Vom Miteinander der Generationen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, ich will meine Predigt mit einer Geschichte beginnen:
Zu Mark Twain kam einmal ein 17- jähriger junger Mann und erklärte: „Ich verstehe mich mit meinem Vater nicht mehr. Jeden Tag Streit. Er ist so rückständig und hat keinen Sinn für moderne Ideen. Was soll ich machen? Ich laufe einfach aus dem Haus!“
Mark Twain antwortete: „Junger Freund, ich kann Sie gut verstehen. Als ich 17 Jahre alt war, war mein Vater genauso ungebildet: Es war kein Aushalten. Aber haben Sie Geduld mit so alten Leuten, sie entwickeln sich langsamer. Nach zehn Jahren, als ich 27 Jahre alt war, hatte er schon so viel dazugelernt, dass man sich schon ganz vernünftig mit ihm unterhalten konnte. Und was soll ich Ihnen sagen: Heute wo ich 37 bin, ob Sie es glauben oder nicht, wenn ich keinen Rat weiß, dann frage ich meinen alten Vater. So können die sich ändern…“

Mit Alt und Jung ist das so eine Sache. Generationenkonflikte ziehen sich durch die Menschheits-Geschichte, und ich fürchte, sie ziehen sich auch durch unser Leben. Ich zum Beispiel konnte meinem Vater mit 17 genau erklären, wie er seinen Hof zu bewirtschaften habe. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Schon die Bibel kennt das Problem: Ham, der Sohn Noahs, findet seinen Vater schwer betrunken und splitternackt im Zelt. Anstatt den Alten nun aber still zu bedecken, ohne ihn dabei anzusehen, geht der Junge petzen – und Noah gerät außer sich vor Zorn und verflucht sein jüngstes Kind. Der junge Prinz Abschalom, Sohn des berühmten Königs David, war der Meinung, dass der Alte das mit dem Königreich Israel nicht mehr richtig im Griff hatte, und so zettelte er einen Aufstand gegen den eigenen Vater an. Willens, ihn zu töten, musste er allerdings den Kürzen ziehen und verlor sein Leben. Und im Neuen Testament gibt es diesen Jungen, dem das Leben auf dem Land zu langweilig und zu perspektivlos ist. Er fordert vom Vater sein Erbteil und zieht los in die große Stadt. Und der Alte lässt ihn kopfschüttelnd ziehen.

Auch unser Predigttext greift das Thema auf. Er steht im 1. Petrusbrief im 5. Kapitel:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch Teil habe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen. Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

Der erste Petrusbrief wird etwa 90 n. Christus geschrieben. Verfasser ist wahrscheinlich nicht der Jünger Jesu, sondern ein späterer, ein Erbe, einer, der in Petrus‘ Fußstapfen ging und der bemüht war, mit seinen Briefen das Leben der jungen Gemeinden zu regeln. Und da ist es schon wieder, das Wort „jung“ mit allem, was es beinhaltet. Das war alles noch ein bisschen chaotisch und ungeordnet, da gab es noch nicht so viele Regeln und die Hierarchien waren noch nicht ganz geklärt. Das versucht der Brief nun in geordnete Bahnen zu wenden: Die „Ältesten“, die berufenen Amtsträger, sollen die Gemeinden leiten. Sie sollen das Sagen haben, die Verantwortung übernehmen und vor allem „die Herde weiden.“ Und die Jüngeren sollen sich ihrer Autorität unterordnen. Alte und Junge sollen miteinander in Demut umgehen, so kann das funktionieren, meint der Apostel. Ich sollte mich sehr irren, wenn ich falsch läge. Das hat geknirscht, damals bei den Gemeinden in Kleinasien. Da gab es Generationenkonflikte – so was kommt vor.

Ich finde das ja immer spannend, wenn es in der Bibel menschelt. Spannend finde ich ja auch, dass schon früh und eigentlich immer Leitungs-Autorität, Alter und meist auch Männlichkeit in eins gesetzt sind – das ändert sich in Politik und Kirche nur langsam und mühsam. Es wirft die Frage auf: Wie geht das mit Jung und Alt, wie geht das in Familien, wie geht das in der Gesellschaft?

Die Alten sind klug geworden, so scheint es. Sie haben oft selbst noch die bittere Erfahrung gemacht, viel zu lange unter der Fuchtel der Eltern leben zu müssen. Das wollen sie ihren Kindern ersparen. Sie helfen gerne, aber mit den erwachsenen Kindern zusammenzuleben, kann sich kaum jemand vorstellen. Und viele entscheiden sich sehr früh, dass sie, wenn es alleine nicht mehr geht, lieber in ein Heim möchten, als den Kindern zur Last zu fallen. „Älter werden ist, wie auf einen Berg steigen; je höher man kommt, umso mehr Kräfte sind verbraucht; aber umso weiter sieht man.“ Das hat Ingmar Bergmann einmal gesagt, und das ist sicher richtig.

