Schwäche als Stärke

Die Welt will Sieger sehen. Sie spielt mit Muskeln und Idealen. ‚Wir wollen Sieger sehen‘, hallt es durch die Stadien. Und auch die Kirche will Sieger sehen, Gemeinden, die wachsen, die immer besser werden in was auch immer. Egal ob es das größte Gemeindewachstum oder der größte Gospelchor ist. Wir wollen Sieger sein und Medaillen vorweisen. Wir wollen gut dastehen. 

Anthropologen sagen uns, dass das zur Wesensart des Menschen gehört, immerzu nach der Führung zu streben, lieber Leitwolf als Wesen in der Herde, immer Beste oder Bester. 

Paulus stellt sich da immer wieder gerne quer. Er redet von seiner Schwäche, die in seinen Augen eine Stärke ist, er sieht sich selber nicht als Sieger, eher als Getriebener.  So auch im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Da schreibt er von seinen Schwächen, von seiner Müdigkeit. 

16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. 17 Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Paulus spürt seine Müdigkeit. Er muss lernen, damit umzugehen, dass das Leben nicht einfach so vorangeht, wie er es geplant hat. Da kommen Andere, die leiten die Gemeinde, die predigen Gottes Wort anders als er. Sie führen fort, was er angelegt hat – nicht immer in seinem Sinne. Und er spürt eine bleierne Müdigkeit, die sich auf ihn legt. 

Und dann spürt er doch wieder den Geist Gottes in sich. Er spürt Depression und er spürt Aufbruch gleichzeitig. Und er erfährt als Aufgabe Gottes, dass er trotz dieser Schwächen immer weitergehen darf. Vielleicht muss man sich arrangieren mit denen, die Dinge anders machen. Aber trotzdem darf man gespannt sein auf Neues, darf losgehen und Aufbrüche wagen. 

Er schaut immerzu aufs Kreuz und sieht Jesu Leidensweg und spürt: Wenn er nur nahe genug bei seinem Herrn bleibt, dann erlebt er Solidarität und Liebe, die weiterhelfen, die ihm helfen, seine Schwächen zu ertragen und seine Niederlagen. Er sieht das Kreuz und erkennt, wieviel die Menschen Gott wert sind, dass der für die in den Tod geht. Und er kennt die Botschaft von Ostern, diese Nachricht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass das Leben siegt. Allerdings sieht dieser Siegeszug nicht unbedingt so aus, wie wir es gewohnt sind, vielleicht auch nicht so, wie wir ihn gerne hätten. Es bleibt eben Christi Siegeszug.

Paulus schreibt in der 1. Person. Auch wenn er im Plural schreibt, meint er sich (und dazu die, die mit ihm zusammenarbeiten). Er schreibt von persönlichen Eindrücken und Erfahrungen und möchte die ChristInnen in Korinth mit einbeziehen. 

Er benutzt dabei das Bild vom inneren und äußeren Menschen.

Der äußere Mensch ist der angefochtene Mensch, der Mensch, der zerrieben wird von Erwartungen, die andere an ihn stellen und Erwartungen, die er selbst an sich hat. Der innere Mensch, ist der, der die Kraft des Heiligen Geistes empfängt und daraus Kraft gewinnt, Leben zu gestalten, der Resignation zu trotzen. Der innere Mensch spürt, dass der Herr ihm die Sinne stärkt und dass der Herr auch in dem, was wir als Schwäche ansehen, Stärken erkennt. Der äußere Mensch verlässt sich auf seine Möglichkeiten, auf seine Kraft und seine Fähigkeiten. Der innere Mensch weiß, dass die Gaben Gottes dazu kommen müssen.  

Mit diesem Bild macht Paulus deutlich: Der Mensch ist nicht eindeutig. Er trägt zwei Seelen in der Brust, heißt das bei Goethe. 

Der Mensch kann das Gute, das Richtige tun, aber er erlebt bei sich auch Neigungen, genau das Gegenteil zu tun. Ich will mit Menschen reden und rede stattdessen über sie. Ich will, dass es allen Menschen gut geht und kümmere mich eigentlich nur darum, dass es mir gut geht. Dabei weiß ich doch, was Gottes Wille ist – zumindest meistens. Aber dann tu ich doch, was ich will und manchmal, was gut aussieht, weil es mich gut aussehen lässt. 

Vielleicht muss ich erst einmal begreifen: Ich muss nicht Sieger sein, ich muss nicht Bester sein  – in gar nichts. Ich muss auch nicht immer alles bestens machen. Ich bin unendlich schon längst unendlich viel wert durch den, auf dessen Name ich getauft bin. 

Der Brief von Paulus nach Korinth lädt mich ein, bei mir selbst zu suchen: Bin ich in der Lage mit meiner Müdigkeit und meinen Frustrationen umzugehen? Bin ich bereit mein Leben in Gottes Hand zu geben und dem Unsichtbaren zu vertrauen? Bin ich bereit, immer aufs Neue mich bewegen zu lassen, von der Zuwendung Gottes?

Wir werden nicht müde – schreibt Paulus. Dabei weiß er ganz genau, wie viele Erlebnisse Menschen, den Elan rauben, sie müde werden lassen im Glauben, im Lebensmut. Will er sich selbst Mut machen? Oder hält er die Müdigkeit nur für eine vorübergehende Bewusstseinsstörungen, die überragt wird von der Zuwendung Gottes in Jesus Christus?

Dass Menschen verzagen können, hat Paulus ja auch am eigenen Leibe erfahren. Und an der eigenen Seele auch. Da gab es öfter Situationen, in denen er keine Lust mehr hatte, am liebten alles aufgegeben hätte. Da gab es Momente, da hat er darunter gelitten, was er alles nicht konnte, was er alles nicht erreicht hat, wo er versagt hat. Und dann hat ihm Gott gesagt, dass er das alles ganz anders sieht. Er hat ihm zugesprochen, dass er ihn  gerade wegen seiner Schwächen berufen hat, zum Missionar unter den Völkern. 

Da spürte er den Zuspruch Gottes und spürte, dass er trotz all seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten wieder losziehen musste und durfte. Und dann machte er sich doch wieder auf, verkündete den Menschen, die Botschaft von Jesus Christus, die frei macht, feierte mit Schwestern und Brüder das Mahl des Herrn. Und lebte die Gemeinschaft, in die der Herr berufen hat.

Ich darf immer wieder die Müdigkeiten meines Alltags abschütteln und mit Schwestern und Brüder neue Aufbrüche wagen, neue Dinge ausprobieren und die Gemeinschaft des Herrn genießen. Ich darf mich darauf verlassen, dass es der Herr ist, der mich begleitet und auch aus meinen Fehlern Wunder wirken kann.  

Jubilate heißt: Ich darf begeistert annehmen, dass ich durch Jesus Christus ein neuer Mensch geworden bin, auch wenn Vieles nicht so aussieht. Und ich darf fröhlich losgehen und tun, was ich tun kann und den Rest in Gottes Hände legen.

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