Gott will Persönlichkeiten

<i>[A.] Von wem ist mein Leben geprägt?</i>

Wer hat mich beeinflusst auf meinem Weg? Wer hat dazu beigetragen, dass ich der bin, der ich heute bin? Eine Antwort ist: Von meinen Eltern. Vater und Mutter prägen ihre Kinder. Kinder imitieren ihre Eltern unbewusst. Sie machen einfach nach, was ihre Eltern tun. Da gibt es diese Geschichte, wie der Vater mit seinem dreijährigen Sohn im Auto fährt, und der Sohn fährt mit, er hat hinten auch ein Lenkrad, ein imaginäres, und Pedale und einen Schaltknüppel. Und er fährt, wie der Vater fährt. Plötzlich hört der Vater von dem Kleinen eine kräftige Kanonade zorniger Worte. ›Fahr doch zu!‹ ›Mann!‹ ›Auf geht’s‹ und noch ein paar Sachen mehr, die ein Dreijähriger normalerweise nicht sagt. Erstaunt blickt er in den Rückspiegel, den er sich so eingestellt hat, dass er den Kleinen sehen kann. ›Sag mal, was sagst du denn da?‹ ›Ich fahre wie du.‹ erklärt der Sohn stolz. Da geht dem Vater auf, dass er offensichtlich anderen Verkehrsteilnehmern manchmal einige freundliche Worte mit auf den Weg gibt. Diese Geschichte habe ich von meinem Vater gehört, ich selber kann mich nicht mehr daran erinnern. Aber wenn Sie wissen wollen, ob ich auch heute noch beim Autofahren das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer kommentiere, dann können Sie ja nach dem Gottesdienst meine Frau fragen.

Aber nicht nur beim Autofahren imitieren wir unsere Eltern. Manche Menschen wählen den Beruf ihres Vaters oder ihrer Mutter. Die Tochter des Zimmermanns lernt Zimmermann oder Zimmerfrau, um das Geschäft des Vaters übernehmen zu können. Wenn der Vater oder die Mutter im Bereich Medizin arbeitet, dann kommt es immer wieder vor, dass auch eines der Kinder Medizin studiert. Und es soll auch schon Fälle gegeben haben, dass, weil der Vater Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika war, der Sohn sich gedacht hat: Warum nicht?! Ich könnte doch auch Präsident werden. Und es geklappt hat. Hört man. Manchmal sogar zweimal hintereinander.

Aber wie dem auch sei, irgendwann entdeckt man: Nicht nur unsere Eltern sind Vorbilder. Es gibt auch andere Menschen, an denen man sich orientieren kann. Das ist eine der wichtigsten Phasen des Lebens. Wenn man den eigenen Eltern ihren Lebensstil nicht mehr ohne weiteres abkauft, sondern anfängt, seinen eigenen Stil zu entwickeln. In dieser wichtigen Phase kann es ganz schön hart sein in Familien. Ich glauben, manche von den Konfirmandinnen und Konfirmanden wissen, wovon ich rede. Denn da knallt es daheim manchmal mächtig. Nicht nur die Türen. Verschiedene Temperamente prallen aufeinander. Warum ist diese Phase so hart? Weil sich die Frage stellt, ob eine Familie Konflikte zwischen gleichwertigen Partnern aushalten kann. Die Frage ist, ob eine Familie auch dann als Familie, als Gemeinschaft weiter besteht, wenn es dauerhaft unterschiedliche Meinungen oder unterschiedliche Lebensstile gibt. Und die Kunst ist, ein Miteinander zu finden, in dem jede Person als die Persönlichkeit, die sie ist, leben darf. Denn darum geht es: Wenn alle gleichberechtigt sind, trotzdem einen Weg zu finden, um miteinander leben zu können. Als Gemeinschaft. Nicht zerstritten, nicht im Waffenstillstand, sondern als Gemeinschaft. Wie kann man als Gemeinschaft leben, trotz unterschiedlicher Persönlichkeiten, trotz unterschiedlicher Lebensstile? Diese Frage stellt sich nicht nur in der Familie. Sie stellt sich auch in der Kirche. Denn auch hier gibt es unterschiedliche Stile und Persönlichkeiten. Schauen wir uns nur ein Beispiel an: Wieviele unterschiedliche Formen zu beten gibt es? Ein Mädchen hat mir einmal erzählt, dass es als Konfirmandin beim Gebet nicht die Hände gefaltet, sondern in die Hosentaschen gesteckt hat. Unmöglich, denke ich. Aber sie sagt: „Gott hört mir auch zu, wenn ich die Hände in den Hosentaschen habe.“ Und – sie hat vollkommen recht. Gott hört ihr auch zu, wenn sie die Hände in den Hosentaschen hat. Denn Gott hört immer zu. Und das ist nicht die einzige Art zu beten: Es gibt andere Christen, die stecken ihre Hände beim Gebet nicht in die Hosentaschen, sondern heben sie in die Luft, sie preisen Gott mit erhobenen Händen, sie jubeln laut und rufen ihre Freude hinaus in die Welt. Auch ihnen hört Gott zu. Es gibt Christen, die beten täglich ihr Vaterunser, es gibt andere, die beten nur selten, aber dann aus tiefem, übervollem Herzen. Und es gibt Christen, die beten noch einmal ganz anders. Von Mutter Teresa, die in Kalkutta den Straßenkindern geholfen hat, wird erzählt, dass sie einmal von einem nicht besonders frommen Reporter gefragt wurde, ob sie eigentlich beten würde. Ja, das würde vorkommen, meinte die kleine alte Frau. Ja, was sie denn so zu Gott sagen würde, wollte der Reporter wissen. Ach, antwortete sie, ich sage eigentlich nicht so viel, ich höre eher zu. Hm. Ja, was sagt denn dann Gott? wollte der Reporter wissen. Er sagt auch nicht so viel, er hört auch eher zu. Für Mutter Teresa, die Johannes Feige dort drüben mit einem ihrer Armen im Arm in Holz gehauen hat, ist Beten ein gemeinsames Hören mit Gott. Das ist wieder ein anderer Weg zu beten.

Wenn wir an die Familie denken, oder an das Beten, dann wird klar: Es gibt unterschiedliche Lebensstile, daheim, in der Familie, in der Kirche, oder irgendwo sonst, wo Menschen zusammenkommen und miteinander ihr Leben verbringen: In der Schule, in der Nachbarschaft, bei der Arbeit, beim Sport.

Wie kann man als Gemeinschaft leben, trotz unterschiedlicher Persönlichkeiten, trotz unterschiedlicher Lebensstile?

Diese Frage hat sich den Menschen schon immer gestellt. Auch den Christen hat sich diese Frage schon immer gestellt. Auch schon vor 2000 Jahren in Rom gab es solche Probleme. Und es gibt verschiedene Antworten. Hören wir auf die Antwort, die Paulus in Römer 14 gibt. Die Römer hatten dasselbe Problem wie wir: Es gab verschiedene Lebensstile, die miteinander nicht richtig harmoniert haben. Und was Paulus zu ihren Problemen zu sagen hat, das ist für uns genauso wichtig wie für sie. Ich lese den Predigttext, Römer 14 die Verse 7 bis 9.

[TEXT]

<i>[B.] Unser leben, ja unser ganzes Sein, ist geprägt von Christus</i>

Die Antwort, die Paulus auf das Problem gibt, hat zwei Teile. Der erste Teil heißt in Kurzform: Pass auf, nach wessen Pfeife du tanzt. Pass auf, nach wessen Pfeife du tanzt! Wer gibt die Richtung vor in deinem Leben? An wem orientierst du dich? Wer sind deine Vorbilder? Nach wem schaust du, wenn du etwas tust? Ist es die Meinung von irgendwelchen Leuten? Ist es irgendetwas, das du dir einredest? Ist es die Gier nach Geld, nach Ruhm – oder einfach nur der Wunsch, dass mich die anderen toll finden?

Paulus sagt: Pass auf! Denn wenn du Christ bist, dann gibt es nur eine Antwort: Über mich als Christ hat nichts und niemand in dieser Welt Macht – außer Christus selbst. Keiner kann sich ein Urteil darüber anmaßen, ob das, was ich als Christ tue, richtig oder falsch ist, keiner – außer Christus. Ihm bin ich verantwortlich. Ihm allein. Und das heißt: Ich bin frei von allen anderen Mächten und allen anderen Menschen, die meinen, sie könnten über mich richten.

Merkt ihr etwas, ihr Konfirmanden? Das ist die Phase, die irgendwo zwischen 12 und 16 abläuft, in der manche von euch gerade sind. In der ihr darum kämpft, dass ihr so sein dürft, wie ihr sein wollt. Ihr kämpft um eure Persönlichkeit. Und das ist gut so. Denn ihr seid Christen. Und als Christen seid ihr niemandem unterworfen als alleine Christus. Ihr müsst nicht jedem Trend hinterherlaufen. Ihr müsst nicht auf das Geschwätz von anderen hören. Als Christen seid ihr alleine Christus gegenüber verantwortlich für das, was ihr tut und lasst. Denn Christus ist unser Herr.

Und dass Christus unser Herr ist, heißt nichts anderes als: ein christliches Gewissen haben. Ein Gewissen dafür haben, womit ich vor Christus bestehen kann – und womit nicht. Ein Gewissen, das mir deutlich meldet, ob ich, durch das, was ich tue, auf meinem persönlichen Weg mit Gott bleibe, auf dem Weg, den nur ich gehen kann, den Weg, auf dem nur ich Gemeinschaft mit Christus haben kann. Dieser Weg ist einmalig. Und er sieht bei jedem Christen anders aus. So ein Weg kann Kurven haben. Das ist kein Problem. Gott ist da. Auch in Kurven. So ein Weg kann in eine Sackgasse führen. Auch das ist kein Problem. Das heißt, für mich ist es vielleicht ein ziemliches Problem. Aber gerade, wenn ich meine, in einer Sackgasse zu stecken, ist oft die Nähe Gottes urplötzlich spürbar. Denn Christus ist da, er hat zu jedem von uns ein einzigartiges Verhältnis. Wie und wo sich dieses Verhältnis zeigt, weiß kein Mensch. Ich kann es euch nicht sagen. Auch niemand sonst. Nur ihr selbst könnt entdecken, was Gott mit euch vor hat. Ihr müsst es selbst herausfinden. Denn Gott sagt zu jedem von uns: Entdecke die Möglichkeiten, die in einem Leben aus der Kraft Gottes liegen! Wuchert mit euren Fähigkeiten! Probiert, was ihr könnt und was ihr nicht könnt, und denkt dabei daran: Ihr seid Christus gegenüber verantwortlich. Aber: Ihr seid nur ihm gegenüber verantwortlich. Gott will keine Duckmäuserchristen, Gott will Originale, Gott will Persönlichkeiten. Wenn Gott Einheitsmenschen gewollt hätte, dann hätte er uns als Einheitsmenschen geschaffen. Aber das hat er nicht. Gott liebt die Vielfalt. Und er liebt, wie jeder einzelne von uns mit seiner Kraft, mit Gottes Kraft das Leben neu entdeckt. Aus Gottes Kraft leben, dem Herrn leben, wie Paulus sagt, das heißt: In meinem ganzen Leben das zu tun versuchen, was ich Christus gegenüber verantworten kann. Und das ist bei jedem von uns etwas anderes. Deswegen kann es, weder daheim in der Familie, noch hier in der Kirche eine Lösung sein, wenn alle dasselbe zu tun versuchen. Wer so aus der Kraft Gottes lebt, wer ganz aus der Freiheit lebt, die uns Gott in Christus schenkt, über den hat keine andere Macht in dieser Welt mehr Gewalt. Das Geld, die Sucht nach Anerkennung, die Meinung der Leute, selbst der Tod, das alles hat keine Macht über den, der aus der Kraft Gottes lebt. Das ist die erste entscheidende Erkenntnis.

Jetzt heißt es aber nicht: Lebe ich, so lebe ich dem Herrn. Sondern: Leben wir, so leben wir dem Herrn. Es geht also zum zweiten darum, wie wir als die Persönlichkeiten, die wir sein sollen, die wir durch Gottes Kraft sind, mit anderen zusammen leben können. Genau das Problem, das es manchmal daheim oder in der Kirche oder sonstwo gibt. Egal wo, wenn ich mit anderen zu tun haben, dann muss ich mir auf der einen Seite klar machen: Was auch immer ich tue, ich bin nur einem verantwortlich, ich bin nur einem Rechenschaft schuldig: Christus. Aber auf der anderen Seite: Wenn ich mit anderen zu tun habe, dann muss ich auch ihnen dieses Recht zugestehen. Sie sind nur Christus gegenüber verantwortlich. Ich darf sie nicht verurteilen. Ich kann sagen: Das ist deine Art, aber nicht meine. Vielleicht kann ich auch zu anderen Christen sagen: Das ist aber eine bißchen komisch, wie du Christus den Herrn deines Lebens sein lässt, findest du nicht?! Aber verurteilen darf ich andere nicht. Ich darf sie auch nicht verachten. Ich muss sie respektieren. Denn sie sind nicht mir, sondern Christus Rechenschaft schuldig.

