Stärke in der Schwachheit

Liebe Gemeinde!

Misericordias Domini heißt dieser 2. Sonntag nach Ostern heute in etwas sperrigem Latein. „Die Erde ist voll der Güte des Herrn“, so beginnt der zu diesem Sonntag gehörende Psalm, und daher hat der Sonntag seinen Namen. Misericordia, auf Deutsch Güte – da steckt ja eigentlich folgendes drin: Miser: Das Elend, die Armseligkeit, das Leiden. Und cor: Das Herz. Wenn wir also die Misericordia Gottes feiern, dann feiern wir damit, dass Gott das Elend in dieser Welt sozusagen zu Herzen geht, dass er sich die miesen und miserablen Seiten unseres menschlichen Lebens zu Herzen nimmt.

Damit ist vielleicht schon ein wenig klarer geworden, wie es kommt, dass dieser Sonntag, der so nahe an Ostern liegt, in den ihm zugehörigen biblischen Texten so eigenartig nachdenkliche und beinahe düstere Anklänge hat. Beim Propheten Hesekiel ging es um die zerstreuten Schafe, um Verlorenes und Verirrtes, um die Erfahrung von Verwundung und Schwachheit. Im Johannesevangelium hörten wir davon, dass einer sein Leben lässt für andere, und es war von Umkommen und Aus der Hand gerissen werden die Rede.

Misericordias Domini trägt auch den Beinamen Hirtensonntag, weil in allen biblischen Lesungen von Gott als dem Hirten die Rede ist. Die Epistellesung aus dem 1. Petrusbrief haben wir noch nicht gehört, die ist heute der Predigttext. Und wir werden sehen, dass auch hier die dunklen Farbtöne überwiegen. Ja, wenn nicht ganz am Ende dieser Lesung vom Hirten und den Schafen die Rede wäre – diese Stelle wäre wohl nie für einen Sonntag der österlichen Freudenzeit in Frage gekommen, sondern eher für die Passionszeit. Aber hören Sie selber, aus dem 2. Kapitel des 1. Petrusbriefs:

[TEXT]

Was der Autor des 1. Petrusbriefes hier beschreibt, das ist nichts anderes als die Passion Jesu, in Formulierungen, die sich ganz bewusst ans Alte Testament, an das Buch des Propheten Jesaja, anlehnen. Es ist ein Blick auf Jesus Christus, der sehr nach Karfreitag und wenig nach Ostern aussieht.

Den ganzen Brief hindurch klingt allerdings etwas an, was nun doch ganz typisch nachösterlich ist, die Frage der christlichen Gemeinden, die nach der Auferstehung Jesu allmählich entstanden: Welche Zukunft haben wir Christen, während wir auf die Wiederkunft unseres auferstandenen Herrn warten, in dieser damaligen Gesellschaft? Da ist eine Spannung zwischen dem, worin man im Alltag lebt, und dem, worauf man hofft, zwischen der Erfahrung der Welt und dem Glauben. Und diese Spannung zwischen Zeitgenosse sein und Christ sein, die ist uns ja nicht fremd; wir verspüren sie ja durchaus genauso, wenn auch unter anderen Umständen.

Es ist ein Bild des Leidens, das der 1. Petrusbrief da zeichnet, offensichtlich in der Erwartung, dass auf die Christen Leiden und Verfolgung zukommen. Wie soll man sich dazu verhalten? „Tretet in die Fußstapfen eures Herrn Jesus Christus“, das ist der Rat dieses Briefes. Und das heißt ja, haltet fest an dem, was Jesus gelehrt und selbst gelebt hat: Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit, bewußter Verzicht auf Drohen und Einschüchtern, demonstrative Machtlosigkeit, Bereitschaft, für die unbedingt sinnvolle lebensentscheidende Sache von Gottes großartiger Versöhnung mit uns Menschen geschmäht, beleidigt und ausgelacht zu werden. Der 1. Petrusbrief präpariert hier die Christen seiner Zeit für den Umgang mit dem gesellschaftlich sichtbaren Bösen. In unserer Zeit, in der ein sogenannter Krieg gegen das Böse geführt wird – sogar im Namen des Christentums –, ist es hochaktuell, zu sehen, wie die frühen Christen mit solchen Herausforderungen umgehen: Sie nehmen Maß an Jesus und seiner unbedingten Bereitschaft zum Leiden. Ist das eine kraftlose, zum Untergang verurteilte Märtyrer-Ideologie? Nein, sagt der 1. Petrusbrief: Denn schlimmer als zeitweise dem Bösen zu unterliegen wäre es, das Böse mit Bösem zu vergelten und so auf das gleiche Niveau zu geraten, gerade dahin, wo das Böse die Christen gern hätte. Umgekehrt: Das Böse ist genau dann besiegt, wenn man der Versuchung widersteht, Böses mit Bösem zu vergelten. Dann hat das Böse keine Macht mehr.

Jesus hat das vorgemacht, und zwar mit Erfolg. Stellen wir uns mal vor, Jesus Christus hätte sich gegen die Angriffe des Establishments von Palästina mit Waffengewalt gesichert, hätte zum Beispiel aus seinen Jüngern eine kleine Privatarmee aufgebaut, um das Fortbestehen seiner Verkündigung zu sichern. In irgendeiner militärischen Auseinandersetzung wäre er schließlich unterlegen, und er wäre bestenfalls eine Fußnote der Geschichte.

Und so bewahrheitet sich, dass in der vermeintlichen Schwäche eine Stärke liegt: Jesus zeigt in seinem Leiden und Sterben aller Welt seine ganz besondere Verbundenheit mit Gott, und er verändert damit die Welt. So war es letzten Endes auch bei den frühen Christen, denen die zunehmende Feindseligkeit ihrer Umwelt unheimlich wurde. Ganz im Sinne des 1. Petrusbriefes blieben sie in den Fußstapfen Jesu und erregten damit das Aufsehen der heidnischen Zeitgenossen. So etwas hatten die noch nicht gesehen, diese freundliche Kompromisslosigkeit, dieses Sich nicht Einlassen auf die Logik von Schlag und Gegenschlag.

Der, in dessen Fußstapfen sich die Christen sich bewegen sollen, der leidende Jesus, wird am Ende dieses Textabschnitts noch einmal genannt. Da kommen ganz am Ende auch die Stichwörter „Hirte“ und „Schafe“ vor, und schon mit Blick auf diesen sogenannten Hirtensonntag und damit auf unsere beiden anderen Lesungen sollten wir nicht außer acht lassen, wie das hier geschieht. „Ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

So heißt es da, und während sich das Bild von den irrenden Schafen recht leicht in unserem biblischen Bildvorrat verarbeiten lässt, so stolpern wir über den zweiten Halbsatz. „Ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Aber es steht so da: Hirte und Bischof. Etwas weiter hilft es, wenn man weiß, dass das griechische Wort für Bischof, episkopos, zunächst einmal jemanden meint, der die Aufsicht führt, etwas beaufsichtigt. Damit rückt der Bischof näher an den Hirten, dessen Aufgabe es ja auch ist, die Herde zu beaufsichtigen, stets zu schauen, dass die Herde zusammen bleibt, und Ausschau zu halten nach Schafen, die sich zu verirren drohen.

Auf den ersten Blick könnte man nun meinen, dass der Verfasser des 1. Petrusbriefs von dieser sprachlichen Doppeldeutigkeit bewusst Gebrauch macht und dass er gerade deshalb vom „Hirten und Bischof eurer Seelen“ schreibt, weil er ein Aufsichtsamt, das des episkopos, das es damals sicher unter den Christen schon gab, in die Nähe des guten Hirten rücken will, von dem die Bibel spricht.

Andererseits durchbricht der Text aber genau eine solche Vorstellung. Es kann kein Zweifel bestehen, dass der Verfasser des 1. Petrusbriefes mit dem „Hirten und Bischof Eurer Seelen“ Christus selbst meint. Eine solche Aussage ist nicht nur erbaulich für den Glauben; sie ist auch brisant. Denn sie hat ja die Konsequenz, dass sich jeder, der eine Leitungsaufgabe in der christlichen Gemeinde wahrnimmt, darüber im klaren sein muss, dass eigentlich Christus selbst der Hirte und Bischof aller Menschen ist, so dass sich jede menschliche Inanspruchnahme dieser Titel an Christus, und zwar am leidenden Christus, messen lassen muss.

