Amen!

Liebe Gemeinde,

Amen!

Das war jetzt nicht etwa die kürzeste Predigt in der Geschichte der Laudatekirche. Es ist vielmehr der Anfang der längsten Predigt, die es gibt. Sie ist so lang, dass sie diesen Gottesdienst sprengt und auch nicht in diesem Kirchenraum gefangen bleibt. Sie geht weiter in dein Leben hinein. Das Amen ist der Anfang.

Eigentlich sind Sie es ja gewohnt, dass das Amen am Ende steht. Und das hat wohl auch seinen Sinn, Amen bedeutet nämlich so viel wie „Ja, so soll es sein.“ Und darum steht es als Abschluss am Ende eines Gebetes, oder auch einer Predigt. Es ist Ihre Bestätigung am Ende Ihres Gebetes: Amen, Ja, das glaube ich, und so soll es sein. Es ist ein Glaubenszeugnis. Nun hat ein Zeugnis, also wenn man etwas bezeugt und ja dazu sagt, immer Folgen. Bezeugt man vor Gericht die Unschuld eines Angeklagten, dann hat das zur Folge, daß er freigesprochen wird. Bezeugt man seinen persönlichen Glauben, dann erwarten die Menschen, dass auch das Folgen hat, daß man im Anschluss daran auch irgendwie danach handelt. Sonst wäre es ja ein falsches Zeugnis – eine Lüge.

Ein Bekenntnis muss weitergehen. Und so stehen auch in der Bibel die persönlichen Zeugnisse, wo jemand sagt: Ja, Amen, das glaube ich, niemals am Ende. Sie sind vielmehr immer der Anfang einer Geschichte, in der die Menschen den bezeugten oder neu gewonnenen Glauben umsetzen, ausprobieren. Thomas, der Zweifler, als Jesus zu ihnen tritt durch die verschlossene Tür, und er seine Finger in seine Wundmale legen darf, ruft: Mein Herr und mein Gott! Maria Magdalena, als sie weinend vor dem leeren Grab steht und Jesus trifft, den sie für den Gärtner hält: Als dieser sich zu erkennen gibt, ruft sie: Rabbuni, mein Meister!

Wo Menschen diesem zentralen Wunder der Bibel, der Auferstehung, begegnen, können sie nicht anders, als staunend, ja sprach-los fast, ihren Glauben herauszustammeln: Ja, ich glaube! Sie könnten auch sagen: Amen, ich glaube es. Und all diese Ausrufe, spontane Zeugnisse, sind immer der Anfang einer Geschichte, den die Personen dann mit dem Glauben machen. Maria läuft zu den Jüngern und erzählt die Nachricht weiter, „mit Furcht und großer Freude“. Thomas findet als nun überzeugter Jünger seinen Platz in der christlichen Urgemeinde. Paulus, als Folge seiner Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus, lässt sich taufen und wird der fleißigste Missionar der Weltgeschichte.

Es scheint, dass Menschen, die mit Gottes Auferstehung in Berührung gekommen sind, nicht anders können, als sie weiterzusagen, als Amen drauf zu sagen nicht als Ende, sondern als Anfang. Und dass sie den Anfang gut gemacht haben, dafür sind Sie, die Sie heute hier sitzen, der beste Beweis. Ihre Predigt ist weitergegangen, ist bis in dein Leben gelangt. Und sie wird immer noch weitergehen. Sie muß durch dich weitergehen, denn sie ist dein Beitrag zum Lauf der Welt. Diese Botschaft ist der christliche Beitrag zum Lauf der Welt: Nach dem Tod ist nicht alles aus. Es kommt noch etwas. Das ist das Bewußtsein, mit dem wir Christen leben, seit Ostern. Was kommt, wissen wir nicht genau, aber allein das Wissen genügt schon, das Leben zu verändern. Stell dir doch mal vor, wir hätten diese Gewißheit nicht.

Wenn du dagegen glaubst, dass mit dem Tod alles vorbei ist, dann gibt es für dich zwangsläufig nur ein Heute, ein Diesseits. Und ich glaube, daß es noch nie eine Zeit gegeben hat, die diesseitiger gewesen wäre als die unsrige. Die sogenannte freie Marktwirtschaft, mit der wir leben, ist diesseitig orientiert. Die freie Marktwirtschaft zielt auf das Hier und Jetzt. Befriedige dein Bedürfnis, heute, es gibt für alles einen Preis, du kannst alles kaufen, also tue es. Das ist das Gesetz des Marktes. Es wird uns von tausend Stimmen eingeflüstert, unaufhörlich. Und weil das System so auf die Gegenwart fixiert ist und es immer so eilig hat, darum spielt die Zukunft auch kaum eine Rolle. Zumindest die Zukunft, die jenseits von Gewinnprognosen und Laufzeiten liegt. Zukünftige Lebensgrundlagen werden vielmehr zerstört. Denn für die Zukunft ist in unserer Gesellschaft aus ihrem eigenen Verständnis heraus kein Platz. Schon gar nicht für ein Jenseits.

