Bruchstückhaft

Liebe Gemeinde,

der 9. November ist ein besonderer Tag des Gedenkens für die deutsche Geschichte in unserem Jahrhundert. Philipp Scheidemann ruft 1918 nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Republik aus. 1923 versucht Adolf Hitler seine erste Machtergreifung in München. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Flammen auf und wurden zerstört. Es beginnt die planmäßig Vernichtung jüdischer Menschen. 1989 öffnet sich die Mauer in Berlin. Die Wiedervereinigung beginnt.
Menschen bauen ihre Reiche und vernichten das eigene gleich mit. Menschen planen die Ausrottung von Menschen. Nur wenige wagen den Widerspruch. Menschen fallen einander vor Glück in die Arme, weinen, singen, tanzen auf ehemaligen Todesstreifen. Zu allem sind Menschen fähig: zum Zerstören und zum Heilen.

In unserem eher stillem Gedenken hören wir Jesu Wort vom Reich Gottes, das mitten unter uns ist. Das Reich Gottes bedeutet Gerechtigkeit und Frieden für alle Völker und für jeden einzelnen Menschen. Es zieht seine heilende Spur der Versöhnung, der Liebe und der Fürsorge Gottes für uns durch die Geschichte der Welt.

Mit Jesus Christus ist das Reich Gottes mitten unter uns da. Was es da zu sehen gibt, ist nur mit den Augen des Glaubens möglich. Zu sehen ist, dass Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige rein werden, Taube hören, Tote aufstehen, Armen das Evangelium gepredigt wird. # Lk 7.22

Gott wendet sich bedingungslos jedem Menschen zu. Er trifft keine Vorauswahl nach Farbe, Aussehen, Nationalität, Lebensweisen und was immer wir auch benötigen, um Menschen den Zugang zur Gemeinschaft zu erschweren oder unmöglich zu machen. Jesus Christus ist ausnahmslos und ohne jede Vorbedingung für jeden Menschen da. Es zählt allein, ob wir das annehmen können.

Weil Gott jedem einzelnen Menschen nachgeht, kümmern wir uns um die Menschen am Rande der Kirche und Gesellschaft. Die Schwachen, Ausgebeuteten und Ausgestoßenen sollen Aufnahme und Hilfe unter uns finden. Das hat seinen Grund nicht in unserer Menschenfreundlichkeit, sondern in unserem Glauben, der dem Ruf Jesu folgt. Jesus zeigt uns durch sein Wort, Leiden und Sterben Gottes unüberbietbare und unableitbare Liebe.
Menschen können das Reich Gottes nicht machen. Sie können es nicht herbeizwingen durch Gebet, Frömmigkeit, Gottesdienstbesuch oder was auch immer. Gott ist es, der es uns ganz souverän und sogar gern gibt. # Lk 12.32; 6.20; Dan 7.27; Mt 25.34; Hebr 12.28

Was uns zu tun bleibt ist, das Reich Gottes so offen anzunehmen, wie ein Kind. Uns von Gott, unsere leeren Hände mit seiner Liebe und Vergebung unverdientermaßen füllen zu lassen. Ausnahmslos alles von ihm für uns selbst und unsere Welt zu erwarten, entspricht der Offenheit des Kindes. # Lk 18.17

Die Frage beschäftigt uns immer wieder, wann das Reich Gottes kommt? Mit Jesu Antwort erübrigt sie sich. Das Reich Gottes ist mitten unter uns. Nicht etwa mitten in uns drin. Es ist da und dennoch wird es noch kommen. Wir leben in einer Spannung, die wir manchmal kaum auszuhalten vermögen. Wir sehnen uns nach Frieden und Gerechtigkeit, Geborgenheit und Liebe.

Christus wird am Ende der Zeiten wiederkommen. Wenn er kommt richtet er nicht alles wieder so her, wie es einst in der Geborgenheit unserer Kindheitstage war. Er kommt wieder, um die Menschen und alle Kreatur von der Last des Todes und des Lebens zu erlösen. Wenn er kommt, wird er alle Tränen von unseren Augen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein. Kein Geschrei und kein Schmerz wird mehr sein. Was bisher war wird vergangen sein. Er macht alles neu. Das ist die Hoffnung, die er in uns lebendig gemacht hat. # Offb 21.1-5

Das ist so ganz anders, als es viele Menschen christlich begründet meinen. Nicht Weltuntergang, sondern Gottes neue Welt erwarten wir, wie wir sie mit dem Seher der Offenbarung bekennen. Wie viele Propheten und Apostel auch bis in unsere Tage hinein auftreten und das Ende dieser Welt zeitlich und örtlich festlegen wollen, betont Jesus die Gegenwart des Reiches Gottes mitten unter uns. Wir brauchen es nicht vorhersagen, weil es schon da ist. So können wir entsprechend in dem angebrochenen und noch ausstehendem Reich Gottes leben.

Der unbedingten Liebe Gottes uns gegenüber entspricht unser unbedingte Einsatz für sein Reich. So, wie der Mensch im Gleichnis Jesu vom Schatz im Acker. # Mt 13.44

("Das Reich der Himmel gleicht einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und verbarg; und vor Freude darüber geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.")

Alles, was uns lieb und wert ist dafür einzusetzen, ums unseren Glauben in Liebe und Versöhnung zu leben.. Da geschieht wirklich viel von unserer Seite. Wir sprechen zu wenig darüber. Überall, wo wir Menschen annehmen, ihnen in ihrer Not beistehen, Frieden schließen, Versöhnung anbieten und um neue gemeinsame Wege ringen, wird etwas von der Gegenwart des Reiches Gottes unter uns sichtbar. Die gelebte Liebe entspricht am meisten Gott, der die Liebe ist. Wir können zwar nicht sagen, hier ist es und da ist es. Aber wir spüren seine Nähe und leben aus ihr. Letztlich darf in jedem Gottesdienst etwas von dem schon gekommenen und noch ausstehendem Reich Gottes bruchstückhaft erfahren werden.

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