Dies trifft natürlich besonders da, wo die Kirche mit den Begriffen „Hirte“ und „Bischof“ Funktionen ihrer eigenen Strukturen bezeichnet. Bei katholischen Bischöfen ist ja oft auch das Wort „Oberhirte“ in Gebrauch. Ich finde die Rede vom „Oberhirten“ verräterisch; sie verdeckt, wer eigentlich der wahre Hirte und Bischof der Christen ist . Und das hat leider Folgen. Erst vor wenigen Tagen mußten wir erleben, wie der Papst, sozusagen der oberste Oberhirte, ein detailliertes Regelwerk für die Feier katholischer Gottesdienste veröffentlichte: Etwa dass die Priester am Wortlaut der liturgischen Texte kein Wort ändern dürfen, oder: dass Predigen das ausschließliche Recht des Priesters sei, und ein Laientheologe mit gleicher oder besserer Ausbildung und breiterer Lebenserfahrung das nur im absoluten Notfall machen darf. Und wenn dann doch ein Priester mit seiner Gemeinde seinem Gewissen und seiner Professionalität folgend das eine oder andere abweichend gestaltet, dann ermuntert das vatikanische Papier die katholischen Christen ausdrücklich zur Denunziation.

Aber was da im einzelnen drinsteht, ist gar nicht so sehr das Problem, sondern der ganze Gestus, mit dem das geschieht: Der ungeheure, universale Anspruch dieses Hirten, dem Volk Gottes den Weg bis ins kleinste vorzugeben – das macht Menschen zu Schafen im schlechten Sinne, die einem Führer hintertrotten. Ein solches Sich Festklammern am Bild nahezu heilsnotwendiger weltweiter Einheitlichkeit, das ist nun wahrlich das Gegenteil von dem, was man im Sinne des 1. Petrusbriefes als das Handeln eines guten Hirten beschreiben könnte. Ein guter Hirte ist ja nicht einer, der jedem Schaf sagt, in welche Richtung es seinen Kopf zu halten hat, welchen Grashalm es fressen darf, in welcher Sekunde es MÄH machen darf. Das alles können die Schafe sehr gut selber entscheiden, dazu brauchen sie den Hirten überhaupt nicht. Der Hirte passt auf, dass die Herde zusammenbleibt, und am ehesten und am meisten findet man ihn nicht an der Spitze einer durchorganisierten Herde, sondern irgendwo am Rand auf der Suche nach denen, die verloren zu gehen drohen.

Ich meine, einer Hierarchie, die sich mit dem Hirtenbegriff schmückt, ohne nach ihm zu handeln, muss man die Spannung zwischen biblischem Text und kirchlicher Wirklichkeit immer wieder vor Augen halten, auch wenn’s den Betreffenden weh tut. Der Hirte, von dem in unserem Predigttext die Rede ist, hat Wirkung nicht durch Instruktionen und Papiere, sondern durch das Bild des leidenden Gerechten, das er den Menschen eingebrannt hat und das wir in jedem Kreuz sichtbar werden lassen, auch wenn das manchen stören mag. Diesem Hirten und Bischof unserer Seelen zu folgen hat Vorrang gegenüber allen Hirtenämtern der verschiedenen Kirchen – und das nicht, weil er mächtiger wäre als sie, sondern weil er ohnmächtig war, ohnmächtig als Leidender und Sterbender, und doch gerade dadurch wirkliche Macht ausübt auf die Herzen der Menschen, etwas, was die Dogmatiker und Kirchenjuristen in Rom und anderswo nie schaffen werden.

Die Stärke dieses Christus liegt in seiner offensichtlichen Schwachheit, und sie ist es, die ihm die unbedingte Autorität über unserer Leben gibt. Das ist Befähigung und Auftrag an uns, in seinen Fußstapfen weiterzugehen unter den Bedingungen dieser Welt.

drucken