Der Weg zum Vater

Liebe Gemeinde,
wie war Jesus wohl? Ein Held? Ein Vorbild, dem wir nacheifern, das wir aber nie erreichen werden? Gottes Sohn? Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott“, wie es in einem alten Bekenntnis heißt? Oder doch Mensch wie wir – mit Gefühlen und Leidenschaften? Oder beides – Gott und Mensch wie wir, in dem Gott begegnet? Wie war Jesus wohl? Oder besser noch: Wie ist Jesus? Wer ist Jesus für uns heute?

Unser Predigttext – wir haben ihn eben als Lesung gehört – kann Antworten geben.

Jesus spricht da in zweifacher Weise über sich selbst.

Zuerst beschreibt er sich in seinem Verhältnis zu Gott: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“ (V 27).
Vater und Sohn – eine innige Gemeinschaft. Und Jesus ist der Weg zum Vater, der Weg zu Gott.

Dann sagt Jesus über sich selbst: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (V 29 b).

Vor mir tauchen Bilder von Jesus als dem guten Hirten auf, der mit sanftem Blick und einem gütigen Lächeln das verirrte Lamm auf den Schultern trägt. Ein schönes Bild – doch so wahr wie ein Foto in der Werbung. Wo ist der Dreck, der Schweiß, die Anstrengung, die das Lamm-retten kostet? Wo sind die Striemen, die von Dornen und Gestrüpp gerissen werden? Wo sind der Durst und die Erschöpfung nach einer Suche im unwegsamen Gelände?

Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“, sagt Jesus von sich. Das stimmt – und auch wieder nicht. Denn direkt vor unserm Predigttext berichtet das Matthäusevangelium, wie Jesus der Kragen geplatzt ist (Mt 11,20-24).

Und das kam so: Seit Monaten ist Jesus durch die Städte und Dörfer Galiläas gezogen, durch Chorazin, Betsaida, Kapernaum und wie sie alle heißen.

Jesus hat dort gepredigt, Menschen geheilt, Wunder gewirkt – und es hat sich nichts getan. Seine Worte und Taten sind auf taube Ohren und gleichgültige Augen gefallen.

Seine Zuhörer haben sich nicht geändert. Sie sind nicht umgekehrt zu Gott. Sie machen so weiter wie bisher.

Da platzt es aus Jesus heraus, und er schleudert ihnen Weherufe entgegen. „Wehe Chorazin! Wehe Betsaida! Anderswo wären Menschen meinem Bußruf gefolgt, doch ihr wolltet mich nicht hören. Euer Beharren auf eurem Weg wird euch noch teuer zu stehen kommen. Und mehr noch dir, Kapernaum!“

Später wird Jesus abgeklärter sagen: „Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause“ (Mt 13, 57)

Ich höre da Verärgerung heraus und Verletztheit. Kein Wunder, dass Jesus so aus der Haut fährt.

Doch dann geschieht etwas mit Jesus. Vielleicht besinnt er sich?

Jedenfalls beginnt er zu beten oder zu singen – einen Lobpreis auf Gott, seinen Vater, der auch unser Vater ist und sein will. Jesus spricht: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.“ (V 25b-26)

Im Angesicht seines Misserfolges stimmt Jesus sein Lob auf Gott an. Jesus sieht das Glas nicht mehr halb leer – all die Menschen, die gesehen haben, was er tat; die gehört haben, was er sagte – und sich davon doch nicht bewegen ließen.

Sondern Jesus sieht das Glas halb voll – mindestens!

Denn für jeden Weisen und Klugen, der Jesus nachsichtig belächelt und sich abwendet, sind doch so viele andere, die genau nach dem hungern und dürsten, was Jesus ihnen anbietet: Die Last ihres Lebens erleichtern, ihnen Leben zu schenken – das meint erquicken – und sie Ruhe finden zu lassen.

Und so sagt Jesus:

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Jesus ruft alle zu sich.

Doch nicht alle hören und folgen seinem Ruf. Nicht alle sagen von sich: „Ich bin belastet und mühe mich ab. Ich brauche deine Hilfe, Jesus.“

Oder auch: „Mir wird es alles zu viel. Ich finde keine Ruhe mehr. Ich schlafe abends todmüde ein – und wache am frühen Morgen auf. Ich finde nicht zurück in den Schlaf, denn mir geht so viel durch den Kopf. So viele Sorgen drücken mir das Herz. Der neue Tag beginnt, und ich bin wie gerädert.“

Oder auch: „Ich bin ratlos. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß nur: so kann es nicht mehr weiter gehen. Doch ich finde keinen Ausweg.“

Zu sagen: „Ich bin mit meiner Weisheit am Ende und brauche Hilfe.“ – das ist der erste Schritt zur Veränderung. Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht – das kostet Überwindung. Denn wir sind doch stolz darauf, wie tüchtig und selbständig wir sind.

Doch manchmal kommen wir an unsere Grenzen – und da kann uns Jesus begegnen. Er lädt uns ein: Kommt her zu mir!

Er hilft uns: lernt von mir.

Er bietet an, die Last mitzutragen. Er nimmt sie uns nicht ab, aber er hilft tragen. Das ist gemeint mit dem Joch: Eine Tragehilfe, die die Lasten besser verteilt und damit das Tragen erleichtert. Eine Hilfe, die den aufrechten Gang ermöglicht, statt dass die Arme lang und länger werden und der Rücken sich krümmt.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, sagt Jesus.

Wie zwei Ochsen in einem Gespann können wir gehen – Jesus und ich; Jesus und Sie.

Der eine Ochse lernt vom anderen, erfahreneren – das ist Jesus. Zwei gehen zusammen im Gespann – dadurch wird die Last leichter.

Wer ist Jesus für uns heute? So fragte ich am Anfang.

Der Predigttext gibt die doppelte Antwort: Jesus ist Gottes Sohn – und der Weg zum Vater.

Und: Jesus ist der Tröster, der uns lehrt, unsere Lasten besser zu tragen – indem wir sie teilen – mit Jesus und miteinander.

Wie Paulus sagt:  Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Gal 6,2)

Amen

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen