„So stehe ich nun in deiner Schuld…“ (Kolosser 2, 12-15)

In solchen Augenblicken wird es immer schwierig: Er wollte dem alten und besten Freund gerne helfen. Aber die Summe, um die es ging, war mehr als die Rechnung am Abend , die einer mal eben mit übernimmt. Natürlich wollte er ihm vertrauen und das Geld leihen, aber er musste sich auch irgendwie absichern. Es ging auch für ihn um vieles. Nur: was konnte als Sicherheit dienen? Da war kein Vermögen mehr, da gab es keine beleihbaren Werte, keine Immobilien, da half keine Bank. Da gab es nur noch die Freundschaft, viele gemeinsame Erlebnisse und den Wunsch, dass alles nicht zu verlieren…
„Denke daran, bei Geld hört bekanntermaßen die Freundschaft auf“ meldete sich seine innere Stimme ununterbrochen. Sie war nicht zum Schweigen zu bringen. Also fragte er vernünftigerweise: „Was gibst du mir denn als Sicherheit?“
Der Freund zögerte nicht lange und erwiderte: „Ich kann dir einen Schuldbrief geben. Und du weißt, wie lange wir schon befreundet sind. Ich habe immer zu meinem Wort gestanden, du kannst dich auf mich verlassen, ich stehe in deiner Schuld und zu meiner Schuld“
Das Ende, liebe Gemeinde, bleibt zunächst völlig offen.
Natürlich half der Freund, wozu taugt denn ansonsten eine Freundschaft, wenn sie sich nicht in Krisen bewährt. Der Schuldbrief erinnert allerdings ständig an die offene Schuld, an das Geld und an das Vertrauen, daran wie der eine nun nicht nur materiell dem anderen etwas schuldig ist. Ob er es wieder gut machen und zurückzahlen kann, wird sich zeigen. Aber es geht letztlich um mehr als nur um das Geld. Das vielleicht schmerzhafteste, was die meisten Ängste auslösen kann, ist dieses unbestimmte Misstrauen in ihrer Beziehung, ihrer Freundschaft, dass womöglich die Oberhand gewinnen könnte. Wie soll denn die Schuld im Streitfall eingefordert und eingelöst werden? Vor Gericht mit Pfändung? Oder wird von vornherein eingeplant, dass es zu einem Schuldverzicht kommt, gewissermaßen eine versteckte und billigend in Kauf genommene einseitige Entschuldung? So etwas würde die Freundschaft womöglich nicht überleben…
Auf der anderen Seite belastet auch das Gefühl, in der Schuld zu stehen, enorm. Ich bin und bleibe abhängig, auf Wohlwollen angewiesen, begegne dem Gläubiger nicht mehr auf Augenhöhe, wenn es nicht eine Bank ist, zu deren Geschäftsmodell Schulden gehören und deren beste Kunden heute nicht mehr die Sparer, sondern die Schuldner sind (übrigens in biblischen Zeiten war dieses Geschäftsmodell eher ein Gräuel).
Steck ich einmal in der Schuldenfalle, ist es ganz schwer da wieder herauszukommen.
Das gilt übrigens nicht nur für die Verbindlichkeiten, die am Ende in die Insolvenz führen können. Das gilt für viele andere offenen Rechnungen im Leben ganz genauso.
Da verdanke ich mein Leben womöglich einem Retter in der Not, der ohne groß nachzudenken erste Hilfe geleistet und das eigene Leben riskiert hat, da habe ich eine neue Lebensperspektive mit einem Spenderorgan gewonnen, weil einer aus Liebe oder Freundschaft auf eine Niere verzichtet oder einer aus welchem Grund auch immer sein Leben verloren hat und deswegen als Spender in Frage kommt.
Da habe ich aus Starrköpfigkeit, Egoismus oder Einfalt Menschen, die mich liebten und bedingungslos zu mir standen, verletzt und merke, dass ich mich zwar gerne aussöhnen würde, aber keinen Weg finde, über die wacklige Brücke nur zaghaften Vertrauens zu gehen.
Da habe ich in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit einen Fehler gemacht, den ich nie werde in meinem Leben wieder gut machen können. Der Unfall ist geschehen, das Unfallopfer trägt die Folgen lebenslang sichtbar und spürbar an Leib und Seele.
Der gute Freund kann vielleicht irgendwann aus wahrer Freundschaft den Schuldbrief zerreißen und damit die Schuld auslöschen.
Die Privatinsolvenz, auf die sich Schuldner und Gläubiger auch durch Verzicht verständigt haben, ist vielleicht nach Jahren der Zurückhaltung durch rechtliche Rahmenbedingungen erfolgreich.