Wie das den Jüngeren heutzutage mit uns Älteren geht, vermag ich nicht zu sagen. Ich sollte mal Sina, unseren Täufling fragen. Im Wörterbuch Jugendsprache finden sich lauter fiese, kleine Respektlosigkeiten. Wer die „Rentner-Bravo“ liest, hat eine Apotheken-Rundschau in der Hand, das „Krampfadergeschwader“ bezeichnet eine Wandergruppe von Senioren, und wer über 50 Lenze zählt, darf ungestraft als „Komposti“ tituliert werden. Ich mag diese kleinen Frechheiten. Jugend darf das, finde ich. Tatsächlich erlebe ich unsere jungen Menschen als überaus respektvoll, höflich und freundlich, auch wenn ich manchmal Angst habe, dass sie mir im nächsten Moment versehentlich über die Straße helfen werden.

Gesellschaftlich ist das Thema alt und jung brisant wie nie: Wie werden immer älter, der demografische Wandel ist auch hier in der Kirche sichtbar, der Generationenvertrag ist in Gefahr – es sind einfach zu wenig junge Menschen in Lohn und Brot, um die Renten der Alten zu sichern. „Wir haben der Jugend die Zukunft geklaut“ sagt der Journalist Christoph Lütgert. Die Kinder des Wirtschaftswunders lebten wie an den Fleischtöpfen Ägyptens. Arbeitsverträge auf Lebenszeit gebe es heute selbst für die Qualifiziertesten nur noch selten, unsere jungen Leute können von einer gesicherten Zukunft kaum mehr träumen. Ökologisch und friedenspolitisch steht die Welt, wenn wir sie an die neue Generation übergeben, nicht gut da.
„Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!”, der Satz stammt von Winston Churchill. Aber ich halte mal dagegen: Hat uns der Verstand wirklich dahin gebracht, wo Gott uns haben will?

„Ihr Ältesten ermahne ich: Weidet die Herde Gottes!“ – Das ist ein Arbeitsauftrag, liebe Leute. Ein Arbeitsauftrag an die Verantwortlichen in Kirche und Gesellschaft, ein Arbeitsauftrag an Politiker, Pastoren, Kirchengemeinderäte und alle über 50: Ihr habt den Überblick, ihr habt die Kompetenz. Also tut, was das Beste für andere ist. Tut es nicht aus Gewinnsucht und nicht für den eigenen Vorteil und schon gar nicht aus Machtgier, sondern seid Vorbilder für die Herde Gottes. Das ist schon eine klare Ansage, wie wir das Älterwerden zu gestalten haben, liebe Leute. Das stellt die ältere Generation in die Mitte der Gesellschaft und der Kirche – nicht über sie und schon gar nicht an den Rand, wo sich selbst manchmal hindrängt.

Und ihr Jüngeren, ordnet euch den Älteren unter – so steht es im 1. Petrusbrief. Das musste damals so sein, damit die Gemeinschaften nicht auseinanderbrachen. Heute erwarten wir das nicht mehr, ehrlich nicht. Unser Wunsch ist, dass Alt und Jung miteinander die Welt gestalten. Und am besten so, wie es der 1. Petrusbrief beschreibt: in Demut vor Gott. Und das ist vielleicht etwas, was die uralte Bibel euch ganz Jungen sagen kann: Leben nur im Moment, Spaß um jeden Preis, zuerst ich und dann lange nichts – das ist kein Modell für ein gutes Leben. Das ist zuletzt auch anstrengend, das macht euch und uns kaputt. Demut vor Gott bedeutet: Da gibt es etwas, was größer ist als ich. Da gibt es etwas, das mehr bedeutet als mein eigenes, kleines Leben. Da gibt es Sinn, der über die nächste Party hinausgeht. Da gibt es jemanden, der mich liebt, auch wenn meine Liebe grad zerbricht. Und da gibt es eine Verantwortung für später, für die, die euch das Leben schenkten und für die, die euren Eltern das Leben schenkten, weil sonst jeder allein kämpft.

Jung und alt – liebe Leute, glaubt nicht, dass es dafür ultimative Wege gibt. Das knirscht manchmal, und das muss knirschen, sonst ist es nicht richtig. Das muss knirschen, weil die Perspektiven so verschieden sind, die Erfahrungswelten, die Sprachbilder, die kulturellen Prägungen – ich zum Beispiel bin mit Reinhard Mey großgeworden, mein Sohn kriegt die blanke Panik, wenn er das Gezupfel durch die geschlossene Zimmertür hören muss – das ist selbst bei bestem Willen manchmal nicht kompatibel.

Was der 1. Petrusbrief lehrt ist dies: Respekt und Verantwortung und Demut. Respekt, Verantwortung und Demut – damit lässt sich das generationsübergreifende Miteinander gestalten. Dazu helfe uns Gott. Amen

Ich schließe mit einem Gebet der Heiligen Theresa:
Erhalte mich liebenswert
O Herr, du weißt besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.
Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch,
hilfreich, aber nicht bestimmend zu sein.
Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht ständig weiterzugeben – aber du verstehst, Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten
und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden.
Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Leidensberichte anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Einsicht, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Ich möchte kein Heiliger sein – mit ihnen lebt es sich so schwer -,
aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken,
und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, es ihnen auch zu sagen.

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