Gast ist Gott

ç.

  1. Gäste verboten

Erst wenn man es nicht mehr hat, fällt einem der Verlust auf.

„Gäste verboten!“

Die ersten drei Wochen der „Corona-Ausgangs-Sperre“ waren für einen Rentner wie mich von einer durchaus angenehmen Ruhe gekennzeichnet. Mit jeder Woche mehr aber hatte ich sie stärker vermisst: Die Kinder und das Enkelkind, die Freunde, die Gäste in unserem Haus. Mit jedem Monat mehr wurde die Einsamkeit drückender. Dann aber hatten wir endlich ein erstes, von der bayerischen Staatsregierung genehmigtes Treffen.

„Wir kommen am Nachmittag mal kurz rüber“, hieß es. Geblieben sind dann alle bis fast drei Uhr Morgens. So schön, so wunderbar war es, endlich wieder Gäste haben zu dürfen. So herrlich war es, endlich wieder Gast sein zu dürfen.

Unser Predigttext erinnert: Gastfrei zu sein vergesst nicht! Wir konzentrieren uns auf diese Worte.

Also, was mich angeht, diese Erinnerung wäre für mich nicht notwendig.

  1. Erinnerungen: Nicht jeder kann gastfrei sein

Und doch: Man kann es vergessen, gastfrei zu sein. Nicht jede und jeder kann es bzw. schafft es.

Erinnerungen: In einem unserer Lebensorte hatten wir liebe Nachbarn drei Häuser weiter. Ich verstand mich gut mit ihm. Mein Frau mit ihr. Irritiert aber hatte uns, dass über zwei Jahre hinweg jede unserer Einladungen zum Beisammensein abgelehnt worden ist. Auch wir sind nie eingeladen worden. Dann erfuhr meine Frau eines Tages von ihr den Grund. „Wir leben jetzt endlich in Scheidung“.

Noch viel früher – da war ich noch Vikar – da hatte mir ein Gemeindemitglied wegen meiner absolut miserablen Gesangsfähigkeiten Gesangsunterricht angeboten. Daraus erwuchs eine Freundschaft, die schließlich zu einer Einladung führte. Am Tag davor druckste mein Lehrer etwas verlegen umher. „Also. Äh. Ich muss dir was sagen. Also, wenn ihr morgen kommt. Äh. Mein Frau. Na, ja. Die ist da seltsam. Ihr seid unsere ersten Gäste seit wahrscheinlich mehr als zehn Jahren. Also, wundert euch nicht, wie sie drauf sein wird.“

Und tatsächlich empfing uns eine verweinte, sich an einem Türrahmen festhaltende, zitternde, blasse Frau. Nach gut zehn Minuten hatte sie sich endlich im Griff. Dieser und alle folgenden Abende verliefen dann schließlich angstfrei und harmonisch. Es war übrigens eine Frau mit Doktor-Titel.

Was ich mit alledem sagen will: Es gibt Gründe, die uns hindern, gastfrei zu sein. Mal liegt in unserem Herzen eine tiefe Angst vor allem, was fremd und neu ist. Mal haben wir wegen anderer Sorgen gar keine Zeit dazu, Gäste zu empfangen. Mal wollen wir nicht, dass sie uns zu nahe kommen. Denn wer uns nahe ist, sieht uns besser.

Nicht alle Gäste sind herzlich lieb. Meine Mutter z.B. fürchtete insgeheim die Besuche ihrer eigenen Mutter. Denn da kam oft deren Schwester, die Tante Erna mit. Welche – kaum, dass sie das Haus betreten hatte – mit dem Finger oben über eine Tür strich und spitz bemerkte: „Da liegt Staub“. Für eine Mutter dreier Kinder eine herzerfrischende Nachricht…

Und schließlich noch eine Erinnerung. Da waren meine Frau und ich Gäste in einem Lokal. Wir hatten am letzten Urlaubstag noch genug D-Mark in der Tasche, dass wir uns einen richtig schönen, teuren, mehrgängigen Restaurantbesuch in Colle di Val d´Elsa – einem Städtchen im Zentrum der Toskana – leisten konnten. Dem Besitzer war unsere Freude über das paradiesische Essen nicht entgangen. Als es ans Zahlen ging („Il conto per pavore“), erklärte er uns mit seinen spärlichen Deutsch-Kenntnissen, dass wir nichts zahlen müssten. Unsere Freude an seinem Essen sei ihm Lohn genug. Ihr seid „meine angeli“ sagte er, meine lieben Engel. Sicherlich haben viele von Ihnen beste Erinnerungen an südländische, griechische, spanische und italienische Gastfreundschaft.

