Alles eine Frage des Stils

Er will ein guter Vater sein, und ein guter Ehemann und ein guter Chef. Er bemüht sich redlich, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Geht zu allen Sitzungen, auch wenn er krank war, bringt sich ein wo er kann.
Eines Tages aber, als die Kinder versorgt sind, der Große in der Schule und der Kleine endlich im Kindergaten ist, da will der Mann noch schnell den Laptop in seinem Büro abbauen. Er stöhnt, denn sein Terminkalender für heute ist voll. Die Zeit war denkbar knapp. Also beeilt er sich, den nächsten Termin schon vor Augen. Er ist abgelenkt und nicht ganz bei der Sache, Hauptsache der Laptop kommt noch heute Vormittag zur Reparatur. Natürlich, jetzt klemmt auch noch das Stromkabel. Der Mann beugt sich hastig hinter den Schreibtisch, da ist es auch schon passiert. Ein wahnsinniger Schmerz durchfuhr seinen Rücken.
Schnell geht jetzt gar nichts mehr, auch weil der Mann sich kaum noch bewegen kann. Und weil die Schmerzen wirklich schlimm sind interessiert ihn jetzt auch sein Laptop nicht mehr.
Eigentlich interessiert ihn gar nichts mehr. Er denkt nur noch daran, dass diese Schmerzen aufhören müssen.
Die nächsten Tage sind für ihn eine nicht endende einzige Lektion in Demut: Seine Frau muss ihm die Socken anziehen, weil er es beim Besten Willen nicht mehr selber schafft. Die Schuhe selber zubinden klappt auch nicht und in sein Auto komme er schon gar nicht rein.
Der Mann erkennt, dass er nicht alles kann und nur ein winziger Moment ausreicht, um nicht nur alle Planungen über den Haufen zu werfen, sondern ihn auch an meine körperlichen Grenzen zu führen.

Auch Bodo Janssen, Chef von Spiegel Online hat sich redlich bemüht, aber dann brachte eine außerplanmäßige Mitarbeiterbefragung sein Selbstverständnis ins Wanken. Die Umfrage war für ihn ein Schock, berichtet der Mitvierziger. Nicht nur, dass die Mitarbeitenden unzufrieden waren, sie wünschten sich auch gleich einen anderen Chef – und einen anderen Führungsstil.
Für den ehrgeizigen Chefredakteur war das ein herber Schlag, aber er hat daraus gelernt und hat sich gefragt:
„Warum stehe ich jeden Tag auf? Was gibt meinem Leben eine Bedeutung? Ich selbst wusste lange Zeit keine Antwort darauf. Ich habe nie darüber nachgedacht. Bis ich mich nach dem verheerenden Ergebnis der Mitarbeiterumfrage für einen dreitägigen Kurs im Kloster eingeschrieben habe: „Spirituell Führen“ bei Pater Anselm Grün. Dort ist mir klar geworden, dass ich andere nur führen kann, wenn ich für mich selbst weiß, wo es langgeht. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.“
Janssens Weg ist am Ender der vom Flop- zum Top-Manager, weil er sich den Problemen gestellt hat. Und die Mitarbeitenden haben es ihm gedankt: Die Zufriedenheit ist seitdem um mehr als 80 Prozent gestiegen, die Mitarbeitenden sind deutlich seltener krank, die Redaktion bekommt fünfmal so viele Bewerbungen und der Umsatz hat sich mehr als verdoppelt.
Am Ende zieht Janssen ein wichtiges Fazit. Er versteht die Beziehungen und die Zusammenhänge jetzt besser: „Wenn meine Mitarbeiter gestresst sind, muss ich erst bei mir selbst für Ruhe sorgen. Ich muss vorleben, was ich von ihnen erwarte.“

Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Die alten Worte aus dem Petrusbrief treffen auch heute noch den Nerv. Denn sie greifen eine tiefe Sehnsucht auf, die in einer zunehmend schnell getakteten und ebenso rücksichtslosen Zeit nicht zu unterdrücken ist: Die Sehnsucht, unsere Mitte zu bewahren. Ich will mich ja auch gar nicht hetzen lassen von Problemen, Terminen von Ansprüchen, Forderungen und Drohungen.
In diese Situation hinein rät der Petrusbrief: „Dem widersteht!“ Zwei Worte wie ein wirksames Mittel gegen das schmerzhafte Gefühl in der Mitte durchzubrechen.

