Im Leid nicht allein

Liebe Gemeinde!

"Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben; jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgebracht worden und folgt dem Hirten, unter dessen Schutz ihr steht." Mit diesen Worten spricht der Apostel Menschen an, die gerade Christen geworden waren. Menschen, deren Leben eine Wende genommen hat. Nicht sie haben sich gewendet, sondern Christus hat sich ihnen zugewandt. Das war jedem einzelnen in seiner Taufe zugesagt worden.

Früher waren sie Sklaven gewesen, unfreie Menschen. Sie gehörten anderen, die über sie verfügen konnten nach eigenem Gutdünken. Jetzt waren sie das Eigentum eines anderen Herren geworden. Und der hatte sie erworben nicht mit Gold und Silber, sondern mit seinem eigenen Blut, durch das Leiden und Sterben seines eigenen Sohnes.

Doch das Leiden hörte für sie nicht auf. Litten sie früher unter den Zwangsmaßnahmen ihrer Besitzer, unter Folter und Gewalt, so ist es jetzt etwas anderes.

In der Gemeinde waren sie freie Menschen, hatten sie gleiche Rechte wie alle, doch bei ihrer Arbeit ging es weiter wie bisher, es blieb alles beim alten. Dieser Gegensatz machte ihnen zu schaffen und stellte ihren Glauben immer wieder auf den Prüfstand.

Christus hat auch unser Leben gewendet und doch leiden auch wir an so vielen Stellen. Es sind ganz alltägliche Probleme, die uns leiden lassen. Und die uns dann auch in Glaubenskonflikte bringen. Leiden, das uns wirklich betrifft sind die Krankheit, die uns Sorgen bereitet, die Einsamkeit nach dem Tod eines Lebensgefährten, der Verlust der Heimat, der Ehekonflikt. Leiden macht uns der Erfolgsdruck in Schule und Beruf.

Vielleicht können wir manches vergessen wenn wir am Wochenende ein wenig Kraft schöpfen können. Aber wenn unser Besuch, den wir vielleicht bekommen haben, abgefahren ist, dann wird es vielleicht wieder da sein – das Gefühl der Einsamkeit. Wenn ich wieder allein bin hat er mich wieder, der Kummer. Dann spüre ich die Schmerzen wieder. Ja, dann hat uns das Leid wieder erfasst.

Und blicken wir über unseren Lebensbereich hinaus in die Welt, dann schreit das Leid in diesen Tagen vielerorts. Ob in Israel, im Irak oder wo auch immer Konflikte bestehen. Unser Leben ist gezeichnet vom Leid, auch wenn wir es so gern verdrängen, weil es nicht hineinpasst in eine Spaß- und Leistungsgesellschaft.

Wie schnell sind wir dann dabei, wenn es uns ganz persönlich trifft, Gott Vorwürfe zu machen weil wir uns von ihm verlassen fühlen. Wolfgang Borchert, ein Schriftsteller, der ganz jung kurz nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam starb, schrieb in einem Stück: "Ach, du bist alt, Gott, bist unmodern, du kommst mit unseren langen Listen von Toten und Ängsten nicht mehr mit. Wir kennen dich nicht mehr so recht, du bist ein Märchenbuchliebergott. Heute brauchen wir einen neuen. Weißt du einen für unsere Angst und Not. Einen ganz neuen …

Von diesem neuen Gott erzählt uns der Petrusbrief. "Christus selbst hat ja für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Fußspuren folgt." Mit anderen Worten heißt das ja: Christus kann für euch zum Vorbild werden. Auch und vor allem in der Weise wie er Leid trug. Vorbilder für unser Leben sind ja meistens erfolgreiche Menschen. Menschen auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Ob Britney Spears oder Thomas Gottschalk. Wer würde sich schon ein Vorbild suchen, das im Leben schwer gelitten hat. Wenn wir leiden, dann fehlen sie uns, die Vorbilder, dann versagen sie. Dann sind wir allein.

Anders ist es hier. Uns wird im ersten Petrusbrief nichts berichtet von den Taten Jesu, von seinen Wundern, den Heilungen. Nein!

Er hat nichts unrechtes getan; nie jemand von ihm eine Lüge gehört. Wenn er beleidigt wurde, antwortete er nicht mit einer Beleidigung. Wenn er leiden musste, stieß er keine Drohungen aus, sondern setzte seine Hoffnung auf Gott, den gerechten Richter. Und das alles bündelt sich in dem schönen Bild: Christus hat euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Fußspuren folgt, oder wie Luther es übersetzt hat: damit ihr in seine Fußtapfen tretet.

Leidensbewältigung geschieht in der Leidensnachfolge. Im Blick auf das Kreuz sehe ich einen sterbenden, einen leidenden, aber einen, der mich in meinem Leid nicht allein lässt.

In die Fußtapfen Christi treten heißt nicht ihn nachahmen. Das entlastet mich, denn das schaffe ich sowieso nicht. In die Fußtapfen Christi treten heißt aber, ihm zu folgen, auch in den Leidensphasen meines Lebens. Das heißt, auch im Leid, den Blick nicht von ihm anzuwenden, denn er hat ja auch für mich gelitten.

Der Sonntag vom guten Hirten, der uns von der Menschenfreundlichkeit Gottes erzählt, will uns daran erinnern. Der Gute Hirte lässt seine Schafe auch im Leid nicht allein. Anders als der Mietling, der schlechte Hirte, das Vorbild, dass mir nur als Strahlemann begegnet.

Wie oft haben wir uns schon gewünscht, dass Gott allem Leid ein Ende machte. Dass er ein Feuer vom Himmel fallen lässt und alles Böse vertilgt, dass er ein Wunder tut und uns erlöst von allem Leid.
Gottes Weg ist anders: Er kommt als der Ohnmächtige zu uns Ohnmächtigen, als der Leidende zu uns Leidenden. Einmal, um uns als Vorbild vor Augen zu stehen, aber auch, um uns abzuholen und zu begleiten auf dem Weg dorthin, wo Hass und Gewalt aufhören, wo es keinen Schmerz und kein Leid mehr gibt.

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