  1. Nachfrage: Sind wir gastfrei – in Deutschland?

Nun verlassen wir den Rahmen der privaten Gastfreundschaft und die damit verbundenen Erinnerungen. Unsere nächste Frage lautet: Sind wir gastfrei in Deutschland? Nein, es geht jetzt nicht um Flüchtlinge. Es geht viel, viel tiefer. Es geht um diese Frage: Kann ich das, was mir fremd, unbekannt, neu, seltsam, verrückt, versponnen oder gar idiotisch und unmoralisch vorkommt, an mich heranlassen. Noch besser gefragt: Darf ein Mensch, für dessen Lebensstil  all das zutrifft, was gerade gesagt worden ist, mit mir an einem Tisch sitzen?

Denn das zeichnet Gastfreundschaft aus. Sie lebt – religiös gesprochen – vom Gedanken, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist – ohne Beachtung kultureller Differenzen.  In uralten Zeiten erzählte man schon davon, dass Götter als Gast verkleidet uns besuchen. Das Mittelalter ist voll solcher Legenden, in denen  Christus als Obdach suchender Gast an Türen klopft und stets nur von den Armen herein gebeten wird.

Prüfen wir unsere Gesellschaft, unsere Zeit und damit unsere Zeitgenossen: Wie steht es um Gastfreundschaft bei uns. In welchem Maß ertragen wir fremde, andere, unbekannte, befremdliche Gedanken?

Schaut man in die „A-sozialen Medien“, so begegnet einem dort immer häufiger hemmungsloser Hass gegen all das, was von der eigenen Linie abweicht. Schnell ist man „empört“ über abweichende Gedanken.

Diese Facebook-Geistesenge ist nicht neu. Was im Internet derzeit so abgeht nannte man im 16. Jahrhundert (zu Zeiten Luthers) den „Grobianismus“. Sebastian Brant, der Erfinder des „Narrenschiffs“ schreibt in seiner Satire: „Ein neuer Heiliger heißt Grobian, den will jetzt führen jedermann“.  Die Unsitte, seine anders denkenden Gegner zu verunglimpfen, nannte man „das Läuten mit der Sauglocke“. Daher kommt wohl auch unsere Redensart, dass – kaum dass ein Skandal vorbei ist – schon die nächste Sau durch das Dorf getrieben wird. Zeitungsmacher meinen, davon leben zu müssen. Damals wie heute führte man Schrei-Duelle.

Geistesenge braucht ein Ventil. Und das Ventil heißt in unseren Tagen „Empörung“. Stichworte, Bilder im Internet,  genügen, und schon ist man furchtbar erregt und wütend. Fühlt sich im Recht und genießt die ja nun moralisch gerechtfertigte, laut heraus geplärrte Herabsetzung des Anderen.

Und eigentlich bin ich doch nur jemand, der spürt, wie die freie und frische Zukunft sich von mir scheidet und mich zurücklässt als jemanden, der sich ängstlich an einen Türrahmen klammert, weil mir der Lebensmut zu weiteren Schritten entschwunden ist  und ich den Staub lieber woanders entdecke als bei mir. Niemand sieht in mir einen Engel.

Sind wir gastfrei in Deutschland? Lassen wir zu, dass andere anders denken und anders leben als ich? Darf das Fremde an mich herankommen? Diese Frage müsst Ihr, muss ein jeder und eine jede von euch, liebe Gemeinde, selbst beantworten.

Ich zitiere einen Zeitgenossen von Martin Luther und erkläre gleich zuvor: Vexieren hieß damals,  jemanden  zu verachten und für dumm erklären,  weil er anders denkt.

„Der törichte Eifer vexiert jetzt jedermann. Denn wir glauben parteiisch … , Gott sei allein unser, sonst sei kein Himmel, Glaube, Geist, Christus als in unserer Sekte, jede Sekte will eifrig Gott niemandem lassen, obwohl doch  ein gemeinsamer Heiland der ganzen Welt ist. Mir ist ein Papist, Lutheraner, Zwinglianer, Täufer, ja ein Türke ein guter Bruder..“ Das Zitat stammt von Sebastian Franck. Er war ein evangelischer Theologe, sehr  beleibt bei vielen seinen Zeitgenossen, aber furchtbar verflucht von allen, die Macht und Einfluss hatten und seine Art zu denken fürchteten. Franck hat seine Schriften oftmals unter dem Pseudonym Felix Frei veröffentlicht.

