Das Urteil stand schon lange fest

Liebe Gemeinde am Karfreitag,

ich möchte heute einmal über einen Text aus der Passionsgeschichte predigen, der nie Predigttext ist. Ein Text, den ich aber interessant und durchaus wichtig finde, gerade am Karfreitag, gerade auch aus ethischen Gründen heraus.

TEXT: Mk 14,53-63]

Liebe Gemeinde, der Prozess gegen Jesus- er ist eine Farce, ein Schauspiel allenfalls, das Urteil stand vorher fest. Jesus wird nicht in Untersuchungshaft genommen, wie auch damals schon üblich. Er wird nicht dem Haftrichter vorgeführt, sondern kommt gleich vor den Hohen Rat und das an einem Festtag an dem nur in absoluten Ausnahmefällen Gericht gehalten werden durfte. Ein solcher Ausnahmefall war bei Jesus gegeben. Sie sehen welche Bedeutung man dem Prozess gegen Jesus beimisst. Wie immer, wenn man nicht recht etwas gegen jemanden in der Hand hat. Man kauft Zeugen und gibt ihnen belastendes Material mit auf den Weg. Dummerweise widersprechen sich die Zeugen tatsächlich auch noch, man kann ihre Aussagen nicht guten Gewissens für bare Münze nehmen. Zu deutlich wird, was hier gespielt wird: ein abgekartetes Spiel. Das Urteil steht schon vorher fest.

Schließlich weiß Kaiphas der Hohe Priester keinen Ausweg mehr. Man möchte doch ein Urteil sprechen. Er selbst übernimmt die Initiative. Er fragt: "Bist du der Christus, der Sohn Gottes?" Damit zeigt er, dass alle vorhergegangenen Zeugenaussagen eigentlich nur Vorgeplänkel waren. Man hat diese Zeugen nur gebraucht um den Anschein für einen fairen Prozess zu wahren. Jetzt aber kommt die eigentliche Frage. Antwortet Jesus mit Nein: Dann ist er ein Lügner, einer der den Leuten etwas vorgaukelt und ihnen bisher doch nur die Köpfe verdreht hat. Man wird den Hass der Menschen nicht bändigen können. Er wird gesteinigt, in jedem Fall wird er getötet werden. Sagt er ja, dann ist das Urteil klar- er ist ein Gotteslästerer und darauf kann es nur eine Strafe geben: den Tod! Kaiphas hat also die alles entscheidende Frage gestellt. Und alle Trümpfe hat er in seiner Hand.

Und Jesus antwortet: " ich bin´s." Kaiphas zerreist seine Kleider, wie man das tut, wenn jemand Gott so offensichtlich lästert und wie es auch ein gutes Schauspiel für die anderen abgibt. Den Fortgang der Geschichte, liebe Gemeinde, kennen sie: Jesus wird zu Pilatus gebracht, der stellt schließlich fest, dass man ihn kreuzigen soll und Jesus stirbt am Kreuz auf dem Hügel Golgatha.

Liebe Gemeinde, das Ganze war ein abgekartetes Spiel. Genauso abgekartet wie die Bundesratsdebatte vor einer Woche zur Frage der Zuwanderung. Auch dort war die Empörung einiger Herren gespielt, wie sich herausgestallt hat, und auch dort war es so ähnlich wie bei Kaiphas, der seinen Mantel zerriss, sich innerlich aber freute, dass Jesus nun endlich überführt wurde und getötet werden kann. Mir geht es aber nicht um Bundesratsmitglieder, wenngleich ich dieses Verhalten von Politikern einer christlichen Partei als besonders drückend empfinde, und nicht um Kaiphas, ich möchte mit ihnen einmal auf die Person "Jesus" schauen.

Jesus erlebte in diesen Stunden sehr schlimme Dinge. Zuerst musste er mit ansehen wie einer seiner Jünger ihn verraten hat, dann bleib ihm nichts anders übrig als abgeführt zu werden und das Schauspiel zu erdulden, das wir eben erlebt hatten. Was hätte er tun sollen? Hätte er fliehen sollen? Zeit hätte er gehabt, sich abzusetzen in einen Nachbarstaat in der Woche in der die Bedrohung immer größer wurde. Der Hohe Rat hätte ihn gehen lassen. Aber Jesus tat es nicht. Es war nicht sein Auftrag zu fliehen. Hätte er deutlich weniger Wind um sich und seine Botschaft vom Reich Gottes machen sollen? Er konnte es nicht- es wäre nicht ehrlich gewesen. Er hatte den Auftrag von Gott den Menschen klar zu machen, dass das Heil kommt, dass es anbricht in seiner Person und dass sie Buße tun müssen. Hätte er um Gnade bitten sollen vor dem Hohen Rat und sagen: "Ich bitte um Verzeihung- ich habe mich geirrt?" Er hat sich ja nicht geirrt. Er hätte die Unwahrheit gesagt. Nachdem er nun keinen der beschriebenen Auswege einschlug blieb nur eines: Dem ins Auge zu schauen was passieren wird. Und sie merken es, Markus hat dies in der Passionsgeschichte genauso empfunden und aufgeschrieben. Er hat zum Teil tragische und lächerliche Charaktere gezeichnet. Jesus bleibt seiner Botschaft dagegen treu, er bleibt der gleiche so wie er es im ganzen Evangelium auch schon war.

