie haben nicht recht zu mir geredet." Liebe Gemeinde – diese Freunde haben sich das Ziel Gottes aus der Hand nehmen lassen und sind aus dem Gespräch mit Gott ausgestiegen, sie haben die Eimer stehen gelassen oder haben sich ans Deck gesetzt und haben nur noch mit sich selbst geredet. Der dritte Weg aber, der Weg Hiobs, hätte sie bis zum Palmenstrand durchgetragen.

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