Ist Jesus wirklich für unsere Sünden gestorben?

Liebe Gemeindeglieder,

war es wirklich Gottes Plan, Jesus am Kreuz sterben zu lassen, damit er, Gott, uns unsere Sünden vergeben kann, wie wir gerade gesungen haben? (EG Herr stärke mich, Dein Leiden zu bedenken)

Viele Christen haben immer mehr Bauchschmerzen mit dieser Formulierung.

  • Wie passt das zur Liebe Gottes, seinen Sohn in so einen Tod zu schicken?
  • Führt das nicht wirklich zu einem Gottesbild als „Rächer alles Bösen“?
  • Und haben wir, die wir hier sitzen, wirklich die Strafe verdient, die Jesus getragen hat?

Um es schon einmal vorweg zu nehmen, ich bin der Meinung, dass sie das nicht glauben müssen. Sie dürfen es, aber sie müssen es nicht.

Der berühmte Theologe Karl Barth hat einmal gesagt: Der Christliche Glaube ist nicht wie ein Papagei, der im Zoo immer an derselben Stelle angekettet ist, sondern ist wie ein Vogel im Flug, nach dem man immer wieder neu den Kopf drehen muss. Soll heißen: Was wirklich die Wahrheit ist, das weiß alleine Gott. Was wir Menschen zu einer bestimmten Zeit als Wahrheit begreifen, ist bestenfalls eine zeitgebundene Annäherung daran. Deshalb muss unsere menschliche Vorstellung von der Wahrheit offen bleiben dafür, Dinge neu zu formulieren, wenn wir merken, dass alte Formulierungen mehr verdunkeln als erhellen.

Wenn wir im Glaubensbekenntnis sprechen: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ dann denken wir natürlich nicht mehr an eine Treppe in eine Totenwelt unter uns. Und bei „aufgefahren in den Himmel“ nicht an eine Art Fahrstuhl zu Gott. Es sind für uns heute bildliche Vorstellungen für Dinge, die nichts mit oben und unten zu tun haben.

Solche Veränderungen, oder genauer: Anpassungen im Glauben können wir in kleinen Dingen leicht mitgehen. Bei größeren Themen, die uns wichtig sind, ist das nicht immer so leicht. Wir haben sie als festen Teil der Glaubenswahrheit gelernt – und sie scheinen uns deshalb unumstößlich.

Aber keiner muss Glaubenssätze umstoßen, die für ihn wichtig sind! Aber wir sollten die Bauchschmerzen von Mitchristen ernst nehmen und anhören. Sie könnten ein Hinweis sein, dass wir Dinge vielleicht anders formulieren oder denken müssen. Denn es ist unsere Aufgabe, die Botschaft Jesu weiterzusagen und dazu muss sie verständlich bleiben und immer wieder muss überlegt werden: Ist es das, was Jesus gepredigt hat?

Der ehemalige Bonner Superintendent Müller hat vor einigen Jahren an einen Sprachkritiker erinnert, der gesagt hat, dass sich bei Vielrednern die Sätze oft von selbst gruppieren, wie die Kavalleriepferde beim Hornsignal: Die Pferde wissen genau, wie sie zu stehen haben. Die Pferde müssen nur das Signal hören und schon gruppieren sie sich wie einstudiert. So auch bei Vielrednern: Sobald ein bestimmtes Thema genannt wird, stellen sich die Sätze auf, wie die dressierten Pferde.

Das ist total praktisch: Ein Stichwort wird genannt und ohne nachzudenken sprudeln die Sätze aus dem Mund. Bis man sich irgendwann fragt: Sind all die Sätze denn überhaupt noch meine wirkliche Überzeugung?

