Das Reich Gottes wächst von innen nach außen

9. November. Wir werden diesen Tag vor 14 Jahren nicht vergessen und all die Empfindungen und Hoffnungen, die mit dem Fall der Mauer ausgelöst wurden. Ein Ereignis, durch das für uns alles anders wurde. Eine Last fiel von uns ab. Große Hoffnungen wurden wach. Der Himmel auf Erden war es dann aber nicht, was uns erwartete.

Manchmal versprechen wir uns von einem bevorstehenden Tag fast so etwas wie den Himmel auf Erden. Kinder fragen ungeduldig: wann habe ich Geburtstag, wann ist Weihnachten. Wann kommst du zu mir, fragt der Verliebte.

Manchmal ist es auch ganz ungewiss, wann ein ersehnter Tag kommt. Wann werde ich endlich gesund zu Hause sein, fragt der Schwerkranke im Krankenhaus.

Auch die Pharisäer stellen eine solche Frage. Und es sind große Erwartungen, die sie damit verbinden. Persönliche Erwartungen nach einer Zeit, in der das Leben rundum gut ist und Wünsche nach Geborgenheit und Lebensfreude erfüllt werden.

Politische Erwartungen nach einer Zeit des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit. Wann kommt das Reich Gottes?

Ob die Pharisäer im Ernst erwartet haben, dass sie von Jesus eine konkrete Antwort auf diese Frage erhalten? Vielleicht doch!

Bekommen haben sie sie nicht. Jesus nennt kein Datum. Das mag eine große Enttäuschung gewesen sein. Aber die Antwort, die Jesus gibt, ist alles andere als ein Ausweichen auf die Frage. Sie lenkt unsere Gedanken in eine ganz andere Richtung.

Unsere Erwartungen sollen sich nicht auf einen bestimmten Tag oder ein bestimmtes Ereignis richten. Unser Erwarten soll nämlich nicht zum Abwarten werden, zum untätigen Ausharren.

Wenn sich alle Hoffnung auf ein bevorstehendes Ereignis konzentriert, dann ist die eigene Initiative nicht gefragt, dann brauche ich selber nichts zu tun. Dann lohnt es nicht mehr, das Leben jetzt zu verändern.

Die Antwort, die Jesus auf die Frage der Pharisäer gegeben hat, hat es in sich. Jesus sagt: Das Reich Gottes kommt nicht erst. Es ist schon da! Allerdings: Es ist noch nicht so offenkundig und so überzeugend da, dass man nur darauf hinweisen muss: mach doch die Augen auf, sieh doch!

Aber Jesus sagt ohne wenn und aber: es ist da. Es ist nämlich mitten unter euch! Was soll das heißen – wenn man nichts davon sehen kann?

Geht es da um das Wahrnehmen einer Wirklichkeit, auf die man erst aufmerksam gemacht werden muss? Ist das Reich Gottes gar nicht so griffig und so wirklich, dass es uns in die Augen fällt und dass wir es beschreiben können?

Mitten unter uns soll das Reich Gottes sein? Was wir mitten unter uns sehen und erleben, sind das nicht lauter Dinge, die ganz und gar nicht zum Reich Gottes passen, nämlich Streit, Egoismus, Betrug, Enttäuschungen, Hass?

Klagen wir nicht täglich darüber, dass alles immer schlechter wird: die Welt, die Menschen, die Verhältnisse. Wo ist denn "mitten unter uns" etwas Hoffnungsvolles zu finden, etwas, was man mit Gott in Verbindung bringen kann?

Ich möchte diese Frage erst einmal so stehen lassen.
Die Antwort Jesu hat nämlich noch eine andere Dimension. Dazu muss ich noch etwas zur Übersetzung sagen: "Mitten unter euch" – das kann man aus dem Urtext heraus auch ganz anders übersetzen. Und das hat Martin Luther getan. In älteren Bibelübersetzungen steht es denn auch noch so drin. Da lautet die Antwort Jesu: "Das Reich Gottes ist inwendig in euch".

Hilft uns das etwa weiter? Was ist denn in uns drin? In unserem innersten Wesen, in unserem Herzen, in unseren Gedanken? Sieht es in uns drin etwa besser aus als draußen in der Welt? Wo ist da etwas zu finden, was wir mit Gott in Verbindung bringen können?

Müssen wir uns nicht erst an uns arbeiten und uns von Grund auf ändern, bevor da etwas Gutes zum Vorschein kommt?

Steckt nicht in uns die Sünde, sind da nicht die niederen Triebe, alle möglichen dunklen Wünsche und Gedanken, deren wir uns schämen müssen. So ist es doch immer wieder gelehrt worden.

Unter diesem Gesichtspunkt wurde auch die genannte Luther-Übersetzung fragwürdig. Wie soll denn das Reich Gottes dort sein, wo alles so dunkel und fragwürdig ist – inwendig in uns? Es sind weniger sprachliche als theologische Gründe, weshalb man Luthers Übersetzung nicht beibehalten hat.

Und das gibt zu denken. Wir kennen ja in der christlichen Tradition auch andere Ansätze, die ganz biblisch begründet sind. Da möchte ich die pietistische Bewegung nennen, die aus einer tiefen Innerlichkeit des Glaubens entstand und auch die Mystik, die uns lehrt, achtsam umzugehen mit dem, was in uns ist, um die Sprache der Seele zu verstehen.

