Gelassenheit

Es muss eine Zeit gegeben haben, da haben wahrhaft gottesfürchtige Männer die Vereinigten Staaten von Amerika regiert. So erzählt man sich folgende Anekdote. Das Parlament hält seine Sitzung ab. Plötzlich verfinstert sich die Sonne. Eine fast apokalyptische Unruhe und Panik kommen auf. Der redende Delegierte aber bleibt ungerührt. Er fährt unbeirrt mit seinen Ausführungen fort und gibt zu bedenken: Meine Herren Abgeordneten, entweder der Herr kommt, dann soll er uns bei der Arbeit finden, oder er kommt nicht, dann besteht kein Grund, unsere Arbeit zu unterbrechen.

Liebe Gemeinde, mir gefällt diese Gelassenheit angesichts der befürchteten Katastrophe – Was könnten wir uns doch für Sorgen, schlaflose Nächte, fruchtlose Grübeleien sparen, wenn wir es dem Abgeordneten gleich tun würden. Gelassenheit. Wie der Rhythmus des Ein- und Ausatmens am Leben hält, wie die Wellen des Meeres kommen und gehen, so braucht der Mensch zu seinem Wohlbefinden und inneren Ausgleich den steten Wechsel und zugleich die Wiederkehr des Gewohnten: Hast und Ruhe, Alltag und Fest, Geben und Nehmen, Reden und Schweigen, Anspannung und eben auch die Gelassenheit. Auch der Glaube kommt ohne einen solchen Lebensrhythmus nicht aus.

Nun ist aber unser Lebensrhythmus oft gestört – wir sind getrimmt auf Hast, auf Alltag, auf Geben, auf Reden, auf Anspannung. Ganz innen in uns wissen wir es schon lange: unsere Art zu leben ist der sichere Weg zum Kollaps. Längst ist uns klar: Entscheidendes im Leben ist uns abhanden gekommen – Ruhe und Besinnung, Nehmen und Schweigen und eben auch und besonders die Gelassenheit. Nun ist aber die Gelassenheit nicht einfach nur eine gute Entspannungsmethode, schon gar nicht als Medikament zu verordnen. Wir können Gelassenheit nicht kaufen, ja auch die Erlernbarkeit hat ihre Grenzen, denn wirkliche Gelassenheit geschieht tief in der Seele und ist ein Zustand, der den ganzen Menschen um- und erfasst. Denn: Gelassenheit ist eine Frucht des Glaubens, sie ist ein Geschenk Gottes.

Schenkt Gott uns denn keine Gelassenheit mehr, frage ich? Ich glaube, er würde es sehr wohl ganz gern tun, doch bei dem Lebenstempo, das wir an den Tag legen, wann soll uns Gott denn da die Gelassenheit schenken, wir geben ihm ja kaum Raum und Gelegenheit dazu. Dabei ist die Gelassenheit ein Geschenk, auf das wir auf kleinen Fall verzichten sollten. Sogar das Wort "Gelassenheit" ist in seiner heutigen Bedeutung ein Geschenk. Die deutsche Sprache verdankt dieses Wort dem christlichen Glauben.

In der religiösen Bewegung der Mystik wurde das Adjektiv "gelassen" in der Bedeutung "gottergeben" verwendet. Es nahm dann in der Frömmigkeitssprache des Pietismus auch die Bedeutung "ruhig im Gemüt" an. Gelassenheit schließt also Gottvertrauen ein, das uns ruhig und besonnen werden lässt Gelassenheit hat in vielen Lebensbereichen seine Kraft und seine Wahrheit bewiesen. Denkt nur an manches Plakat an der Autobahn, das für ein gelassenes Fahrverhalten wirbt. Bei der Gelassenheit geht es also nicht um irgendeine Nebensache – es kann gar um Leben und Tod gehen.

Warum wir gelassen sein dürfen – warum nicht nur etwas tun, sondern auch etwas lassen dürften, erklärt uns der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer. Er schreibt:

[TEXT]

Leben oder sterben wir, so gehören wir dem Herrn. Christus ist Herr über Leben und Tod. Sollte das uns nicht gelassen und frei machen? Was auch geschieht an Gutem oder Bösen, an Fröhlichen oder Traurigen, wir gehen nicht unter, gehen nicht verloren, sondern sind in Christus bewahrt. Wir brauchen uns die Seelenruhe nicht rauben zu lassen. Wir dürfen uns in einem Größeren aufgehoben wissen, deshalb dürfen wir gelassen sein – auch angesichts von Unsicherheit, angesichts der vielen Fragezeichen, die sich vor uns am Horizont auftun, ja selbst angesichts des Todes.

Gelassenheit ist Gottes Gabe geben die Atemlosigkeit und Maßlosigkeit unserer Zeit. Gelassenheit ist eine Haltung, die auf Gottes Beistand traut. Wer auf Gott vertraut und sich in ihm geborgen weiß, dem ist ein Stein vom Herzen genommen. Er weiß: er liegt nicht in der Hand von Menschen, Dingen, Mächten und Gewalten, sondern am Anfang und am Ende in der Hand Gottes.

Nicht dass ihr denkt, ich würde hier sagen: „Gott wird’s schon richten“. Es geht bei der Gelassenheit um alles andere als Gleichgültigkeit oder einen Appell zum Däumchendrehen, keine faule Ausreden habe ich im Sinn. Ich möchte es beim Thema Gelassenheit lieber mit jenem Weisen halten, der gefragt wurde, welches die wichtigste Stunde sei, die der Mensch erlebt, welches der bedeutendste Mensch, der ihm begegnet, und welches das notwendigste Werk sei. Und dessen Antwort lautete: Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe." Mit dieser Sicht der Dinge und im Wissen, dass ich nie aus der Hand meines Gottes falle werde, kann ich gelassen ans Werk gehen.

So bete ich: Gott des Lebens, du gibst mir Zeit und Ewigkeit. Gib mir die Zuversicht, dass ich nie aus deiner Hand fallen kann. Dazu schenke mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die nicht zu ändern sind. Verleihe mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern soll und schenke mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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