Der Kollege sagt: Du hast deine Grenzen nicht akzeptiert.
Der Physiotherapeut sagt: Sie müssen lernen „Nein“ zu sagen.
Die Kinder erzählen allen anderen, dass Papa mir nicht mal selber die  Socken anziehen kann.
Bodo Janssen fragt sich, wie man andere führen kann, wenn man sich selber gar nicht wahrnimmt?

Solche wohltuenden entlastenden Erfahrungen wünsche ich nicht nur engagierten Vätern oder Spiegel-Online Chefredakteuren. So eine Erfahrung hatte sich zuvor schon die nachösterliche Gemeinde gewünscht. So eine Erfahrung wünsche ich auch manchem Vertreten in unseren Gemeinden. Auch hier gibt es angstgetriebene Verantwortungsträger, die sich mehr um ihren Einfluss sorgen oder die, die jeden Raum mit der Haltung „Wo ich bin ist vorne“ betreten und allein damit schon andere lähmen. Höher, schneller, weiter.

Dabei bietet die Bibel so viele Entlastungsbilder an. Ein bekanntes zeigt Jesus, der seinen Jüngern die Füße wäscht und so ein demütiges Zeichen setzt. Der Predigttext denkt vielleicht an dieses Bild der Fußwaschung, wenn er dazu rät, die Demut wie eine Arbeitsschürze zu tragen. Auf jeden Fall unterstreicht das Schürzen-Bild mit dicken Farben, dass der Umgang mit dem Nächsten und mit mir selber auch harte Arbeit sein kann.

Der Petrusbrief ruft zur Demut. Nun ist Demut ein sehr altes christliches Leitmotiv. Und ein ebenso oft missverstandenes. Das mag daran liegen, dass Demut ganz oft mit Unterwürfigkeit verwechselt wird. Mit Schwachheit und Kriechertum. So lautet ein Vorwurf seit alters her.

Aber vielleicht kann die Demut auch auf einen anderen Weg führen? Nicht zuletzt im Umgang miteinander?
Wie wäre es, wenn Demut verstanden würde als ein Ruf zur Achtsamkeit?
Achtsamkeit gegenüber meinen Bedürfnissen und gegenüber der anderen um mich herum? Was für ein Bild vermittelt denn der ewig arbeitende Chef den Menschen die mit ihm arbeiten, wenn er sich täglich selbst am Rand der Erschöpfung entlang quält?

Am heutigen Hirtensonntag sind die Geschichten über den rückenschmerzgeplagten Vater und den irgendwie bekehrten Chefredakteur die richtigen Führungsbeispiele, weil die zwei zu schmerzsensiblen Hirten werden, die die Packungsbeilage genau gelesen haben und dann sich und ihre Leute behutsam ins Freie führen. Es sind gute Hirten, weil sie einen neuen Stil anbieten.
Könnte auch die restliche Welt mit all ihren ungelösten Fragen von dieser Stilfrage profitieren?

Die Zeit der Passion ist vorüber. Der Frühling bringt die langersehnte Wärme und die Menschen möchten aufatmen und fragen sich, wohin geht die Reise? Was bringt uns weiter?
Angesichts der schlimmen Lage unseres Planeten und der Wirklichkeit in der wir leben stellt sich mir immer öfter die Frage, wie reagiert man richtig auf einen Anschlag an einem frühlingshaften Sonntagnachmittag im April? Wie verhält man sich angesichts einer nicht enden wollenden Welle von Hass und Hetze nach solchen grausamen Ereignissen?

Der Petrusbrief ist auf diesem Hintergrund nichts anderes als eine Einladung. Eine Einladung zu einem Demuts-Seminar in einer Welt, die augenscheinlich eher nach Stärke verlangt. Dabei bedeutet Demut biblisch verstanden Freiheit. Die Art von Freiheit, die erkennt, dass keiner wichtiger ist als der andere. Möglich macht das Gottes Liebe, die einem jeden von uns unmissverständlich klar macht, dass jedes Leben einen unendlichen Wert hat. Von dieser Freiheit lebt die christliche Gemeinde. Von dieser Freiheit könnte auch die restliche Welt leben.

Das würde bedeuten, dass wir nicht bloß nebeneinander existieren, sondern füreinander da sein könnten. Das allerdings bedeutet mitunter auch harte Arbeit. Also weg vom Herrengebaren, weg vom Hochmut, hin zu einem Leben in dem man gleichsam auf sich achtet und für seine Beziehungen zu anderen arbeitet.

Allem anderen widersteht!

Amen.

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