Stellen Sie sich doch mal vor, es wäre so: Mit dem Tod ist das Leben zuende, das große schwarze Loch wartet auf dich, das Nirwana, das Knuftu. Nichts kommt mehr, Filmriss, Ende, basta. Würden Sie dann noch Amen sagen? Ich würde da lieber sagen: Au weia! Hören Sie sich doch einmal an, wie das klingt, ob Sie da Lust haben, Amen darauf zu sagen:

Ich finde, nach dem Tod kommt gar nichts mehr.
Ich finde, der Mensch soll sein Leben jetzt und hier genießen.
Ich finde, jeder ist sich selbst der Nächste.
Ich finde, Wertpapiere sind wichtiger als Werte.
Ich finde, den Starken gehört die Welt.
Ich finde, die Schwachen müssen selbst sehen, wie sie zurechtkommen.

Oder:
Ich finde, wenn es Gott gibt, dann hat er uns im Stich gelassen.
Ich finde, die Menschen sind Zufallsprodukte der Evolution.
Ich denke, die Welt geht langsam durch menschliche Dummheit zugrunde.
Ich denke, irgendwann kommt der große Knall, und nichts bleibt übrig.

Klingt schaurig, nicht wahr? Aber es sind weit verbreitete Ansichten, oder besser Un-Sichten. Un-sichten, weil sie von Ostern nichts wissen. Liebe Ostergemeinde, immer wenn jemand so etwas sagt oder so handelt, dann ist Ihr Widerspruch gefordert. Denn das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu stehen dagegen. Widersprechen ist allerdings nicht so einfach. Bezeugen, Zeugnis geben, Amen sagen muss man üben. Und genau das wollen wir jetzt einmal tun. Wo sonst als in der Kirche kannst du das üben Amen zu sagen auf das, was du glaubst? Also: nimm dies als Munition gegen allzuviel Gegenwart und Selbstverliebtheit, aber auch gegen Sinnlosigkeit und Zukunftsangst: Es ist christlicher Glaubensschatz seit zweitausend Jahren. Und wenn du willst und es glaubst, dann sag’ AMEN drauf:

Ich glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat – (Gemeinde antwortet: AMEN)
Ich glaube, dass er dich und mich in den Händen hält – AMEN
Ich glaube, dass er auf uns acht gibt, was auch geschieht – AMEN
Ich glaube, dass Gott mit mir seinen Plan hat – AMEN
Ich glaube, dass Jesus auferstanden ist – AMEN
Ich glaube, dass auch wir nach dem Tod weiter leben werden – AMEN
Ich glaube, dass Gott, weil er selber tot war, die Schrecken des Leidens kennt – AMEN
Ich glaube, dass Gott seine Welt gegen alle menschliche Dummheit beschützt – AMEN
Ich glaube, dass Jesus eines Tages wiederkommt – AMEN
Ich glaube, dass eine Zeit kommen wird, in der alle vereint mit Jesus in Frieden leben werden – AMEN
Ich glaube, das die Herren dieser Welt gehen, dass unser Herr aber kommt – AMEN
Ich glaube, dass dieser Glaube mir Kraft gibt, heute Gutes zu tun – AMEN

Sehen Sie, es geht! Man muss es nur ein bisschen üben. Die Wirklichkeit Gottes bezeugen- das erfordert ein bisschen Übung, und viel Mut. Mut um so mehr, als es scheint, daß diejenigen, die dieses christliche Gedankengut noch kennen, immer weniger werden. Sie alle, wie sie da sitzen, sind vom Aussterben bedroht. Ich auch. Wir sind eine vom Aussterben bedrohte Rasse.

Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration war ja die letzte, für die Glaube, Kirche, Gebet noch mehr oder weniger zum normalen Tagesablauf gehört haben. Natürlich auch nicht bei allen, aber bei vielen. Wenn es uns nicht mehr gibt, wer wird dann den Menschen sagen, daß sie sich selbst nicht so wichtig nehmen sollen? Wer wird ihnen sagen, daß danach auch noch etwas kommt, nach Schaffen und Raffen und gut aussehen und gut drauf sein und Freunde und Urlaub? Da ist noch etwas, denn danach kommt noch etwas. Wer wird ihnen das sagen, den Kindern, die heute noch nicht geboren sind? Wer, wenn nicht du? Wer wird ihnen die Geschichten erzählen von Petrus auf dem Wasser, von Mose und dem Dornbusch, von Jesus und seinen Wundern und dem größten von allen? Eine Welt, die das nicht mehr weiß, ist eine arme Welt. Ein Land, in dem dieses Wissen nicht mehr bewahrt wird, ist ein totes Land. Noch haben wir Religionsunterricht an den Schulen und das Wort zum Sonntag und Jürgen Fliege, aber irgendwann wird es wohl auch das nicht mehr geben.

Also ist jetzt die Zeit für uns, so viel wir können, von dem, was uns heilig ist, weiterzugeben, vorzuleben, abzufärben. Mit anderen Worten: zu bezeugen. Und Bezeugen fängt mit einem kleinen Wörtchen an, laut oder leise gesagt, voll Überzeugung gerufen oder voll Zweifel geflüstert: Amen. Amen, aber nicht als Ende, sondern als Anfang: Amen, ja, das glaub ich auch. Und weil ich mein Amen schon am Anfang gesagt habe, lasse ich das Amen am Schluss für dich, damit du es sagst. Jesu Auferstehung verwandelt das Leben, aus dem Ende des einen wurde ein neuer Anfang für dich. Glaubst du das, so sage Amen drauf:

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