Dumme Schafe?

Liebe Gemeinde,

Protest macht sich manchmal breit, vor allem unter jüngeren Leuten, wenn im Kirchendeutsch Menschen mit Schafen verglichen werden. Schafe, so bestätigte es mir erst kürzlich bei Leistungshüten ein Schäfer aus Gerbstedt, seien wirklich ziemlich dumm. „Sie laufen blind hinter dem Leitschaf her, lassen sich vom Hund in die Richtung bringen, denken nicht viel nach und folgen dem Herdentrieb.“ Ich weiß nicht, wer von Ihnen mal so ein Leistungshüten gesehen hat. Da ist eine Herde den ganzen Tag unterschiedlichen Hirten ausgeliefert, guten und weniger guten. Und die Schafe machen alles, was der Schäfer will. Da könnte man fast meinen, so ein „irrendes Schaf“ sei eher etwas Positives, hebt es sich doch ab von der Masse, die stumpfsinnig in eine Richtung zieht. Es hat zumindest versucht, einen eigenen Weg zu gehen, auch, wenn das kläglich misslungen ist. Das irrende Schaf ist, so scheint es, ein Individualist. Damit können wir uns dann schon eher identifizieren, es ist ein bisschen sympathischer als eine Masse von hunderten von Schafen, die sich brav über die Straße, über eine Brücke führen, auf enges und weites Weidegelände leiten und immer wieder gehorsam einpferchen lässt. Bei einem solchen Wettbewerb lassen sich die Schafe täuschen, jedes Mal denken sie, jetzt ist Abend, jetzt geht es zur Nachtruhe in den Pferch.

Wir tanzen auch mal gerne aus der Reihe, das macht auch bis zu einem gewissen Punkt Spaß. „Mal sehen, wo meine Grenzen sind“, das auszuprobieren ist reizvoll, vor allem, wenn man jung ist. Ich habe einen erfahrenen Schäfer gefragt, ob er denn merkt, ob ein Schaf fehlt, ob er sie wirklich alle kennt. Nein, sagte er, das sei bei den Riesenherden von heute nicht zu schaffen,„aber der Hund weiß es genau."

Der Hirte, von dem im Petrusbrief die Rede ist und der sogar „Bischof eurer Seelen“ genannt wird, ist anders. Er merkt sofort, wenn ein Schaf abhanden gekommen ist – und es ist ihm wichtig, es wiederzugewinnen. Am Ausdruck „Bischof eurer Seelen“ bin ich allerdings ein wenig hängen geblieben. Ich habe im griechischen Original des Petrusbriefes nachgeschaut, da steht es tatsächlich „episkopos tän psychän“ – und episkopos ist das Wort, aus dem später das deutsche „Bischof“ wurde. Das heißt so viel wie „Hüter“ oder „Beschützer“, jemand, der „nachschaut“, also ein Hirte, der seine Arbeit sehr genau nimmt, dem es darum geht, dass sich die, die ihm anvertraut, auch im tiefsten Innern nicht „verlaufen“.

Das Bild von Christus als dem „guten Hirten“, das am heutigen Sonntag im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht, hat für die älteren Menschen wohl einen höheren Symbolwert als für die jungen Leute. Wir haben eingangs den 23. Psalm gesprochen. Immer wieder sagen mir alte Menschen, er sei für sie der Bibeltext, der sie in ihrem ganzen Leben begleitet hat und für sie der wichtigste überhaupt gewesen sei. Manche wünschen sich, dass „bei meiner Beerdigung über Psalm 23 gepredigt wird“. Sie mussten ihn im Konfirmandenuntericht auswenig lernen. Damals wohl eher ungern – aber nach einem langen Leben mit oft tiefen Tälern meinen sie: „Das war richtig so.“ Vor einigen Monaten habe ich bei einem Religionslehrer im Eisleber Gymnasium im Unterricht hospitiert. Der Mann stand kurz vor der Rente. Er sagte: „Vom Auswendiglernen halte ich nicht viel. Nur auf einem bestehe ich: Die Schüler sollen das Vaterunser und den Psalm 23 auswendig können. Und zwar alle – egal, ob sie in der Kirche sind oder nicht.“

Nun bin ich kein Freund vom Auswendiglernen. Ich dachte, die Person Jesus Christus ist so überzeugend, dass es genügt, von seinem Leben, Sterben und Auferstehen zu hören, um zu merken, dass er als Vorbild weit besser taugt als alles andere, was uns so angeboten wird. Und auf einmal wurde mir klar: Jesus muss den Psalm 23 auch auswendig gekannt haben, sonst hätte er nicht sagen können: „Ich bin der gute Hirte.“ Klar, er hat, genau wie die Konfirmanden von heute, auch biblischen Unterricht gehabt, schließlich stammte er aus gläubigem jüdischem Umfeld. Ihm wird auch der Text des Propheten Hesekiel genau bekannt gewesen sein, den wir vorhin gehört haben und in dem es auch um verirrte Schafe und Gott als fürsorglichen Hirten geht.

Anders die Gemeinden in Kleinasien, in der heutigen Türkei, an die der Petrusbrief geschickt wird. Sie kennen die jüdischen Schriften nicht, weder die Propheten noch die Psalmen. Von „Verheißung“ und „Erfüllung“ ist ihnen nichts vertraut, sie haben vorher an andere Götter geglaubt und bilden eine christliche Minderheit in einer Welt, die die griechischen oder persischen Götter verehrt oder – wie von Staats wegen gerade angeordnet – den römischen Kaiser, der sich selbst zum Gott ernannt hat.