Und er nannte für sich als Beispiel unser Thema:

Er sagte: Erschien das Hornsignal: „Jesus ist gekreuzigt“, kamen die Pferde und stellten sich auf:

Das erste Pferd trug das Banner mit der Aufschrift: „Für dich gestorben.“ Das nächste den Satz: „Gottes Zorn durch seinen Tod gestillt.“ Das Nächste: „Stellvertretendes Leiden“ – und wie die Sätze alle heißen: „Für meine Sünden dahingegeben“, „Meine Seeligkeit durch seinen Tod“ usw. All diese Sätze stürmten aus seinem Mund, aber er merkte, dass sie ganz phrasenhaft wirkten. Wie auswendig gelernt, aber nicht mehr seine lebendige Herzensüberzeugung.

Wenn wir mit einer bestimmten Glaubensvorstellung groß geworden sind, erscheint sie uns selbst wie eine ewige Wahrheit. Sie war für uns ja von Anfang an da, sozusagen „ewig“.

„Jesus ist gestorben für unser Sünden.“ Das wirkt doch wirklich wie absolutes Urgestein des Glaubens. Auch ich bin damit groß geworden.

Wir sagen das, obwohl man doch wirklich fragen kann:

  • Wieso kann uns Gott die Sünden nicht einfach so vergeben? Wieso muss er dazu Jesus ans Kreuz schlagen lassen?  Wenn sich jemand an mir versündigt, dann kann ich ihm doch auch einfach so vergeben! Wie viel mehr muss Gott das können!
  • Und genau in dieser Freiheit hat Jesus ganz oft Menschen die Vergebung der Sünden im Namen Gottes zugesprochen. „Ich sage dir, deine Sünden sind dir vergeben.“ Er hat nicht gesagt: „Du musst noch warten, bis ich gekreuzigt wurde.“
  • Auch hat er doch die ganz bedingungslose Liebe Gottes gepredigt. Wie in der Geschichte vom verlorenen Sohn, der das ganze Erbe des Vaters verprasst hat. Als der zu seinem Vater zurückkehrt, breitet der sofort die Arme aus – in völlig bedingungsloser Vaterliebe. Er macht ihm nicht mal Vorhaltungen, geschweige, dass er sagt„Erst mal muss du Buße leisten.“ – So ist Gott, hat Jesus gesagt.
  • Das ist das gegenteilige Bild zum Bild Gottes als Rächer des Bösen.
  • Und: Sind ihre Sünden wirklich so groß, dass sie dafür den Tod am Kreuz verdient hätten, den Jesus stellvertretend für sie erlitten hat? Ich denke an viele von Ihnen, die für mich ein ganz vorbildliches Leben führen. Dabei will ich gar nicht uns reinwaschen. Ich denke vielmehr an die vielen von Mühsal geplagten Menschen der Vergangenheit, denen große Schuldgefühle gemacht wurden, wenn sie gesungen haben: „ich mein Herr Jesu habe dies verschuldet, was du erduldet“. Ich bin der Überzeugung, Jesus hätte vielen von ihnen gesagt: „Nein, Du hast das nicht verschuldet! Lass dir das nicht einreden!“ Jesus hat den von Mühsal geplagten Menschen etwas ganz anderes gepredigt, hat ihnen gesagt: „Ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt!“

Sind alle diese Überlegungen nicht einleuchtend?

Wieso sagen wir dann, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist?

Die Antwort ist: Weil im Mittelalter der berühmte Anselm von Canterbury erklären wollte, wie alles in einem großen total logischen Heilsplan zusammenhängt: Gott will uns vergeben. Aber kein gerechter Richter kann einfach Schuld vergeben, er muss eine Strafe verhängen. Bei der ungeheuren Größe der menschlichen Schuld blieb als einzige Möglichkeit, dass kein normaler Mensch, sondern sein göttlicher Sohn stellvertretend für uns die Strafe trägt. Nur so kann er uns vergeben.

Diese neue Lehre war damals logisch und erhellend, aber für uns heute verdunkelt siemehr, als sie erhellt.

Deshalb ist es heute sinnvoll, das Thema noch einmal neu von der Bibel her zu denken.

Und im Neuen Testament spürt man noch, wie die Menschen versucht haben zu verstehen, wieso Jesus am Kreuz gestorben ist. Da stehen viele mögliche Begründungen nebeneinander.

Er musste ja zum Beispiel gerade deshalb sterben, weil er im Namen Gottes Sünden vergab, vorbei an den Sühneopfern im Tempel, die er damit praktisch außer Kraft setzte. Das war gerade einer der Gründe, wieso die verantwortlichen Priester ihn beseitigen wollten.

Überhaupt werden ganz viele Menschen statt Gott für den Tod Jesu verantwortlich gemacht: Eben die Priesterschaft, dazu sein eigener Jünger Judas, Pilatus und schließlich das Volk, das schreit „Kreuzige ihn“.

Und dazu gab es noch ganz verschiedene Deutungsversuche.

  • Jesus, der Gute Hirte, der sein Leben gibt für seine Schafe
  • Jesus, der sein Leben gibt für seine Freunde,
  • Jesus als der leidende Gottesknecht, wie einst Jesaja.

Aber sagen wir nicht beim Abendmahl: „Das ist das Neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden“? Ich musste selbst noch mal in den Evangelien nachsehen und fand: Jesus sagt nur: „Mein Leib – für Euch“ und den Kelch deutet er nur als „neuen Bund“. Einzig Matthäus spricht an dieser Stelle von unseren Sünden – Jesus hat das offensichtlich nicht getan.

Und selbst wenn Jesus bei seinem Tod an die Vergebung der Sünden gedacht hätte, ist doch etwas anderes, als wenn man daraus ein festgefügtes Lehrgebäude macht, wonach der grausame Tod Jesu Gottes lang vorbereiteter Plan war.

Und so sagt einer der angesehensten Theologen heute, Ingolf Dalferth: (nach: Dalferth, Ingolf U., Leiden und Böses, vom schwierigen Umgang mit Widersinnigem, 2. verbesserte Auflage 2007, ab S. 198)

Jesus musste nicht sterben, damit Gott uns vergeben kann. (vgl. S. 214)

Sondern wir müssen und dürfen den Tod Jesu verstehen im Zusammenhang mit dem Bösen und dem Leiden in der Welt: Wir Christen sehen sehr realistisch das viele Leid in der Welt. Aber gerade gegen all diese schlimmen Erfahrungen  („kontrafaktisch“) glauben wir, dass Gott die Welt liebt und sie auf Liebe hin geschaffen hat. Ja, wir glauben, dass die Macht des Bösen eigentlich schon überwunden ist. Aber dabei kommen uns immer wieder die größten Zweifel, ob dieser Glaube stimmt. – Aber diese Zweifel dürfen sein. Dalfert sagt: Diese Zweifel dürfen dazu gehören, denn wir glauben, dass Gott diesen Zweifel an sich selbst in Jesus kennt und sogar die absolute Gottverlassenheit in Jesus selbst durchlebt hat. (Hinweis: Dies ist eine sehr simplifizierende Darstellung der Überlegungen Dalferths.)

Wenn wir am Karfreitag die letzten Worte Jesu am Kreuz hören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“, dann dürfen wir sie verstehen als Gottes eigenes Durchleben unseres Zweifels und einer Gottverlassenheit, wie wir sie so hoffentlich nie erleben.

In diesem Sinne ist es wichtig, sagen zu können, „Jesus ist für uns gestorben“,

nicht weil Gott dieses Opfer brauchte, sondern,

  • weil wir glauben dürfen an Jesus als einem Menschen, der den Weg der Liebe nicht verlassen hat – auch nicht angesichts der Todesdrohung,
  • und weil wir in ihm Gott selbst diesen Weg der Liebe gehen sehen,
  • und weil viele Menschen in Leid und Krankheit dadurch gewiss sein können, dass Gott gerade dann ganz nah bei ihnen ist.

Und das ist dann wieder die Botschaft Jesu, der uns Menschen nicht pauschal als Sünder abstempelt und verurteilt hat, sondern uns Würde zuspricht, wie er sie damals den Mühseligen und Beladenen zugesprochen hat.

Amen.

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