Hätte man auf ihn gehört – oder besser – ihn verstanden, so wäre Europa und besonders Deutschland der 30jährige Krieg erspart geblieben. Franck lebte in Ulm, wo er auch vergeblich versuchte, selbst produzierte Seife als Reinigungsmittel zu verkaufen. Eine für Unsinn angesehene Idee. Seine geistesengen Gegner vertrieben ihn schließlich und er fand Zuflucht in Basel. Dort starb er 1542.

Soweit ein paar Gedanken zu unserer Nachfrage: Bin ich als Deutsche und Deutscher innerlich frei, anderen Denkungsarten Gastfreundschaft zu gewähren.

  1. Jesus ist ein Gastgeber

In der Gastfreundschaft kommt eine bereits angeklungene Wahrheit zum Ausdruck. Gott ist Schöpfer aller Menschen. In einem jeden von uns ruht das Geheimnis des uns von Gott gegebenen Lebens. Darum sagte man damals: Im Fremden begegnet dir Gott oder zumindest ein Engel.

Jesus hat diese Wahrheit gelebt. Ohne Vorbehalte, ohne Dünkel und Vorurteil teilte er den Tisch mit Fremden, mit Verachteten, mit seltsamen Menschen.

Das Evangelium für unseren Sonntag heute erinnert an Jesu Gastfreundschaft. Es erzählt von der wunderbaren Speisung der viel-tausenden Menschen. Aber nicht einer, der da mitessen durfte musste nachweisen, dass er fromm, bibeltreu, kirchenzugehörig, rechtgläubig oder sonst irgendetwas war, was ich – nicht aber Gott – von ihm verlangt hätte. „Es reicht nicht für alle“ jammerten Jesu Freunde und er ließ deren  Angst  schwinden in der frischen Weite seiner Lebensgabe.

  1. Und die Kirche?

Und was macht die Kirche heute? Sie verliert immer mehr Mitglieder. Dieser Verlust hat auch etwas mit unserem Thema zu tun.

Die Robert-Bosch-Stiftung hat 2019 zum Thema „Zusammenhalt in Vielfalt“ eine Studie veröffentlicht. Das Ergebnis ist gar nicht so schlecht. Die große Mehrheit der Deutschen befürwortet ein Leben in Vielfalt.

Kommt man aber auf das Thema „Religion“ zu sprechen, so sagen viele der Befragten: Religion  ist das, was Vielfalt verhindert, kritisch bedenkt, ablehnt oder gar verdammt. Religion trennt. Das ist leider immer noch ihr Image.

Eingangs hatte ich gesagt:

Unser Predigttext erinnert: Gastfrei zu sein vergesst nicht!

Also, was mich angeht, diese Erinnerung wäre für mich nicht notwendig.

Und nun frage ich mich:

Wozu hilft mir mein Glaube?  Verberge ich damit, mit meinem Glauben,  meine Angst vor Veränderung? Muss mein Glaube herhalten, um meine Lebensangst zu überspielen? Muss mein Glaube mich stets berechtigen, den Staub woanders zu beschimpfen?

Ich frage mich: Ist meine Lebensenge Herrin über mich und verkläre ich diese Herrschaft der Angst und Enge zu tiefer Frömmigkeit? Und folglich erwarte ich, dass „Kirche“ ebenso sei.

Denn eigentlich ist meine Seele voll Sehnsucht danach, Staub endlich nicht mehr woanders beweisen zu müssen. So gerne würde ich leben ohne mich am Türrahmen eingangs neuer Räumen festklammern zu müssen. So gerne wäre ich befreit aus allen Zwängen, mich nicht trennen zu dürfen. So gerne würde ich glauben, Gott schenkte mir all seine Gastfreundschaft, weil er einen Engel in mir sieht und mir deswegen keine Rechnung präsentiert. Dann, ja, dann könnte ich endlich, endlich  aufatmen in Liebe zum Leben, dem Kern aller Gastfreundschaft.

Schön wäre es, wenn unsere Kirche als ein solcher Diamant leuchten würde bei uns.

Gastfrei zu sein vergesst nicht.

Glaube ich, dass ich an Jesu Tisch dereinst als Engel sitzen werde ohne Rechnung und Vergeltung?

Gut, dass es diese Mahnung, diese Erinnerung für mich gibt. Jesus ist mein Gastgeber. An seinem Tisch lerne ich, zu leben. Es ist so herrlich, Gast und Gastgeber sein zu dürfen.

Darin liegt so unendlich viel Freiheit. Soviel Lust auf Begegnung nach verbotener Zeit.

Amen

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