Ich erinnere noch einmal an den Wochenspruch: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Wann ist die Zeit der Gnade? Jetzt! Wann ist der Tag des Heils? Jetzt! Und wie wird dieser Tag Realität? Wenn wir auf Paulus hören, dann erkennen wir es: Der Tag des Heils wird durch Gottes Kraft, die in uns wirkt, Realität. Gottes Kraft führt uns auf unserem Lebensweg. Und auf diesem Weg ist Christus unser Herr. Aber unseren Herrn finden wir nicht, indem wir nach oben blicken, die Augen gen Himmel verdrehen, sondern indem wir uns nach unten bücken! Christus ist dort, wo jemand schwach ist, wo jemand unterdrückt wird, wo jemand Probleme hat, die er selbst nicht lösen kann. Ich bitte jeden, an einen Menschen in seinem Alltag zu denken, von dem er weiß: Dieser Mensch hat Probleme, dieser Mensch braucht Unterstützung, dieser Mensch braucht Hilfe. Ein Mensch, von dem man weiß: Ich könnte ihm helfen. Durch eine Geste, ein Wort, vielleicht auch durch mehr. Ein Mensch, in der Familie, oder unter den Freunden und Bekannten, in der Klasse oder in der Schule, bei der Arbeit oder auch hier in der Kirche. Dieser Mensch begegnet mir in meinem Alltag. Und zwischen diesem Menschen und mir kann etwas geschehen: Ich kann ihm helfen. Und wenn das geschieht, wenn wir den Schwachen helfen, wenn wir auf sie Rücksicht nehmen, ganz einfach: wenn wir das tun, was immer der Schwache gerade braucht – dann kann der Tag des Heils offenbar werden. Und zwar, erstens, für den Schwachen. Aber, zweitens, auch für uns. Denn wenn ich dem helfe, der meine Hilfe braucht, wenn ich ihm mit Respekt begegne und ihn dort unterstütze, wo er es braucht, wenn ich ihm zur Seite springe, dann kann es sein, es muss nicht, aber es kann sein, dass ich auf einmal im Gesicht des anderen – den wieder erkenne, dem ich verantwortlich bin. Dass ich auf einmal in dem Schwachen, der meine Hilfe braucht, dann, wenn ich ihm helfe, Christus wiedererkenne. Christus ist immer dort, wo Menschen Hilfe brauchen. Und manchmal zeigt er sich.

Erinnert sich noch jemand an den Anfang, manchmal ergreifen Kinder denselben Beruf wie ihre Eltern? Da gab es diesen Offizier, der zu seinem Sohn gesagt hat: Du wirst auch Soldat. Und – der Sohn wurde Soldat. In einer Eliteeinheit. Dort, wo man nicht nur besser kämpfen lernt als anderswo, sondern wo schon an der tollen Uniform jedermann erkennt: Hier kommt einer, der kann etwas, der ist wichtig. Mit dem lege ich mich besser nicht an. Aber eines Tages im Winter fällt diesem Elitesoldaten ein Mann auf, der nichts rechtes anzuziehen hat und deshalb friert. Und er zerschneidet seine tolle Uniform und gibt dem Mann ein Stück davon, weil er es nicht mitansehen kann, wie der da halb am Erfrieren ist. Das hat dem Vorgesetzten des Soldaten nicht besonders gefallen. Mutwillige Beschädigung von Heeresgut. Der Soldat kommt wegen der Sache in Arrest. Aber, dieser äußerliche Arrest hat ihn wenig interessiert. Denn etwas anderes hat ihn viel mehr gefangen genommen. Er ist durch seine Hilfsaktion auch innerlich in Arrest gekommen. Durch das, was er getan hat, wurde er von einem, der stärker war als er selbst, in Beschlag genommen. Er hat einen neuen Vorgesetzten, einen neuen Herrn bekommen. Denn in der Nacht, da erscheint ihm der Bettler, in seinen halben Soldatenmantel gehüllt. Und eine Stimme sagt zu ihm: Kennst du diesen Mann? Und auf einmal erkennt Martin, so hieß der junge Elitesoldat, dieser Mann dort, dass ist weiterhin der Bettler von der Straße, aber es ist zugleich Christus. Dadurch, dass er geholfen hat, ist Christus zum Herrn seines Lebens geworden. Er nimmt seinen Abschied, er lässt sich taufen, er wird Christ. Martin hat entdeckt: Christus lebt in meinem Leben. Ich lebe mit Christus. Ich, Martin, ich lebe dort, wo ich durch Gottes Kraft Gutes tue und meinen Nächsten liebe, wo ich ihn nicht richte, ihn nicht verachte, sondern wo ich ihn respektiere und ihn schütze. Liebe Gemeinde, Martin hat Christus in seinem Leben entdeckt. In seinem Weg mit anderen Menschen hat er entdeckt, dass in Wahrheit Gott mit ihm einen Weg geht, ihn führt und leitet, dass Christus der Herr seines Lebens ist, dass Christus über Tote und Lebende Herr ist. Herr, hilf auch uns, dass wir dich erkennen, wie Martin dich erkannt hat.

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