Allein den Betern kann es noch gelingen

Liebe Gemeinde,

manchmal stockt mir der Atem, wenn ich mir so anschaue, welche Vergleiche Jesus verwendet, um uns die Eigenschaften Gottes zu zeigen. Hier verwendet er das Beispiel eines ungerechten Richters und einer Witwe. Und er vergleicht Gott mit dem ungerechten Richter und die Witwe mit der christlichen Gemeinde, also uns. Nehmen wir also die Witwe einmal unter die Lupe:

1) Das erste, was mir beim Beten dieser Frau auffällt, ist ihre unglaubliche Ausdauer, mit der sie ihre Bitte vorbringt. Sie ist von Leuten umringt, die sie von Haus und Hof verjagen und die ihren Kindern an den Kragen wollen. Es gibt Situationen, in denen gar nichts mehr hilft, und jeder von uns ist schon in einer Lage gesteckt, aus der er allein nicht herauskam. Die Witwe weiß, dass ihr nur eines helfen kann: dass sie diesen einen Mann für sich gewinnt. Und dieser eine Mann braucht nur ein einziges Wort zu sprechen, und all ihre Not ist vorbei. Darum setzt die Witwe alles auf diese eine Karte: dass sie eben diesen Mann gewinnt. Dies eine will uns Jesus mit dem Vergleich sagen: Wenn »du« Ernst damit machen würdest, dass Gott im Himmel regiert, dass er dein persönliches Schicksal lenkt und dass er Frieden und Krieg der Völker in seiner Hand hält, und wenn du außerdem die Zusicherung ernst nähmest, dass du bei alledem mitreden darfst und dass Gott auf dich hören will; wenn du es so ernst nähmest, dass auf diesen Einen und auf dieses Eine alles ankommt, dann würdest du auch mit dieser Ausdauer, mit dieser Heftigkeit, ja mit dieser Stärke Gott in den Ohren liegen. Wir können viel über Gebet reden, wichtig ist, dass wir damit anfangen: Heute ist weltweiter Gebetstag für verfolgter Christen. Christen, die verfolgt werden, können sich gut in die auswegslose Lage dieser Frau hinein versetzen. Nehmen wir die Christen in Afghanistan, seien es die Mitarbeiter von "Shelter now", die wir mit Namen kennen und einheimischen afghanischen Christen von denen wir weder Namen noch Leiden kennen. Die Christen in Pakistan, die ihren Besuch des Gottesdienstes mit dem Leben bezahlt haben. Oder der Sudan, Indien, die Türkei und Nordkorea, um weitere Länder zu nennen, in denen Christen verfolgt werden. Wenden wir uns – im Gebet mit diesen Christen verbunden – an unseren himmlischen Vater, der nur ein Wort sprechen muss, um unsere Not zu wenden. Wir können viel über Gebet reden, wichtig ist, dass wir damit anfangen: Heute werden in unserer Gemeinde die Kirchenältesten gewählt. Wichtig ist, dass du nach dem Gottesdienst zur Wahl gehst und so den Ältesten zeigst, dass du ihren Einsatz schätzt. Wichtig ist, dass du in den nächsten Jahren für die Arbeit der Ältesten betest, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen. Danke für die Dinge, die sie deiner Meinung nach gut machen. Oder wenn du dich mal nicht mit ihren Entscheidungen einverstanden bist, dann mach aus deinem Ärger ein Gebet und bring ihn zu Gott. Wenden wir uns – im Gebet mit diesen Ältesten verbunden – an unseren himmlischen Vater, der nur ein Wort sprechen muss, um unsere Bitte zu erfüllen.