Das zerstörte Vertrauen zu den Kindern, die enttäuschte Liebe, die körperlichen Folgen meines Leichtsinnes in einem winzigen Augenblick, kann ich nicht so einfach zerreissen. Vielleicht, das bleibt zu hoffen, kann der, bei dem ich in der Schuld stehe, mein Gewissen irgendwann freisprechen und frei geben.
Ich ahne, dass wird dann der Beginn eines neuen, eines anderen, vielleicht auch eines besseren Leben werden, weil ich Tiefen gesehen und durchschritten habe, die mich sehr wach und aufmerksam machen für mein Leben und für Menschen, die mir dabei unterwegs begegnen, die genauso verstrickt sind, weinen und hoffen, wie ich es womöglich getan habe und weil mir meine Freiheit und mein neues Leben hoffentlich wie ein unglaubliches, unverdientes Geschenk vorkommen.
Es gibt so unglaublich viele Augenblicke, in den ich mich wie neugeboren fühlen kann, aber auch in denen ich wie ein neugeborenes Kind noch einmal von vorne anfangen muss, wenn es einen guten Ausgang nehmen soll.
Und ich habe jetzt nur von den Beziehungen, Schicksalshaften Verstrickungen und Erfahrungen unter Menschen gesprochen.
Wie sich mein Leben wohl im Angesicht Gottes darstellt?
Unsere Väter und Mütter fürchteten nichts so sehr, wie im Augenblick des Todes vor Gott mit leeren Händen da zu stehen oder nichts anderes in den Händen zu halten, als einen ungetilgten Schuldbrief.
Die Verantwortung dafür liegt dafür schließlich nicht beim Gläubiger, bei Gott. Sein einziges Versagen wäre es, die Schulden zugelassen, also Kredit gewährt oder weiter auf Kredit Leben ermöglicht zu haben, nicht schon vorher auf Rückzahlung bestanden, also Vertrauen gewagt zu haben, das womöglich nicht gedeckt war. Seine Verantwortung liegt nicht darin, den Schuldbrief am Ende anzuschauen und nach den Schulden zu fragen, sie womöglich sogar einzufordern. Die Empörung über einen Gott, der nicht nur Gläubiger, sondern auch Richter und Vollstrecker wäre, ist also eigentlich heuchlerisch. Die Empörung über uns Menschen, die mit ungedeckten Schecks im Leben unterwegs sind, müsste viel größer sein…
Es ist kein problematisches Gottesbild, das hier transportiert wird, sondern ein anspruchsvolles Menschenbild, weil es uns in unserem Tun, in unserer Verantwortung, in unserer ganzen Existenz ernst nimmt. Nichts wünschen wir uns doch so sehr, wie ernst genommen zu werden!
Gott und meinem Existenz vor seinem Angesicht einfach aus meinem Denken und Leben auszuklammern hilft da nicht wirklich weiter, weil die Verantwortung für mein Tun und der Ballast meiner Vergangenheit ja nicht verschwindet, nur weil ich Gott leugne. Schuld verdrängen, Schuld leugnen, Schuld abschieben, in dem ich sie auf andere projiziere, ist kein Ausweg, sondern eine Sackgasse. Wer die Schuld nur in den Verhältnissen oder bei anderen sucht, wird die Erfahrung eines beglückendes Neuanfanges, die Neugierde eines Kindes, das die Welt und das Leben (noch einmal) entdecken darf, nie kennenlernen.
Aber wir feiern heute nicht mehr und nicht weniger als das Fest des wunderbaren Neuanfanges. Heute ist der wunderbare Beginn meines neuen Lebens. Und morgen und übermorgen wieder.
Wir feiern, dass Gott den Schuldbrief wie ein guter Freund zerrissen hat und nicht auf die Begleichung der Schulden besteht. Wir sind ihm nichts schuldig und schulden ihm zugleich – auch wenn das paradox klingen mag – alles, nämlich unsere Herzen.
Wir feiern, dass der Kredit seines Vertrauens noch lange nicht aufgebraucht ist, die Liebe Gottes keine Grenzen kennt Und wir verzinsen diesen Kredit mit unserer Nachfolge, unserem Glauben, unserem Einsatz für das Leben.
Wir feiern, dass wir nicht auf die Vergangenheit und die verpassten Möglichkeiten reduziert werden, sondern Tag für die Tag die Chancen des neuen Tages entdecken dürfen.
Wir feiern Auferstehung zum Leben heute schon, weil es unerträglich ist, mitten im Leben wie tot zu sein. Was wäre das für eine Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, wenn sie nicht heute schon mit dem Leben ernst machen und zum Aufstand gegen alles Lebensfeindliche verlocken würde. Deswegen ist der Glaube immer lebendige und hoffnungsvolle Einmischung in die Verhältnisse dieser Welt.
Neugeboren in Hoffnung und aus Hoffnung sind wir voller Energie, voller Tatendrang, voller Träume und Visionen – ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren. Lasst uns also aufstehen und das Fest des Lebens feiern.
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

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