Das Reich Gottes

Heute ist der 9. November. Na und? Was macht es, ob heute der 8.9. oder 10. des Monats ist. November ist November. Der 9. November das ist für und für viele andere kein Tag wie jeder andere. Auch wenn es kein Feiertag ist, auch wenn dieser Tag keinen besonderen Namen hat, wie Allerheiligen oder St. Martin, oder Tag der deutschen Einheit ist es ein besonderer, ein denkwürdiger Tag.

An kaum einem Tag hat sich im vergangenen Jahrhundert soviel Grundlegende Geschichte ereignet, deutsche Geschichte, europäische Geschichte. Und in seinen Auswirkungen auch Weltgeschichte.

Und all das, was damals war hat viel zu tun mit dem, was den November auch ausmacht. Das Erinnern und Gedenken an Krieg, Leid und Zerstörung, die Bereitschaft um Vergebung zu bitten und für den Frieden in unserem Land und in der ganzen Welt zu beten.

Und all das, was damals war hat auch viel zu tun mit dem, was wir heute gehört haben mit der Frage nach dem Reich Gottes. Ob und wann es denn wohl kommt und wie das sein wird. Es hat etwas damit zu tun, dass es immer wieder Zeiten gibt, in denen wir uns Wünschen Gott möge doch endlich kommen und in dieser Welt für Ordnung sorgen. Er möge kommen und die Unterdrücken, Quälen und anderen Leid zufügen bestrafen. Er möge kommen und diese so hoffnungslos zerstrittene Welt wieder zusammenfügen zu einer Welt, in der es keinen Hunger, keinen Krieg, keine Gewalt und auch kein Unrecht mehr gibt.

Was war denn nun am 9. November? Ich möchte Sie und Euch daran erinnern, weil es wichtig ist zu erinnern auch heute noch.
Am 9. November 1918 war Revolution im Land, Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg meuterten Matrosen, demonstrierten und streikten aufgewühlte Masse. Am Ende musste Kaiser Wilhelm der zweite abdanken, der Versailler Vertrag wurde unterschrieben und Friedrich Ebert rief die Weimarer Republik aus. Viel Blut wurde vergossen beim Kampf um die Macht. In Russland ging die Revolution noch weiter als bei uns. Den Zaren folgte Lenin. Die Kommunistische Idee bekam Gestalt, sollte umgesetzt werden in diesem riesigen Reich zum wohl der Arbeiter und Bauern. In diesen Tagen des 9. November sind tatsächlich Reiche untergegangen und neue entstanden.
In diesem Umbruch lag die Hoffnung allein mit Vernunft und Menschenkraft ein Reich, einen Staat zu konzipieren, in dem es gerechter zugeht. Kein Hunger, keine Ständeprivilegien, kein Krieg.
Am 9. November 1923 wollte sich ein bis dahin Unbekannter mit einer kleinen Gruppe an die Macht putschen. National und Sozialistisch waren seine Schlagworte. Es waren schlechte Zeiten damals in den 20ern. Er wurde verhaftet aber 10 Jahre später war er am Ziel. Auch er mit einer Vision von einem großen Reich. Ein Reich weit hinein in den Osten, das arisch, Judenfrei und frei von Kommunisten sein sollte. In der Nacht vom 9.November 1938 brannte in Deutschland die Synagogen, Sturmtrupps zerstörten jüdische Geschäfte, Juden wurden geschlagen, gedemütigt und gebrandmarkt. Als Reichspogromnacht, oder Reichskristallnacht ging diese Nacht des 9.November in die Geschichte ein. Die Diskussion um die Äußerungen eines CDU Abgeordneten und die Entlassung eines Bundeswehrkommandeur in der vergangenen Woche machen deutlich, dass all das noch nicht Geschichte ist.
Und dann im Jahr 1989 am 9. November endete mit dem Fall der Mauer in Berlin wieder was am Anfang begonnen wurde. Die Sowjetunion zerfiel, die sozialistische Idee in Europa gescheitert, Ende der deutschen Teilung als Folge des 2. Weltkriegs, Ende des Kalten Krieges zwischen den Supermächten Sowjetunion und USA, deren Wettrüsten Jahrzehntelang die die Politik der Welt bestimmt haben. Und wieder gab es Hoffnungen, blühende Landschaften sollten in den neuen Bundesländern entstehen.

Als Jesus aber von Angehörigen der pharisäischen Glaubensgemeinschaft gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes? Antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass es beobachtet werden könnte. Auch können wir nicht sagen: Siehe, hier ist es oder dort ist es; denn siehe, das Reich Gottes ist in euerer Mitte. Jesus aber sprach zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: Es wird Tage geben, an denen ihr euch danach sehen werdet, einen der Tage des Menschensohnes zu sehen. Aber ihr werdet nicht sehen. Euch wird gesagt werden: Siehe dort oder siehe hier. Geht nicht hin und lauft nicht hinterher! Denn wie ein Blitz aufblitzt und von einem Ende des Himmels zum anderen leuchtet, so wird der Menschensohn da sein an seinem Tag.

