Von alten Träumen und Idealen (1.Petrus 5, 1-4)

Sie blätterte zunächst noch etwas lustlos im Amtsblatt. Der Blick wanderte über die Pfarrstellenausschreibungen. Es waren mehr als früher und oft stand „wiederholte Ausschreibung“ drüber. Sie lächelte. Als sie vor vielen Jahren ihren Pfarrdienst antrat, war sie froh eine der wenigen Stellen bekommen zu haben. Die Gemeinden konnten sich die Bewerber genau anschauen, heute wählen die Bewerber unter den Gemeinden genau aus. So ändern sich also die Zeiten, aber auch die Erwartungen: sie war in den ersten Jahren Pastorin im Hilfsdienst. Der heutige Begriff des Entsendungspfarrers klingt freundlicher. Hilfsdienst schmeckte ihr nach Hilfskraft, aber Pastorin war sie damals schon sehr  gerne: Hirtin ihrer Gemeinde. Sie wollte gerne mit Menschen unterwegs sein, Ausschau halten nach Orten und Stationen, wo es sich leben ließ, sie suchte nach den Quellen, die erfrischten, die stärkten, die kühlten, den Oasen in der Hektik des Alltags, nach den rechten Wegen, wo man sich eher verlaufen konnte, nach dem Trost, wenn dunkle Schatten das  Leben verfinsterten. Sie war sich nicht mehr sicher, was von den Träumen geblieben war, wo der geschäftsmäßige Alltag sie  längst ernüchtert hatte. Aber manchmal erinnerte sie jemand daran,  sich doch um die „Schäfchen“ zu kümmern, die ihr treu und folgsam seien. Komischerweise benutzten diese Redewendung eher Menschen, die der Kirche distanziert gegenüberstanden, aber die Erinnerung an diese urtümlich seelsorgerlich und fürsorgliche Funktion des Pfarramtes hatten sie vielleicht besser und unmittelbarer bewahrt als so manche Gemeindeverantwortliche. Die kannten die Pfarrerin als wirtschaftlich denkende Frau, Bausachverständige, Vorgesetzte und Eventmanagerin. Sie schätzten sie auch als Gesprächspartnerin, als Mediatorin im Stadtteil/Kiez oder als Öffentlichkeitsarbeiterin. 

Und sie machte das alles auch gern.

War sie aber noch Pastorin im ursprünglichen Sinne? 

Was suchen die Gemeinden eigentlich heute?

So fragte sie sich und las vielleicht deshalb die Ausschreibungen. Da wollte sich eine Gemeinde „auf eine Pfarrerin oder einen Pfarrer mit Humor freuen, der oder dem das vielfältige Leben in der Kirche als Stadtteilkirche für alle Generationen am Herzen liegt. Dabei sollte ihr bzw. ihm eine gute Zusammenarbeit mit den anderen evangelischen Kirchengemeinden der Stadt und ökumenisch in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Stadt wichtig sein. Sie oder er hat Lust, sich auch gesellschaftlich in der Stadt zu engagieren und offen auf Christen wie Nichtchristen zuzugehen. Sie oder er gestaltet gerne vielfältige Gottesdienste mit lebensnaher Verkündigung.“  Das konnte sie durchaus unterschreiben. Aber hatte sie das Amt der Verkündigung, Unterweisung und Seelsorge in früheren Jahren auch so verstanden?

Heute blieb ihr keine Zeit, darüber weiter  nachzudenken. Sie musste noch einige Gespräche führen. Die bevorstehenden GKR-Wahlen warfen ihre Schatten voraus, eine Liste mit potentiellen Kandidaten hatten ihr die Ältesten in die Hand gedrückt. Die sollten und wollten alle angesprochen werden. Denen musste sie die Angst vor zu vielen Aufgaben nehmen, und zugleich Lust auf ein wenig Ehr, aber vor allem viel Sitzungszeit machen und den Spagat aushalten zwischen Anspruch und Wirklichkeit, den sie auch in sich als Pastorin und als Mensch mit Grenzen, Schwächen und Fehlern fühlte. 