So waren sie eigentlich in einer ähnlichen Lage wie viele jüngere Leute heute hierzulande, die ohne Bibel und ohne Religionsunterricht aufgewachsen sind: Sie hatten keine Wurzeln, auf denen die christliche Botschaft aufbauen konnte, als sie sie erreichte. Und sie konnten nicht Eltern, Großeltern oder Lehrer fragen, die ihnen Geschichten von dem EINEN Gott erzählten, den man nicht sieht und der doch allgegenwärtig ist, der einen Bund mit den Menschen geschlossen hat, den er immer wieder erneuert hat. Ein Gott, der darum weiß, dass die Menschen immer wieder hinfallen oder sich verirren, der ihnen aber immer wieder aufhilft, weil er treu ist und seine Geschöpfe liebt. Niemand hat ihnen die Messias-Erwartung nahegebracht, die in den Versen der Propheten steckt.

Wie wichtig wird da für sie solch ein Brief gewesen sein, in dem die Botschaft von diesem Jesus Christus, den sie gar nicht gekannt haben, den sie aber dennoch lieben, ihnen verständlich gemacht wird. „Verirrte Schafe“ kennen auch sie, Hirten gab es auch bei ihnen, sie gehörten eher in das tägliche Leben als heute bei uns.

In den wenigen Sätzen des heutigen Predigttextes steckt ja die geballte frohe Botschaft: Da war einer, der es anders machte als üblich: Er verfolgte nicht die gängige Praxis: Wie du mir, so ich Dir. Er ging noch weiter: Er ist für andere ins Gefängnis gegangen, er hat sich für andere töten lassen, hat ihre Schuld übernommen, obwohl er selbst nichts Böses getan hatte.

„Warum hat der das gemacht?“, hat meine Nichte fassungslos gefragt, als sie mit sechs Jahren zum ersten Mal die Passionsgeschichte gehört hat. Das hat sie lange beschäftigt. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum sich jemand derartig weh tun lässt, der „gar nichts gemacht hat“, und warum „die Bösen“ dann ungestraft davonkommen sollten. Mein Neffe hatte im gleichen Alter geäußert: „Jesus war ein Weichei“. Er, so seine Auffassung, hätte gedroht, wenn er hätte leiden müssen. „Wenn der Gottes Sohn war, hätte er doch mit dem Laserschwert auf die losgehen können.“ Er ist auch heute, mit 13, ein kritischer Konfirmand, der nicht so richtig glauben kann, dass die Kreuzigung irgendeinen Sinn macht. Mit der Nachfolge in der Gewaltlosigkeit tut er sich schwer, und mit einem irrenden Schaf möchte er sich schon ganz und gar nicht verglichen wissen. „Durch seine Wunden seid Ihr heil geworden“, das ist aber auch eine schwierige Formulierung. Musste das so laufen? Hätte es keinen einfacheren Weg gegeben, einen, bei dem unsereinem der Gedanke an eine Nachfolge ein bisschen verlockender scheint? Gekreuzigt werden ist ja nicht unbedingt ein attraktives Lebensziel. Allerdings steht in diesem Predigttext kein Wort davon drin, dass wir unbedingt nach einem Märtyrertode streben müssen. Dass unser Leben endlich ist, wissen wir. Aber seit Jesus wissen wir auch, dass wir mitgenommen sind in die Auferstehung.

Die Aufforderung, in Jesu Fußstapfen zu treten, will nur sagen, dass wir unser Leben so ausrichten sollen, dass es der Botschaft Jesu und seinem Leben gemäß ist: Nicht Beschimpfung gegen Beschimpfung und Gewalt gegen Gewalt setzen oder in der Kirche das Vaterunser sprechen und schon an der Kirchentür das jüngste Gerücht über die Nachbarn, möglichst angereichert mit eigenen Wertungen, weitergeben.

„Also, mich hat das Bild mit dem verirrten Schaf nie gestört“, sagte mir bei der Bibelarbeit eine 40-Jährige, die durchaus nicht der Typ Mensch ist, der immer mit der Herde läuft. „Als Kind war es ein Bild, in dem ich mich geborgen fühlte, wenn ich das Lied „Weil ich Jesu Schäflein bin“ hörte. Ich habe auch nie darüber nachgedacht, dass Schafe dumm sein sollen.“ Nachgedacht habe sie weniger über sich als Schaf als über die Qualität des Hirten. Die süßlichen Darstellungen mit Jesus, der ein Lamm über die Schultern gelegt hat und das entsprechende pietistische Liedgut aus dem 19. Jahrhundert sind eine Sache für sich. Auslachen sollte keiner den anderen, wenn er so etwas zugibt wie diese Frau. Wir haben alle irgendeine Kitsch-Ecke in der Seele und sind nicht immer nur über den Verstand ansprechbar. Die Botschaft sucht sich bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlichen Alters verschiedene Wege, eben weil Gott jeden einzelnen und jede einzelne kennt. Und vielleicht dringt so ein Hirten-Bild, so ein Schäfchen-Lied bei dem einen ebenso tief ins Herz wie bei vielen Generationen von Gläubigen und Suchenden der Psalm 23 oder bei den ersten Empfängern des Petrus-Briefes der Gedanke „Bischof oder Beschützer der Seelen“. Was auf den Grund des Herzens dringt, rührt an die Wurzeln der Handlungen, darauf kommt es an – und wenn die frohe Botschaft dort angekommen ist, dann sind wir auf dem Weg, alles, was wir tun, im Namen Jesu zu beginnen.

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