Vor 20 Jahren noch, wäre in einer Gesprächsrunde über diesen Text aus dem Lukasevangelium sicher noch etwas von der Angst zur Sprache gekommen, die viele Menschen in dieser Zeit bewusst oder unbewusst hatten. Die Angst vor einem einmaligen Blitz, dem sogenannten Erstschlag, der eine Stadt ein Land komplett verwüsten kann und die Region über Jahrzehnte verseucht. Man mag das alles gar nicht mehr hören, denn wir haben ja noch immer genug wovor man sich fürchten könnte. Doch vom Reich Gottes reden, heißt auch von Dingen reden, die wir gar nicht mehr auf dem Zettel haben. Endzeitstimmung, der Tag des Gerichts, der Untergang der Welt. Und zu allen Zeiten ist es schwer diese Worte in den Mund zu nehmen ohne dass es eine Gruselgeschichte für Halloween daraus wird, oder so, dass es nach einem dieser Verrückten klingt, die in der Stadt mit einem Schild herumlaufen, Morgen geht die Welt unter. Doch über das Reich Gottes reden heißt auch, ernst zu nehmen, dass wir mit und wie die Jüngerinnen und Jünger und wie das Volk Israel darauf warten, dass Jesus kommt, das Gott kommt, dass die alte Welt vergeht und eine neue entsteht.
Manche radikale Islamisten vielleicht, die mit der Hoffnung auf eine islamische Welt zum heiligen Krieg aufrufen. Weil sie nichts zu verlieren haben, weil sie erleben wie Ungerecht die Welt ist, weil sie sich in ihrem Glauben nicht ernst genommen fühlen. Weil sie Unterdrückung erlebt haben, oder weil sie in dieser übersättigten Welt etwas für sich etwas gefunden haben wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt.

Und bei uns, wer rechnet bei uns mit dem Anbrechen eines Gottes Reiches. Jeder, der an dieser Welt zweifelt oder auch verzweifelt. Jede, die erkannt hat, dass all die menschlichen Versuche und Bemühungen Gerechtigkeit zu leben, umzusetzen gescheitert sind. Jeder, der Gott vermisst in einem immer rauer werdenden Klima. Jede, die noch ein Gefühl dafür hat, dass es da noch etwas gibt, was fehlt, was wir brauchen, etwas das von außen auf uns zu kommen muss und nicht aus uns heraus geschöpft werden kann. Jeder, der glaubt, dass wahr ist was Jesus gesagt hat. Ich bin der Weg, die Wahrheit das Leben. Jeder und jede, der und die so denkt hat nicht aufgehört zu hoffen und zu warten auf das Reich Gottes, das eben so anders ist als die Reiche, die wir in der Geschichte aber vor allem im vergangen Jahrhundert haben kommen und gehen sehen. Egal in welcher Zeit wir uns befinden, es gibt , es gab immer einen Grund skeptisch in die Zukunft zu blicken, ja sogar Angst zu haben. Und gleichzeitig gab und gibt es immer den Mut, den Drang Zukunft zu gestalten. Ideen und Konzepte zu entwickeln diese Welt doch zum besseren zu verändern. Probleme in den Griff zu bekommen, Hoffnungen und Visionen zu haben, die den Menschen gut tun, weil sie ihnen ein Ziel eine Perspektive vermitteln. Und in all dem steht seit 2000 Jahren diese Hoffnung und diese Frage im Raum, die im Predigttext der Pharisäer für uns stellt. Wann kommt es denn endlich dieses Gottes Reich. Und Jesus antwortet. Ganz unerwartet wie ein Blitz und dann sagt er noch es ist schon mitten unter euch. Mit mir hat es doch bereits begonnen. Die Zukunft hat schon begonnen, sie liegt hier und heute in der Gegenwart. Immer wieder werden Menschen davon berührt, dem nachzugehen, was Jesus gesagt und uns vorgelebt hat. Immer wieder sind sie zu erkennen, die Augenblicke, in denen Gottes Reich sichtbar ist in dieser Welt. Ein Reich, das in dieser Welt sich unterscheidet von den Reichen dieser Welt, die kommen und gehen. Ein Liedvers, den wir gleich singen werden drückt es für mich am treffendsten aus.
So mögen Erdenreiche fallen, dein Reich, Herr, steht in Ewigkeit und wächst und wächst bis endlich allen das Herz zu deinem Dienst bereit.

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