Da finden wir immer wieder den Hinweis darauf, dass Gott in uns ist. Es geht um ein tiefes inneres Einssein des Menschen mit Gott.

Gerhard Teerstegen war so ein Pietist und Mystiker. Einige seiner Lieder stehen in unserem Gesangbuch. Zu Beginn des Gottesdienstes haben wir ein Lied von ihm gesungen. Vielleicht ist uns gar nicht so bewusst geworden, was wir da gesungen haben: "Ich senk mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir".

So steht es auch im Johannesevangelium. Da sagt Jesus: "Ihr werdet erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr iin mir und ich in euch."

Noch bekannter ist das andere Jesuswort: "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht." Früher haben wir als Kinder gebetet: "Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein." Doch womöglich haben wir das ganz anders verstanden und gemeint, bevor Jesus in uns wohnen kann, muss erst alles eigene raus, sogar das eigene Ich mit all seinen Wünschen und Hoffnungen.

Doch in einem leeren und verkümmerten Herzen will Gott nicht wohnen. Er will genau dort wohnen, wo ich selber zu Hause bin. Wo alles Platz hat, was zu mir gehört. Auch das Unvollkommene, auch das, was schwach ist, und auch all die ungestillten Sehnsüchte und unerfüllten Hoffnungen. Deren müssen wir uns nicht schämen.

Gott weiß, wie es in mir aussieht. Er kennt auch meine dunklen Seiten. Und er mag mich. Und er liebt mich. Denn ich bin ein Teil von ihm.

Das ist die Botschaft Jesu, dass wir nicht erst an uns arbeiten müssen, damit Gott uns gnädig sein kann. Er ist es.

Und er steht uns nicht nur gegenüber als der liebende Gott. Er ist auch in uns drin. Gott in mir – wo ich daran nicht mehr zweifeln muss, wo das meine tiefste Gewissheit ist, da finde ich auch eine ganz neue Beziehung zu mir selber.

Da muss ich mich selber nicht mehr verachten. Da kann ich mich annehmen, auch mit meinen Ängsten und meinen Schwächen. Da kann ich anfangen, mich und mein Leben zu bejahen.

Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Ein starker Satz. Denn wenn es in uns ist, dann wird es nach außen wirken, dann wird es wachsen und sich ausbreiten. Dann wird es einfließen in unsere Beziehungen zu den Menschen, in unsere Welt.

Es kann gar nicht so in uns sein, dass es da verborgen bleibt. Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist: das, was in uns ist, dringt nach außen.

Manchmal erschrecke ich darüber, dass jemand offensichtlich meine Gedanken erraten kann. Da ist, ohne dass ich es gemerkt und gewollt habe, etwas aus meinem Inneren nach außen gekommen.

Andere sehen mir an, wenn ich froh bin. Sie spüren, ob ich innerlich ausgeglichen bin. Sie hören am Klang meiner Stimme, wie mir zumute ist.

Das Reich Gottes in uns – das kann nicht verborgen bleiben. Und wenn wir darauf achten, entdecken wir unter den Menschen viel Erstaunliches, und nicht nur Streit und Egoismus, sondern Hingabe und Liebe, Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit. Vieles, was von Gott ist, auch an Menschen, die von Gott gar nichts wissen wollen.

Wir erleben Menschen, die aufmerksam geblieben sind für die Sorgen und Ängste anderer. Menschen, die Zeit haben. Menschen, die nicht als erstes fragen: was habe ich denn davon? Menschen, die gut zuhören können. Menschen, die einen inneren Frieden ausstrahlen und in deren Nähe wir aufatmen. Menschen, deren Lebensmut ansteckend ist.

Es wird gut sein, nicht nur zu sehen, wie schlimm doch alles ist, sondern auf die Spuren zu achten, die uns etwas spüren lassen davon, dass Gottes Reich mitten unter uns ist.

Es kann dann mitten unter uns spürbar werden, wenn es inwendig in uns ist. Friedensstifter kann nur sein, wer in Frieden mit sich selber lebt.

Wer sich selber annehmen kann, so wie er ist, der kann auch andere annehmen, so wie sie eben sind.
Wer achtsam mit sich selbst umgeht, kann auch besser auf andere Menschen achten.

Wer Barmherzigkeit erfahren hat, der wird nicht Strenge und Härte verbreiten.

Wer aus der Liebe lebt, der kann Liebe weitergeben.

Jesus hat gesagt, dass sich in einem einzigen Gebot das ganze Gesetz Gottes erfüllt: in dem Gebot der Liebe. Es nennt zuerst die Liebe zu Gott, und dann steht da der denkwürdige Satz: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Genau genommen heißt das: Zuerst darf ich mich selbst lieben, denn ich bin ein von Gott Geliebter. Das ist der Anfang der Liebe zu den anderen. So fängt das Reich Gottes unter uns an.

So also müssen wir nicht warten auf irgend ein Datum. So müssen wir nicht abwarten, sondern sind selber mit hineingenommen und beteiligt an dem, worauf wir hoffen.

So hat das bereits angefangen, was wir erwarten, wenn wir beten: dein Reich komme. Und wir sind schon mitten drin!

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