Demut – eine Mode, die immer passend ist

1. Petrus 5, 1-5

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, 3 nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. 4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter.
Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Misericordias Domini ist der Name dieses Sonntags, übersetzt also „die Barmherzigkeit des Herrn“. Diese Worte aus Psalm 33 sind dem Leitvers entnommen, der dem heutigen Sonntagspsalm vorangestellt wird und der das Thema des Sonntags anspricht.

Gottes Barmherzigkeit zeigt sich in vielerlei Weise. Das wohl bekannteste biblische Bild dafür ist das vom Guten Hirten. Manche nennen den heutigen Sonntag mit Blick auf das Evangelium darum auch den Sonntag vom Guten Hirten.

So geht Gott mit uns um, will das Bild vom Guten Hirten sagen und fordert uns auf, nachzudenken, wo und wie wir Gott erleben. Nachzudenken aber auch, ob dieses Bild für uns nach wie vor stimmt oder ob es vielleicht im Laufe der Zeit Risse bekommen hat? Bei alten Gemälden kommt so etwas jedenfalls sehr oft vor. Oder hat es bei dem Bild mit den Jahren Übermalungen gegeben? Auch das kommt ja nicht selten vor. Dann wären vielleicht Schichten freizulegen. Farbschichten bei einem Ölgemälde, Schichten erlebten Lebens bei uns Menschen.

Als Bild von Gottes Handeln will das Bild vom Hirten aber zugleich auch Vorbild für unser Handeln sein. Dann weist es nicht nur auf Gott, sondern es fragt: Handelst du auch so? Versuchst du es wenigstens?

Im 1. Petrusbrief spitzt der Apostel diese Fragestellung noch einmal zu und konkretisiert sie, indem er das Bild vom Guten Hirten auf die Gemeindeleitung anwendet. Wir hören die Verse 1-5 aus dem 5.Kapitel:

Text

Wir können es jetzt drehen und wenden wie wir wollen: Es geht bei diesem Textabschnitt um Gemeindeleitung.

Heißt das nun: Sie können alle schon mal nach nebenan gehen und sich einen Kaffee oder etwas anderes zu Trinken machen, während ich hier zusammen mit dem Gemeindekirchenrat durchbuchstabiere, was Gemeindeleitung alles bedeutet? Ich fürchte aber – oder, besser gesagt, ich bin mir sicher: Das klappt nicht. Nicht, weil wir in dieser Gruppe nichts zu sagen wüssten, sondern das liegt an Ihnen. Denn Sie werden Sie doch sicher gleich an Luther erinnern und auf das Priestertum aller Gläubigen zu sprechen kommen und uns hier – Gott sei Dank! – nicht allein diskutieren lassen.

Ich möchte nun aber zu bedenken geben, dass wir uns sicher darin einig sind, dass es immer wieder wichtig ist, Fragen des Glaubens und Fragen des Gemeindelebens nicht nach allgemeinen Theorien zu behandeln, sondern anhand konkreter Bibeltexte zu fragen, was dran ist. Dann aber müssen wir zur Kenntnis nehmen: Der Text hier im 1. Petrusbrief spricht die Hirten der Gemeinde an und sagt sehr klar, was man von ihnen erwarten muss. Diesen Schuh muss ich mir anziehen, und jeder andere, der im Dienst der Verkündigung steht oder anderweitig mit Gemeindeleitung betraut ist, ebenso. Was hier steht, gilt nicht sofort und ohne weiteres für jeden.

Zweierlei ist mir in diesem Zusammenhang bei unserem Textabschnitt besonders aufgefallen. Zunächst dies: Der Apostel ist ganz offensichtlich ein Realist. Er weiß, dass ein Leiter auch wirklich leiten muss, also nicht nur nachfragen und mitnehmen und ermuntern, sondern in bestimmten Fällen auch entscheiden und anordnen. Das einzusehen ist nicht immer leicht, besonders dann, wenn die Erfahrung noch fehlt. Deswegen hier der schlichte Satz: Ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Wenn wir’s verallgemeinern und nicht auf die Schiene alt – jung beschränken wollen, dann könnten wir auch sagen: die Kompetenz eines anderen anerkennen. Darauf weist der Apostel mit Nachdruck hin.

Das andere: Der Apostel hat mit Sicherheit einen Vorsprung an Erfahrung, Wissen und Einsicht. Er lässt das aber nicht ‚raushängen. Er macht die anderen nicht klein, vielmehr verbindet er sich mit ihnen als ihr Mitältester. Das wiederum in heutige Zusammenhänge übersetzt würde heißen: Die Hierarchien flach halten.

Wo nun aber das geschieht, verwundert nicht, worauf es bei unserem Schriftabschnitt am Ende hinausläuft, dass der Apostel doch wieder die Gemeinde in ihrer Gesamtheit und nicht bloß die Leitung in den Blick nimmt. Und dabei entwickelt er ein Bild, das mich geradezu begeistert. Ich meine nicht den letzten Satz, die sehr richtige, aber doch auch irgendwie trockene Feststellung, dass Gott den Hochmütigen – früher sagten wir: den Hoffärtigen – widersteht und den Demütigen Gnade gibt. Nein, ich meine den Satz davor: Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut.

Demut sollen wir anziehen; das würde uns gut stehen, meint der Apostel. Ich weiß nicht, ob er den Epheserbrief kannte. Aber da ist auch schon einmal davon die Rede, was Christen – natürlich im übertragenen Sinn – anziehen sollen, den Panzer der Gerechtigkeit und den Helm des Heils und in den Händen den Schild des Glaubens und das Schwert des Geistes. Wie gesagt, es ist im übertragenen und im geistlichen Sinn gemeint. Aber wenn ich mir zum Beispiel die Kreuzritter ansehe, dann muss ich feststellen, dass auch eine andere Sichtweise möglich ist, dass der Glaube auch sehr machtvoll daherkommen kann. Und darum finde ich es als Korrektiv sehr schön, wenn hier dazu aufgefordert wird, die Demut anzuziehen.

Doch wie sieht das wohl aus, wenn einer die Demut anzieht?

Ich stelle mir jetzt so eine Art Modenschau vor.
Da kommt einer im teuren Maßanzug. Der ist ohne Frage sehr chic, aber er macht vielleicht auch neidisch. Demut ist da wohl eher nicht zu sehen.
Eine Dame im langen Abendkleid – ein echter Hingucker für viele. Andere aber werden in diesem Moment vielleicht traurig, denn solche Schönheit haben sie nicht zu bieten. Demut kommt da wohl auch nicht daher.
Einer kommt in strammer Uniform, geschmückt mit vielen Orden. Vielleicht macht die Uniform ihn stolz, andere aber schüchtert sie ein. Demut ist wohl auch da nicht im Spiel.
Wie also mag einer aussehen, der die Demut angezogen hat?

Vielleicht ist das aber gar keine Frage der Äußerlichkeit oder Mode oder Kleiderordnung. „Barfuß oder Lackschuh“, vielleicht ist das wirklich nicht die Frage.
Und deshalb stelle ich mir vor, dass jemand, der die Demut angezogen hat, seinen Mitmenschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, weil diese spüren, dass sich hier jemand gern und von Herzen ihnen zuwendet.

Und damit schließt sich der Kreis, denn genau das ist es, was der Apostel den Hirten der Gemeinde und mit ihnen der Gemeinde als Ganzes ans Herz legt: Demut.

Gott helfe uns, dass wir aus dem Kleiderschrank des Lebens stets die Mode wählen, die lächeln lässt, die anderen und uns natürlich auch.
Amen.

drucken