Jesus blieb seinem Auftrag treu. Ich finde dies muss für uns Vorbildcharakter haben. Wir sollten uns fragen, wo bleiben wir denn unserem Auftrag treu? Vielleicht müssen wir vorher sogar fragen: was ist denn eigentlich unser Auftrag? Wir werden je und je unterschiedliche Antworten auf diese Frage finden. Ist unser Auftrag an dem Ort an den wir gestellt sind zu finden? Oder müssen wir dazu einen ganz anderen Ort suchen? Steht unser Leben im Einklang mit Gottes Geboten? Engen wir uns selbst ein, wenn wir so weiterleben wie bisher und haben wir überhaupt ein Ohr für Gottes Wort? Kaiphas hatte das nicht. Er hörte nur seinen eigenen Willen und das Wort des Hohen Rates. Es ging ihm um sein Ansehen, nicht um das Recht. Warum geht es uns? Können wir uns morgens im Spiegel noch anschauen, so wie wir leben? Sind wir Gott gegenüber treu? Petrus, der in diesem Abschnitt nur knapp auftaucht konnte dies nicht mehr. Er tönte groß: " Ich werde dich nicht verleugnen Jesus", dreimal tat er es, bevor der Hahn gekräht hatte. Wir sind eher dieser Petrus als Jesus, oder nicht? Ich bewundere beide: Jesus, weil er treu war und weil er für viele Christen Vorbild war, die auch in Verfolgung standhaft geblieben sind und ihm nachgefolgt sind. Ich bewundere auch Petrus, weil es ihm leid tat, dass er Jesus nicht treu war und weil er das einzig richtige getan hat. Er hat um Vergebung gebeten, hat sein Versagen bereut und ist zu einem Vorbild im Glauben geworden.

Anders darf unsere Haltung nicht sein. Sie soll treu sein zu Gott, gegen alle Anfeindungen und all die, die sagen: "Ihr Christen seid von gestern, haltet etwas von Ehrlichkeit und wollt niemanden betrügen!" Und wenn wir abfallen, dann muss es so sein wie bei Petrus, dass wir es auch zugeben und um Verzeihung bitten. Die Beichte, die wir vorhin gehalten haben ist eine Möglichkeit. Besser ist die persönliche Beichte, denn in ihr sprechen wir das wirklich aus und die Vergebung von dem, was uns belastet wird viel deutlicher.

Liebe Gemeinde, das Urteil gegen Jesus stand schon lange fest. Viele Menschen wollten Jesus nicht, weil er ihre Gewohnheiten fundamental erschüttern wollte. Ihr Leben sollten sie ändern. Nicht ein bisschen, sondern völlig. Solche Menschen passten nicht in die Zeit und passen noch heute nicht in die Zeit. "Das Urteil stand schon lange fest." Irgendwie lässt mich dieser Satz nicht mehr los, bei der Beschäftigung mit dem Prozess gegen Jesus. Ich entdecke mein Urteil gegen manche Menschen steht schon lange fest. Ich mag sie nicht und gebe ihnen keine Chance und ich merke, dass andere genau das gleiche tun. Immerhin, sage ich mir- ich erkenne das. Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Aber bessere ich etwas. Jesus wirft dem Kaiphas nicht vor, dass dieser Prozess unfair ist und unrechtmäßig. Er erträgt es, weil er weiß mit diesem Unrecht kann so viel Recht geschehen kann so vielen Menschen geholfen werden, kann so vielen Leuten ihre Sünde vergeben werden, dass es gut ist das zu erleiden. Das geschieht im Großen für uns alle. Jesus kann das! Aber im Kleinen? Ich muss anderen eine Chance geben, damit ich nicht bin wie Kaiphas, der schon ein Urteil gefällt hat. Ich möchte um Vergebung bitten und wir alle sollten das tun. Es gibt immer einen neuen Anfang. Karfreitag stößt die Türe weit auf für diesen neuen Anfang, für uns alle, für die Kaiphasse unserer Zeit und Ostern macht aus dieser Türe ein großes Tor, damit alle sehen: Schuld ist vergeben, Halleluja- Jesus bringt Leben, Halleluja. Nur ganz ohne uns geht es nicht. Es kommt nicht alles von alleine auf uns zu. Wir müssen uns schon ein wenig auf Gott zu bewegen. Gerade auch an Ostern, damit wir das erleben können: Jesus bringt Leben. Halleluja!

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