Geschenkwunder

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Hochzeiten, rauschende Feste und in geselliger Runde guten Wein genießen.
Partytstimmung und ausgelassene Freude.
Kanaa ist Sehnsuchtsland.
Im Winter 2021 klingen diese Worte wie aus einer längst vergangen Zeit. Wie von ferne.
Die letzte Hochzeit, das letzte rauschende Fest sind lange her und Wein trinke ich, wenn überhaupt, nur noch alleine auf dem Sofa um die schlechten Corona-Nachrichten runterzuspülen. Wie gerne würde ich mal wieder mit anderen Wein aus einem Kelch trinken über dem Jesus sein Wunder gewirkt hat.

Das einzige, das hier zu dem Erzählten passt ist die allgemeine Katerstimmung im eigenen Land. So wie es den Hochzeitsgästen nach der ganzen Feierei nicht gut gegangen sein dürfte, geht es manchen in diesen Tagen. Nur haben die Menschen hier keinen schweren Kopf vom guten Wein, sondern von den ganzen Sorgen um die eigene Existenz und um die Eltern und darüber, wie das mit dem Homeschooling noch was werden soll.
Selbst die jährlich ausgerichtete Neujahrsparty durfte nur bis 21 Uhr gehen und auch das Weihnachtsfest war vielerorts ein stilleres als sonst.
Und während in Kanaa 720 Liter besten Weins ausgeschenkt werden, ist unsere Zeit geprägt von der Knappheit an persönlichen Begegnungen und Kontakt.
Kontaktarme Fastenzeit – in jeder Hinsicht.

In diesen hakeligen und kalten Jahresanfang platzt die Geschichte über das Weinwunder mit dem rauschenden Fest und wirkt dabei so deplatziert, wie ein fahrradfahrender Premierminister außerhalb der 15 km-Regel mitten im Lockdown.
Im Winter 2021 friert die Welt. Sind die Probleme ganz anderer Art als auf einer Hochzeitsfeier in Kanaa, irgendwo im Nirgendwo. Immerhin: Klopapier gibt es diesmal in Hülle und Fülle, auch Nudeln liegen kiloweise in den Regalen. Dafür ist der rettende Impfstoff knapp und die Infektionszahlen steigen. Fast täglich steigt die Zahl der Todesfälle in Verbindung mit dem Virus. Einen Lockdown bis Ostern könnte es geben. In unsere Welt ist etwas Fremdes reingeplatzt, hat sich festgesetzt und fordert seinen Tribut. Das Leben im Winter 2021 hat einen kleineren Radius als vorher und wann wieder groß gefeiert werden darf bestimmt der Inzidenzwert.
Die sonst so geschwätzige und vorlaute Welt ist verlegen. Einen Ausweg hat sie nicht.
Im Winter 2021 hat es die Hoffnung schwer.

Gerade darum braucht es jetzt Geschichten wie diese, die eine Botschaft aufrichten: Wo Wasser zu Wein wird und alle sich freuen dürfen, zusammen feiern können und gemeinsam genießen. Geschichten über Geschenkwunder, die davon erzählt, dass der Mangel, die Knappheit, die Sorgen nicht das letzte Wort haben.
Dankenswerterweise erzählt Johannes in seinem Evangelium so eine Geschichte. Zugegeben: Er hat sie sich ausgedacht, aber sie stimmt trotzdem. Johannes freut sich einfach an der Fülle, obwohl auch er weiß, wie es um die Welt steht. Und das schätze ich ganz besonders an ihm, er hält niemanden hin.
Denn die Geschichte von der Hochzeit will genau das nicht: Den schalen Geschmack der Vertröstung anbieten. Die Hochzeitsfeier, der gute Wein im Überfluss – all das sind Zeichen der Hoffnung.
Der Winter 2021 hat solche Zeichen bitter nötig. Und Johannes ist so nett und beginnt darum mit dem guten Ende und gießt Hoffnung in die leeren Gläser. Alles hat seine Stunde. Das ist Johannes ein Anliegen.

Kurz bevor das Weinwunder vollbracht ist, hat Jesus bereits einem gewissen Nathanael nachdrücklich versichert: „Du wirst weit größere Dinge sehen!“ Es ist kein Zufall, dass eben dieser Nathanael aus Kanaa später ein Zeuge der Auferstehung Jesu sein wird. Das Weinwunder vom Anfang verweist damit auf das Wunder der Auferstehung. Und am Rande sei angemerkt: Nathanael heißt Gottesgeschenk.
Die abgesagten Hochzeiten sind nur verschoben und werden nachgeholt. Der Kalender ist schon gut gefüllt und der Frühling kommt. Das muss man betonen. Erst recht in schlechten Zeiten.
AMEN!

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