Neuerdings durften auch schon 16-jährige in den GKR gewählt werden und „Älteste“ werden, die 14-jährigen durften wählen und konfirmiert mussten sie auch nicht mehr sein, nur getauft und informiert über die wesentliche Dinge des christlichen Glaubens. Sie kannte die kritischen Stimmen in der Gemeinde und verteidigte die Regelungen mit dem  Hinweis auf den kritischen Blick derer, die von außen dazu kommen und eben keinen Stallgeruch haben. 

Vor Jahren war sie einmal in einem osteuropäischen Land bei einer ökumenischen Begegnung Gast der Partnerkirche, in der damals der Grundsatz galt: die Ältesten sind die Alten in der Gemeinde. Wohl hatte sie sich dabei auch nicht gefühlt. Sie wünschte sich ein Miteinander der Generationen und Geschlechter in der Gemeinde und deshalb natürlich auch im GKR, vor allem aber wünschte sie sich, dass alle zusammen ihre Gemeinden so wichtig nahmen, wie sie ihr schon in frühen Jahren geworden war – eine Erfahrung, ohne die sie nie den Weg über das Theologiestudium in das Pfarramt gefunden hätte. Gemeinde war für sie Gemeinschaft der Glaubenden, Familie Jesu Christi, Versammlung lauter Schwestern und Brüder, Gott war ihr eine alltägliche Selbstverständlichkeit, die Schrift und das Gebet Nahrung der Seele und Luft zum Atmen. Heute war sie ebenso Streiterin für Gerechtigkeit und Versöhnung, Anwältin der Armen, Stimme der Stummen und sammelte um sich Menschen, die auf der Suche waren, so wie sie.

Aber bevor sie nun den Telefonhörer in die Hand nehmen und die ersten Verabredungen mit potentiellen Kandidaten treffen wollte, schaute sie noch schnell in die Bibel. Den Predigttext für den nächsten Sonntag wollte sie die Woche über auf sich wirken lassen und sie las in der Bibel in gerechter Sprache, was jetzt keine richtige Überraschung mehr sein kann, zum Sonntag vom guten Hirten, Anstöße und Gedanken zum Hirten- und zum Ältestenamt aus dem 1.Petrusbrief:

1 Die Ältesten unter euch möchte ich nun um etwas bitten. Ich selbst bin auch Ältester, bin Zeuge des Leidensweges °Christi geworden und ich habe teil an dem °Glanz Gottes, der offenbar wird. 2Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, ohne eure Obhut aus Pflichterfüllung auszuüben, sondern freiwillig, weil es Gott gefällt. Ihr sollt diese Aufgabe auch nicht übernehmen, weil ihr euch einen Gewinn versprecht, sondern aus innerem Antrieb heraus. 3Ihr sollt nicht Aufsicht führen wie die, die über ihr Eigentum gebieten, sondern ihr sollt eure Aufgabe so ausführen, dass ihr Vorbilder werdet für die Herde. 4Und wenn der erste Hirte von allen für alle sichtbar geworden ist, werdet ihr den °glänzenden Siegeskranz erlangen, der nie verwelkt. (1.Petrus 5, 1-4)

Ein angesehener Ältester, ein Vor-Denker, ein Vor-Läufer oder Vor-Geher, schrieb an seine anderen Mit-ältesten. Das Miteinander-Gehen und nicht das Vor-Sitzen oder Vor-stehen waren also das Thema!

