Vergangenheitsbewältigung

Je länger man sich mit diesen wenigen Versen beschäftigt, liebe Gemeinde, desto mehr bekommt man den Eindruck, dass hier ein sehr persönliches, vielleicht sogar ein intimes Gespräch stattfindet – ein Dialog zwischen zwei Menschen, die sich nicht nur gut kennen und sich in den vergangenen Jahren sehr nahe gekommen sind. Was hier zunächst nach einem Frage-und-Antwort-Spielchen aussieht, ist die Aufarbeitung einer sehr schwer wiegenden gemeinsamen Geschichte, einer dunklen Vergangenheit, die gerade erst einmal drei Tage alt ist und deshalb für beide an die Grenzen des Ertragbaren geht.

Erinnern wir uns: Der eine, Jesus, wurde wegen politischer Unruhestiftung und religiösem Fanatismus zum Tode verurteilt und an das Kreuz genagelt. Der andere, Petrus, war einer seiner engsten Vertrauten gewesen, ein guter Freund, der versprochen hatte, Jesus in allem beizustehen, was auch kommen würde – und ihn dann doch verleumdete. Wahrscheinlich hat sich Petrus nicht vorstellen können, dass er sich seiner Schuld so schnell würde stellen müssen – und das auch noch im Angesicht dessen, dem er seine Loyalität verweigerte. Wie wird er sich wohl gefühlt haben, als der tot geglaubte plötzlich wieder vor ihm stand …?

Und Jesus … er ist derjenige, der unter dieser Verleumdung hatte leiden müssen. Neben dem Verrat, den Schlägen, den Peitschenhieben und dem Gespött der Leute musste er erleben, dass einer seiner treuesten Weggefährten auf einmal so tat, als wären sie sich nie begegnet. Auch für ihn – so stelle ich mir es jedenfalls vor – wird diese Begegnung nicht einfach gewesen sein.

Vergangenheitsbewältigung – das ist es, was sich hier zwischen diesen Zeilen abspielt. Da sitzt das Opfer einer politischen und religiösen Intrige neben jemandem, der nicht eingegriffen, sondern weggeschaut hat: das ist mehr als unterlassene Hilfeleistung – passive Tötungshilfe könnte man das nennen.

Diese Situation ist uns Deutschen ja gar nicht so fremd. Denken wir doch nur einmal an die jüngste Geschichte unseres Landes, an den Mauerfall und das Ende der DDR. Im Laufe der Zeit wurde immer deutlicher, wie viele Menschen in den Stasi-Seilschaften verstrickt waren. Nachbarn, Freunde, ja sogar Familienmitglieder hatten für den Staat andere, die ihnen Vertrauen schenkten, ausspioniert. Nach der Aufklärung dieser Praktiken musste – und muss immer noch – aufgearbeitet werden. Und auch da sitzen viele Opfer auf einmal Menschen gegenüber, von denen sie meinten, sie zu kennen – und auf einmal eine ganz andere Version ihrer eigenen Geschichte entdecken.

Und wenn wir noch ein paar Jahrzehnte zurückgehen, ist da das grausame Schicksal Millionen von Menschen, die erniedrigt, geprügelt, deportiert und am Ende schließlich vergast wurden – und auch da haben viele dabeigestanden und weggeschaut und verleugnet: Nachbar Jude, ich kenne dich nicht mehr! Auch hier ist das Gespräch zwischen Opfer und Verleumder noch lange nicht zu Ende. Will man die Hoffnung auf Aussöhnung nicht aufgeben, dann wird es von den kommenden Generation beider Seiten weitergeführt werden müssen – so schwer es auch allen Beteiligten fallen mag.

Wie kann so ein Gespräch gelingen? Wird es überhaupt zu etwas Gutem führen? Ist da nicht zu viel Porzellan zerbrochen, zu viel Leid geschehen, zu viel Vertrauen missbraucht worden? Sind die Wunden nicht zu tief, der Schmerz zu groß, die Wut zu stark?

Schaut man sich den Dialog zwischen Jesus und Petrus genauer an, dann fällt einem etwas merkwürdiges auf: Jesus fragt Petrus, ob er ihn liebe, mehr als all die anderen. Ist das nicht seltsam? Müsste es nicht genau umgekehrt sein? Petrus, der seinen Freund im Stich gelassen hat, müsste der nicht ängstlich die Frage stellen, ob Jesus ihn noch lieben könne – nach all dem, was er ihm angetan hat? Aber nein, hier ist es Jesus, der diese Frage stellt, drei Mal, also sooft, wie Petrus ihn verleugnete. Was soll das bezwecken?