Ist das nicht der Mund zu voll genommen, wenn wir z.B. an die Bitte des Vaterunsers denken: „Dein Wille geschehe! Nein! Wer nämlich von vornherein, ehe er überhaupt seinen Mund richtig aufgemacht hat, immer schon sagt: »Dein Wille geschehe!«, der traut Gott im Grunde gar nichts zu; der sagt sich in seinem Herzen: »Das Schicksal nimmt ja doch seinen Lauf, der liebe Gott hat sich ins Altersheim zurückgezogen und denkt gar nicht daran, um meinetwillen einzugreifen. Diese Menschen legen sich auf ihre faule, ungläubige Haut, und schließlich sagen sie auch nicht einmal mehr: »Dein Wille geschehe!. Sondern sie sagen: »Es kommt doch alles, wie es kommen muss! Die Bitte des Vaterunsers: »Dein Wille geschehe!« darf nie das erste bei unserem Beten sein. Zuerst muss ich kräftig, herzhaft und ganz ungeniert alles sagen, was ich von Gott, meinem Vater haben will. Dies und nichts anderes will er von uns, wir dürfen frisch und offen. Denn wie oft ist es ja tatsächlich dummes Zeug und Unsinn, was wir betend sprechen. Um nämlich ernsthafte Bitten vortragen zu können, müssen wir wissen, was wirklich notwenig ist. Und um zu wissen, was wir brauchen, müssen wir unser eigenes Leben und auch das Leben anderer Menschen, ja die Weltgeschichte richtig deuten können. Können wir das? So beten wir etwa darum, das wir gesund werden; in Wirklichkeit aber haben wir die Schule des Leidens noch bitter nötig. Wir beten darum, dass wir Karriere machen oder im Lotto gewinnen; aber Gott braucht uns ganz wo anders; und er weiß, dass Erfolg und Geld bei unserem Charakter Gift für uns wären. Auf diese Weise vollziehen wir in unserem Gebet lauter falsche Diagnosen, lauter Fehldeutungen. Und darum ist unser Beten oft Reden »ins unreine«. So sollten wir denn, nachdem wir in unserem Gebet aus unserem Herzen keine Mördergrube gemacht haben, am Schluss einen dicken Strich ziehen und dann, aber erst dann, sagen: »Dein Wille geschehe. du wirst es schon recht machen, du wirst schon das Richtige aus all unserem Gebetsunsinn herausholen. Du weißt ja am besten. was wir wirklich nötig haben.«

2) Wir dürfen noch einen zweiten wesentlichen Punkt in dem Vergleich von Jesus bedenken. Er ist ja ganz auf die Zukunft gerichtet und schließt mit der Frage: "Die Frage ist: Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, diesen Glauben bei euch finden?" Oder werden die Leute alle eingeschlafen sein, Wachen, Warten und Beten gehören nämlich zusammen. Wer betet, bleibt wach. Hier müssen wir Menschen von heute erheblich umschalten, wenn wird das verstehen wollen. Viele meinen: Nur der Mensch ist wach der »schlau« ist, der in seinem Beruf die Augen aufhält, seine Chancen bei der Karriereleiter nützt, ständig auf dem laufenden und seiner Konkurrenz immer eine Nasenlänge voraus ist und der also eine unablässige Aktivität entwickelt. Gerade so ein Mensch verschläft und verträumt sein Leben. Weil wir von dieser Frage nach dem Eigentlichen und weil wir von dieser Möglichkeit, dass wir das Thema unseres Lebens trotz allem Erfolg verfehlen können, verunsichert sind, stürzen wir uns nur um so toller in unseren Betrieb, um das alles zu betäuben und vergessen. »Betäubung« – das heißt doch: Schlaf! Da träumen sie lustig darauf los, obwohl sie nach außen hin als überwacher Realist erscheinen. Und nun sagt uns Jesus: Wer betet, nicht: wer nur arbeitet, sondern: wer betet, der bleibt wach, der verwechselt nicht im Stress-Nebel das Große und das Kleine miteinander, sondern der behält einen hellwachen n Sinn für die wirklichen Dinge des Lebens. Wer betet, weiß, dass es darauf ankommt: mit Gott ins Reine zu kommen. Wer betet, verliert auch die Lebensangst, weil er weiß, dass sein Leben und die Geschichte der Welt eines Tages programmgemäß im Gericht Gottes enden wird. Ein Mensch, der mit Gott im reinen ist, hat den Frieden im Rücken und kann im Leben darum gelassen sein. Angst und Sorgen sind keine guten Ratgeber. Ein Mensch, der Angst hat, schätzt alles falsch ein. Er zittert vor einem Strohhalm, weil er ihn für einen stürzenden Balken hält, und er wird von einem Balken erschlagen, weil er in ihm einen Strohhalm sah. Wer betet, wird aus dem Angsttraum in die Wirklichkeit zurückgerufen, denn er hat die Ewigkeit und das Gericht Gottes zum Maßstab. "Die Frage ist: Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, diesen Glauben bei euch finden?" So verstehen wir denn, dass und warum Jesu den Vergleich mit der Frage schließt, ob er Menschen mit dem Glauben ans Gebet findet, wenn er wiederkommt. Denn eines steht fest: Unsere Bitte findet droben im Himmel Gehör. Aber finden sich denn hier unten Bittende. Das ist das Problem: Nicht ob unsere Gebete im Himmel Gehör finden, sondern ob sich hier auf der Erde Beter finden. Wir Menschen fragen: »Wo ist denn ein Gott, der mich hört,« Und Gott fragt: »Wo ist denn ein Mensch, der mich bittet« Und so will ich angesichts den Kriegen in der Welt schließen mit Reinhold Schneiders Sonett:

Allein den Betern kann es noch gelingen,
das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten …
Denn Täter werden nie den Himmel zwingen;
was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
was sie erneuern, über Nacht veralten,
und was sie stiften, Not und Unheil bringen.
Allein den Betern kann es noch gelingen,
das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten …

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