Tod und Schuld gefesselt und geknebelt, entmachtet

Die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei  mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die allermeisten Bibeltexte eine sehr optimistische Sicht der Zukunft haben? Dabei war das Leben damals was seine Schwierigkeiten anging nicht mit unserem Leben heute zu vergleichen. Es gab keine wirksame Medizin außer Kräutern. Die meisten Menschen starben früh. Im Römischen Reich waren ca. 25-30 Prozent der Menschen versklavt. Die Forscher sind sich was die Zahl angeht nicht einig. Aber klar ist, dass es in den christlichen Gemeinden Sklaven gab. In den Stadien in den großen Städten wurden Menschen zum allgemeinen Vergnügen ermordet. Und Christen waren grundsätzlich in der Gefahr zu den Ermordeten zu gehören.

Warum also sind viele Bibeltexte so positiv?

Sehen wir uns als Beispiel unseren heutigen Predigttext an. Ich lese

 

Kolosser 2

12 In der Taufe wurdet ihr mit ihm begraben.

Und in der Taufe wurdet ihr auch mit ihm auferweckt.

Denn ihr habt an die Macht Gottes geglaubt,

der Christus vom Tod auferweckt hat.

13 Ja, ihr wart tot aufgrund eurer Verfehlungen.

Und euer auf das Irdische ausgerichteter Körper

hatte die Beschneidung noch nicht empfangen,

die Christus schenkt.

Aber Gott hat euch zusammen mit ihm

lebendig gemacht,

indem er uns alle Verfehlungen vergeben hat.

14 Er hat den Schuldschein getilgt,

den wir eigenhändig unterschrieben hatten –

einschließlich seiner Vorschriften,

die gegen uns standen.

Er hat ihn ans Kreuz angenagelt

und damit beseitigt.

15 Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet

und sie öffentlich zur Schau gestellt.

Er führt sie im Triumphzug mit,

der für Christus abgehalten wird.

 

Was für ein unfassbares Bild. Tod und Teufel, Mächte und Gewalten. Alles was Menschen das Leben und die innere Lebendigkeit raubt, hat Christus entwaffnet. Er hat sie in Ketten gelegt, so dass sie keine Macht mehr haben und nichts mehr tun können. Stellen Sie sich einen antiken Triumphzug vor. Das Volk ist am Rand der Prachtstraße der Stadt zusammengelaufen. Die Menschen jubeln dem Triumphator zu. Er hat den Krieg gewonnen und kehrt nun in die Stadt zurück. Er hat ein wertvolles Gewand angelegt. Seine Truppen tragen ihre Ausgehuniform. Ihre Waffen sind blank geputzt und spiegeln sich in der Sonne. Die Menschen am Straßenrand sind außer sich vor Freude. Und in diesem Zug führt er seine Gefangenen in schweren Ketten mit. Den Heerführer der gegnerischen Armee, vielleicht den König, den er besiegt hat. Wunderschöne Frauen aus dem Harem des besiegten Königs. Unter lautem Jubel zieht er durch die geschmückten Straßen bis er vor dem Palast ankommt und dort die Siegerkrone empfängt. Und dann gibt es ein großes Essen. Mit geladenen Gästen feiert er das Festmahl. Der beste Wein wurde aus den Kellern geholt und an das Volk wird Brot verteilt.

Mit so einem Triumphator wird Christus verglichen. Und die Gefangenen, die er in dem Triumphzug mitführt sind Schuld und Tod. Schuld und Tod liegen in Ketten und sind bezwungen. Sie können niemandem mehr etwas antun. Und wir stehen am Straßenrand und Jubeln. Denn wir sind endgültig von der Herrschaft von Schuld und Tod befreit. In der Taufe sind wir mit Jesus Christus gestorben und auferweckt worden. Der von uns selbst unterschriebene Schuldschein, also das was wir als unsere Schuld anerkannt haben, das wurde ans Kreuz geheftet und endgültig vernichtet. Wir sind lebendig und können nicht mehr getötet werden. Schuld und Tod können uns nichts mehr anhaben.

Wir müssen uns keine Sorgen mehr über unsere alten Versäumnisse und Fehler machen. Alles ist vorbei. Alles ist vergeben. Alles ist vergessen. Angst vor dem Tod ist überflüssig. Alles, was in unserem Leben je schief gelaufen ist, können wir hinter uns lassen. Mit Christus ist das alles Vergangenheit. Und die Zukunft sieht rosig aus.

Können wir das wirklich glauben? Können wir uns mit dieser Sicht auf die Welt anfreunden? Können wir die Sorgen hinter uns lassen? Können wir uns wirklich auf ein Leben einstellen, in dem der Tod in Ketten liegt und vollständig entmachtet ist?

Wann haben sie das letzte Mal ein Gespräch geführt, in dem Sie sich nicht über irgendwen oder irgendetwas beklagt haben?

Naja, das ist wahrscheinlich öfter vorgekommen.

Aber wann haben Sie zum letzten Mal ein Gespräch geführt, in dem Sie sich darüber gefreut haben, dass die schweren Zeiten hinter Ihnen liegen, die Vergangenheit vergangen ist und ewiges Leben auf Sie wartet?

Was nützt uns der schönste Bibeltext wenn seine Botschaft nicht unseren Alltag bestimmt? Was nützt uns das schönste Bild von Christus als Triumphator, wenn dieses Bild nicht tief in unserem Herzen verankert ist und unser Lebensgefühl prägt?

Und da habe ich ein Problem, dass ich mit vielen Menschen heute teile.

Wenn mich ein Kind in der Schule oder ein Jugendlicher im Konfirmandenunterricht fragt: „Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“ antworte ich selbstverständlich: „Ja sicher, glaube ich daran.“

Aber wie tief sitzt dieser Glaube in meinen Gefühlen? Wie stark bestimmt er mein Leben? Habe ich meine Angst vor dem Tod wirklich abgelegt? Kann ich über den Tod spotten? Freue ich mich darauf, Christus zu begegnen?

 

Tja, hmmm.

Ich muss zugeben, dann ich in meinem Alltag selten damit beschäftigt bin, Christus zuzujubeln und mich darüber zu freuen, dass der Tod endgültig besiegt ist.

Und mit dem Schuldschein, der ans Kreuz genagelt wurde und für immer vernichtet ist, geht es mir selbst nicht viel besser. Manchmal denke ich schon darüber nach, was in meinem Leben anders gelaufen wäre, wenn ich damals nicht diese verletzende Entscheidung getroffen hätte. Es gibt schon Dinge, bei denen es mir schwer fällt mir selbst zu vergeben und sie wirklich hinter mir zu lassen. Manchmal habe ich noch das Gefühl, dass meine Schuld hinter mir her ist oder mir schwer auf der Seele liegt. Dann kann ich mir nur schwer vorstellen wie Christus sie in Fesseln auf seinem Triumphzug durch die Straßen zerrt und sie mir nichts mehr anhaben kann.

 

Ich glaube ja an die Vergebung der Schuld. Ich glaube daran, dass Christus den Tod endgültig besiegt hat. Nur ist dieser Glaube noch nicht endgültig in meinem Körper und in der Tiefe meiner Seele angekommen. Und deshalb liegt mir die Schuld  noch auf der Seele und deshalb fürchte ich mich immer noch vor dem Tod. Ich würde das ja gerne ändern. Aber ich weiß nicht wie.

 

Also habe ich meinen Mann gefragt. Denn er ist mit einem tiefen freundlichen Glauben aufgewachsen. Bei ihm sind seine Überzeugungen viel gründlicher in seiner Seele verankert. Und er hat mir empfohlen zu singen. „Wenn du eine Überzeugung wirklich in die Tiefe deiner Seele dringen lassen willst, musst du sie singen!“ hat er mir geraten.

Zum Beispiel Lied 322 die fünfte Strophe: Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn, und werf all Angst, Furcht Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin.

Und wenn ich diese Strophe singe, merke ich wie ich optimistischer werde und mit mehr Zuversicht in die Welt blicke. Und dann schließe ich noch die achte Strophe an: Solange dieses Leben währt, sei er stets unser Heil, und wenn wir scheiden von der Erd, verbleib er unser Teil.

Und dann denke ich: Ja, so wird es gehen. Und ich erinnere mich daran, dass Jesus im Johannesevangelium sagt: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost ich habe die Welt überwunden.

Ich muss mich nicht auch noch damit stressen, dass ich immer noch Angst vor dem Tod habe. Und ich muss mich auch nicht schlecht fühlen, dass es mir immer noch schwer fällt, die Vergebung meiner Schuld anzunehmen.

Ich muss auch nicht meinen Glauben schlecht machen, weil er noch nicht vollständig meine Gefühlswelt bestimmt.

Hier auf der Erde sind wir halt noch im Glauben unterwegs und nicht im Schauen. Wir hoffen auf ein Leben nach dem Tod. Wir bitten Gott darum, dass er uns die Angst nimmt und uns durch dieses manchmal schwierige Leben hindurch hilft. Und das dürfen wir tun. Und wir dürfen uns das Bild, das unser Predigttext uns schenkt plastisch ausmalen und uns daran freuen, was Christus für uns getan hat. Aber wir müssen auch nicht die ganze Zeit jubelnd durch die Gegend laufen und nur noch ekstatisch uns auf das Leben nach dem Tod freuen.

Und der Friede Gottes welcher höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne zum ewigen seligen Leben.

Und jetzt tun wir etwas für die gefühlsmäßige Verankerung unseres Glaubens in unserer Seele und singen von Lied 322 alle neun Strophen.

 

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