Genauso wollte sie gerne arbeiten, gerne Vor-Denken, aber dann Zusammen-Entscheiden, gerne Vor-Sagen, aber schließlich gemeinsam mit allen Mit-Verantworten, Sie wollte gerne Voran-Gehen und Vorweg-Nehmen, was dann alle angeht und wofür dann auch alle aufstehen. Eine unter gleichen wollte sie sein. Fachfrau für Fragen des Glaubens, aber Lernende, was und wo die Begabungen ihrer Mitstreiter*innen waren, sie wollte gerne motivieren, wenn dann alle  an einem Strang zögen, sie wollte nicht einsame Alleinunterhalterin auf der Kirchenbühne sein und in eine unbeteiligte Zuschauergruppe schauen. Die, die sie ärgern wollten mit dem Hinweis auf ihre Schäfchen, spielten ja manchmal mit dem Bild der Herde, die hinterhertrottet, aber sie glaubte an die mündige Gemeinde, die ihr nicht nur widersprechen durfte, wenn sie sich in der Predigt oder in einem Artikel im Gemeindebrief provoziert fühlte, sondern die den Aufstand proben und wagen sollte, wenn Menschen unterdrückt oder zum Spielball unterschiedlichster Interessen degradiert,  nicht mehr auf Augenhöhe ernst – und wahrgenommen wurden. Sie vertraute der Herrschaft und Macht des Argumentes, des (Gottes-)Wortes und der Überzeugung, sie erwartete Offenheit, Respekt und Toleranz, aber auch Glaubwürdigkeit, Integrität und Stehvermögen. Sie schmerzte die vorgehaltene Hand vor dem Mund und das leise Geflüster, dass die Würde anderer in Frage stellte. Sie ertrug weder blinde Gleichmacherei, denn alle sind eigene Persönlichkeiten, noch die Ausgrenzung des Fremden und Unbekannten, weil alle und alles doch, von Gott gewollt und ins Dasein gerufen, gleichwertig war.

Sie suchte nicht die Anerkennung und das Prestige, obwohl sie oft genug in der Zeitung stand und von mehr Menschen erkannt wurde als sie selbst kannte. Sie wollte ihren Einfluss nicht zu eigenen Gunsten oder ihr Nahestehender ausnutzen, aber für Gerechtigkeit mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und ihrem Ansehen kämpfen. Und sie wusste, dass sie diese Überzeugung mit vielen jungen und alten Menschen ihrer Gemeinde teilt. Sicher, sie hätten alle zusammen noch mehr sein können. Die Stadt war groß genug und vieles lag noch im Argen. Der Schein galt oft mehr als das Sein, Macht wurde oft genug nicht als Verantwortung auf Zeit, sondern als Privileg, dass festgehalten werden muss, als Herrschaft und nicht als Dienst, verstanden, Kritik erschien vielen nicht mehr als Wegweisung, sondern als beleidigend empfundene Anmaßung.  Hirten, so ihre Sorge, waren nicht mehr bei ihren Herden, sondern bei ihren Pfründen.

Sie wollte mit ihren Gemeinden, ihren Geschwistern auf dem Weg nur einem Vorbild folgen und dieses Bild trug sie fest in ihrem Herzen: Jesus Christus ist der gute Hirte, der sein Leben für die Schafe lässt oder wie Jesus es an anderer Stelle auch mit Blick auf seinen Leidensweg sagt: der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele (Markus 10, 45).

Sie dachte bei sich:  davon will ich erzählen, wenn ich die nächsten Tage mit vielen spreche, um sie für den GKR zu gewinnen und wenn ich am Sonntag auf meiner Kanzel stehe. Sie spürte: ich bin doch richtig hier. Und wenn wir so miteinander leben, wenn es so unter Menschen sein kann, dass wir gewaltfrei und herrschaftsfrei, treu und uneigennützig, nicht auf den eigenen Vorteil, sondern auf das Wohl und das Heil aller bedacht miteinander umgehen, dann folgen wir auf überzeugendste Weise unserem guten Hirten nach und verändern das Gesicht dieser Welt mehr als jeder Krieg oder jeder Umsturz, jede Revolte oder jedes Parteiprogramm es jemals könnte. Eine schönere Aufgabe konnte sie sich nicht denken. Das fühlte sich gut und richtig an. Amen

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