Ich glaube, Petrus bekommt hier schon zu spüren, was es bedeutet, durch das Gericht gehen zu müssen. Allerdings anders, als es vielleicht ihm oder auch uns in den Sinn kommen mag. Niemand spricht ihm ab, dass es ihm leid tut, Jesus so enttäuscht zu haben. Niemand würde behaupten wollen, dass seine Tränen unecht waren, als er nach dem Krähen des Hahnes weinte. Ich kann mir vorstellen, dass er jetzt, wo er noch einmal die Möglichkeit dazu bekommen hat, Jesus von ganzem Herzen wissen lassen will, dass er ihn ohne Wenn und Aber liebt und er seiner Loyalität sicher sein kann. So etwas wie vor drei Tagen wird sich nicht mehr wiederholen! Doch Jesus stellt ihm immer wieder dieselbe Frage, so, als habe es die Antworten des Petrus gar nicht gegeben.

Kennen Sie, liebe Gemeinde, das Gefühl, jemandem nahe sein zu wollen, doch sie kommen nicht an ihn heran? Kennen Sie diese Situationen, wo man versucht, jemandem seine Liebe zu beweisen – und derjenige – egal was man auch tut – sich dieser Liebe immer wieder entzieht, indem er sich ihrer immer noch nicht sicher zu sein scheint. Kennen Sie das, dass jemand, von dem sie wollen, dass er ihnen 100prozentig vertraut, an ihnen zweifelt? Das kann sehr weh tun, ja es ist vielleicht sogar noch schmerzhafter als von diesem Menschen getrennt zu sein. Petrus sitzt neben Jesus, sie essen und trinken gemeinsam. Und doch muss Petrus das Gefühl haben, meilenweit von ihm entfernt zu sein. Seelische Trennung schlägt sehr tiefe Wunden. Am Ende ist Petrus ebenso enttäuscht, wie es Jesus war, als er verleumdet wurde …

Seine Enttäuschung ist freilich grundlos. Denn Jesus fragt nicht, um zu bestrafen. Er fragt, um zu befreien! Dreimal leugnete Petrus ab, Jesus zu kennen. Nun darf er dreimal bestätigen, dass er ihn liebt. Möglicherweise will Jesus damit seinen alten Freund behutsam dazu bringen, sich selbst verzeihen zu können. Er wird wissen, dass er nur dann den Aufgaben und Anforderungen, die auf ihn zukommen, überhaupt gewachsen sein wird. Denn wer mit sich selbst im Unreinen ist, wird es schwer haben, für andere da sein zu können. Und das ist es ja schließlich, wozu ihn Jesus beauftragt.

Auch eine Beziehung zwischen Menschen, die sich sehr nahe stehe, wird vor Enttäuschungen und Verletzungen nicht gefeit sein. Denn das Leben setzt uns immer wieder Situationen aus, in denen unser Handeln nicht unserem Wollen entspricht. Dass damit aber nicht alles zu Ende sein muss, sondern darin auch die Chance zu einem weiteren gemeinsamen Weg liegt, dazu will uns dieser Text ermutigen. Voraussetzung dafür sind Barmherzigkeit und Bereitschaft zum Verzeihen.

Ein kurzer Dialog zwischen zwei Freunden mag das am Ende verdeutlichen (Gedicht von Hans Manz, gefunden in Predigtstudien V/I 2000, S.258):

"Könntest Du notfalls
das letzte Hemd vom Leib weggeben?
Dich eher in Stücke reißen lassen,
als ein Geheimnis verraten?
Lieber schwarz werden,
als jemandem im Stich lassen?
Pferde stehlen
oder durchs Feuer gehen?"
"Ja."
"Auch für mich?"
"Ja."
"Dann bist du mein Freund."

"Und du? Könntest du notfalls verzeihen?"
"Es kommt darauf an, was?"
"Dass ich vielleicht einmal
nicht das letzte Hemd hergebe,
mich nicht immer in Stücke zerreißen lasse,
ausnahmsweise nicht schwarz werden will,
nicht in jedem Fall Pferde stehle
oder durchs Feuer gehe?"
"Ja."
"Dann bist auch du mein Freund."

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