Herrschaftswechsel

‚Jeder ist sich selbst der Nächste‘ – Manchmal scheint dies das Motto unserer Zeit zu sein. Wie oft beobachte ich mich eigentlich dabei, dass ich – auch im Beten – mich selber suche, meinen Vorteil? Selbst bei der Wahl in Amerika habe ich doch oft nur gefragt: Was ist wichtig für unser Land – und nicht: Was ist wichtig für USA? Dann müsste ich ja vielleicht bekennen, dass ich das nicht so genau weiß. Und wie oft geht es für mich nur um mich – und nicht die Folgen, die Andere tragen?

Nur an mich zu denken, das ist der Weg, den Menschen wie ich gerne gehen, zumindest solange bis sie merken: Ich brauche doch auch Menschen, die um mich sind, die mir beistehen. Und wenn da keiner ist, kommt (hoffentlich selbstironisch) der Satz: ‚die Menschen sind schlecht. Jeder denkt nur an sich – nur ich denke an mich’. Das kann schon schlimm werden, wenn jeder für sich lebt und keinen Sinn hat für die Menschen neben sich – und dann auch noch merkt, wie er damit sich und Anderen schadet.

Dagegen verkündet die Bibel die Botschaft vom Auferstandenen und weist uns an den anderen, ihm Nächster zu sein, weil unser Leben längst gerettet ist. Über den Tod hinaus. Darauf will uns Paulus hinweisen:

[TEXT]

Unser Text ist die dogmatische Grundlage für Paulus Urteil über das Zusammenleben zwischen den unterschiedlichen Gruppen in der Gemeinde, deren Unterschiede nicht weggewischt werden, aber klar eingeordnet werden. Die liturgisch geprägte Sprache gibt eine Antwort, warum er sein Urteil so abgibt. Für ihn ist ganz klar: Differenzen sind wichtig, aber sie dürfen nicht wichtiger werden als das, was Gemeinde zusammenhält. Auch Streit hat seine Berechtigung im Leben der Gemeinde Jesu Christi, aber er muss dem gemeinsamen Wachsen dienen und darf nicht zerstören.

Die Antwort des Paulus auf die Differenzen in der Gemeinde lautet nicht: Jedem das Seine, sondern besteht in einer Gegenfrage: Was bedeutet unser Glaube für das Leben? mit der Zielrichtung: Egal zu welcher Entscheidung ihr kommt, bedenkt, dass ihr nie einfach nur für euch entscheidet, sondern damit auch Entscheidungen Anderer beeinflusst: ‚Alles ist Euer, aber Ihr seid Christus.’

Jeder ist seinem Herrn selbst verantwortlich. Ihm gehören wir unverlierbar. Der Tod bildet da keine Grenze. Er ist ein Übergang. Für das Hier und Jetzt gilt: Dieser Herr weist uns an unsere Nächsten. Wer das nicht sieht, wer nur sich selber lebt, lebt auch seinem Glauben nicht, für den ist Christus letztendlich nicht gestorben. Wer seine Lebensaufgabe dort nicht findet, leidet selber Schaden.

Dieses Bekenntnis will unser Alltagsleben erhellen, will uns unseren Wert und unseren Sitz im Leben erhellen. Protest regt sich in dem Bewusstsein, Paulus widersprechen zu müssen: Das gibt es, dass Menschen nur mit sich selber leben und nur mit sich selber sterben. Es gibt diese Gefühle: Da ist keiner da, der an mich denkt mit mir fühlt, für mich da ist. Sie gehören zu meinem Leben. Sie gehören ins ganze Leben eines Christenmenschen. Es geht um Trauer und Tod genauso wie um Geburt und Freude. Es geht um das Leben in seiner ganzen Vielfältigkeit und Buntheit. Es geht um das Leben vor dem Tod genauso wie um das Leben nach dem Tod. Es geht um die Frage: Warum lebst du, warum gehst du, wo gehörst du hin??? Jeder von uns gehört ja in Gemeinschaften eingebettet: Niemand von uns lebt für sich selbst. Ich werde in eine Familie hineingeboren, in eine Nachbarschaft, komme in einen Kindergarten, eine … und doch: Paulus muss ich auch widersprechen: Das gibt es, dass Menschen nur mit sich selber leben und nur mit sich selber sterben. Das gibt es diese wirklich gottverdammte Einsamkeit im Leben und im Sterben. Das ist vielleicht die Hölle, die nur unfromme Menschen versuchen auf ein Leben nach dem Tod zu datieren. Die wirkliche Hölle ist im Diesseits, wo Menschen keinen Menschen haben, zu dem sie gehören, keine Gemeinschaft oder Gemeinde, die sie birgt, niemanden wo sie hin können, wenn sieh ihres Lebens satt oder müde sind. Ich glaube, dass Paulus auch diese Hölle kennt und gerade in sie hinein seine Wort schreibt, auch weil er weiß, dass die Stufen zur Hölle jene Streitigkeiten sind, die Menschen einsam machen können.

Aber auch Leben und Sterben sind für Paulus nicht mehr nur ein Geschehen ganz privater Natur. Sie sind ‚zum Herrn gehörig‘ kyriakein – dieses griechische Wort heißt ‚zum Herrn gehörig‘ und wurde eingedeutscht in ‚Kirche’. Egal ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn, der Herr ist über Lebende und Tote, wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen.

In der Taufe wurde ein Bund begründet, der unser Leben lang hält, egal, wie wir uns dazu verhalten. Wir haben Freiheit, uns zu entscheiden. Gott hat sich an die Menschen gebunden, er hat uns sein Wort gegeben. Wir dürfen zu ihm gehören und leben genießen, weil es aus seiner Hand geschenkt worden ist. Wir sind Beschenkte des Herrn.

‚Jeder ist sich selbst der Nächste‘ – dieser Satz gilt eben nicht mehr, weil wir als Beschenkte für den Herrn leben und seinen Bund mit Leben erfüllen dürfen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir nicht allein sind, dass wir auch im finsteren Tal (Psalm 23) nicht alleine sind, sondern in allem begleitet werden, von dem, der uns Leben schenkt und Liebe.

In ihm sind wir geborgen im Leben und im Sterben. Mit der Taufe sind wir hineingenommen in die Gemeinschaft der Glaubenden. Ein Herrschaftswechsel hat stattgefunden. Wir sind nicht mehr allein – es sei denn wir ziehen uns raus. Oder: Es sei denn christliche Gemeinde kennt ihre Berufung nicht mehr. Wes sei denn christliche Gemeinde hat die Beziehung zu ihrem Gott verloren. Davor bewahre uns der Herr.

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