Wir haben ihn nötig Palmsonntag

Predigt zu Jesja 50,4-9 gehalten am Palmsonntag 2018 von Pastor Reinhard Wick in der Evangelisch-methodistischen Christuskirche in Ansbach

Wir haben ihn nötig. Wir brauchen ihn. Wir brauchen den einen. Wir brauchen den, der die Welt in Ordnung bringt, der für uns gerade rückt, was schief gegangen ist. Einen, der eingreift ins Weltgeschehen und der die drohenden Katastrophen abwendet. Er soll den Schwachen auf die Beine helfen. Er soll den Benachteiligten Recht verschaffen. Er soll denen, die diese Welt für einen Tummelplatz halte, auf dem sie ihre persönlichen Interessen austoben können, ihre Grenzen aufzeigen und die Machtbesessenen in ihre Schranken weisen.

Die prophetischen Texte am Ende des Babylonischen Exils erzählen von einer solchen Gestalt. Es ist der Knecht Gottes.

Jes 50

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Was Jesus erlitten hat, lässt sich mit den Aussagen der Gottesknechtslieder deuten. Als er in Jerusalem einzog, gestalteten ihm die Menschen einen begeisterten Empfang. Er saß auf einem Esel und die Menschen jubelten ihm zu. Er führte den Zug an und die Menschen folgten ihm. Er zog voraus voller Sanftmut, Würde und Frieden.

Am Karfreitag war es dann anders. Mit dem Kreuzbalken auf dem blutig geschlagenen Rücken schleppte er sich vorm Richtplatz bis zum Golgathahügel. Diesmal johlten und grölten die Menschen. Er zog nicht voraus. Die Soldaten trieben ihn vor sich her, stießen und drängen ihn, der kaum noch in der Lage war, sich auf den Beinen zu halten.

Es ist nicht schwer, einen Menschen seiner Würde zu berauben. Es sind entwürdigende Erfahrungen, denen der Gottesknecht ausgeliefert ist. Jemand verprügeln und zusammenschlagen, jemanden an den Haaren zerren, ihm ins Gesicht spucken. Den Wehrlosen peinigen und ihn zum Gespött machen. Zu so etwas sind Menschen in der Lage. Einen durchs Dorf treiben. Vor sich her jagen.

Dazu braucht es keinen Mut. Es reicht in der Überzahl zu sein und es genügt, sich körperlich oder sogar auch noch moralisch überlegen zu fühlen. Und wenn man den anderen erst einmal in den Dreck gestoßen hat, den Nigger, den Juden oder sonst wen, ist es keine Kunst mehr, sich selbst als etwas Besseres zu fühlen.

Da ist von einem Retter die Rede. Der Gottesknecht, der gerade rücken soll, was aus dem Lot geraten ist, der in den Griff kriegen soll, was aus dem Ruder läuft. Dieser Knecht Gottes, ist kein himmlischer Sicherheitsexperte. Sein Weg ist ein anderer. Er macht sich zum Opfer. Anihm tobt sich die Barbarei aus und zeigt unverhüllt ihre widerliche Fratze.

Das Entsetzliche bleibt entsetzlich. Der Weg des Gottesknechts zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er seinerseits dreinschlägt. Der Weg des Gottesknechts zeichnet sich dadurch aus, dass er das Recht auf seiner Seite hat. Diejenigen, die bestehenden Vorschriften gegen ihn anwenden, die ihn verurteilen und den Stab über ihm brechen, sind im Unrecht. Diejenigen, die ihn zur Strecke bringen wollen sind mit ihrer Macht überlegen und haben sich trotzdem verrechnet.

Wer ist dieser Knecht Gottes der durch seinen Weg dem Lauf der Welt eine andere Richtung geben soll?

Die Gottesknechtslieder der Bibel lassen diese Frage offen.

  • Es geht im weitesten Sinn um Gottes geschundene Kreatur – sowohl die Menschen wie auch alle seine Geschöpfe
  • Es geht um die Unterdrückten, die zu Unrecht verfolgten und verurteilten
  • Es geht um die gefolterten, um die Geschundenen und Gequälten überall und zu allen Zeiten

Sie sind es, die Gott auf ihrer Seite haben. Das ist der Kern der Botschaft vom Gottesknecht, dem unschuldig verurteilten. Zu allen Zeiten ist Gott die Stimme derer, die keine Lobby haben. Der Knecht Gottes ist ein Bild dafür, dass er sich auf die Seite der Unterdrückten und Entrechteten stellt. In jedem Folteropfer, in jedem Gequälten in den Gulags, Kzs und Quantanamos dieser Welt, ereignet sich ein Stück der Wirklichkeit des Gottesknechts.

Aber das ist nicht alles, was ihn kennzeichnet. Der Knecht Gottes wird hier so beschrieben, dass er mit seiner gesamten Existenz in Verbindung zu Gott steht. Deraus empfängt er die Kraft heilsam auf die Menschen in seiner Umgebung zu wirken – mit den Müden zur rechten Zeit zu reden – und zum Aushalten des eigenen leidvollen Schicksals.

Und dann ist da noch die Frage, wer das letzte Wort haben wird. Die Tage derer, die ihre Macht missbrauchen, derer, die sich selbstgefällig im eigenen Glanz sonnen, der Intrigenspinner und Hetzredner, der Seilschaftknüpfer, der Gesinnungsschnüffler und was es sonst noch Unschönes gibt, sind gezählt. Auch wenn sie anderen Angst machen und Terror ausüben. So mächtig sie jetzt erscheinen, so erschreckend ihr Tun sein mag. Sie werden vergehen, zerfallen wie Kleider, die die Motten fressen. Das ist ihr Schicksal, ihre Bestimmung, ihr selbst verantwortetes Los.

Jesus als Knecht Gottes

Sie haben ihn durch die Gassen Jerusalems geschleift. Sie haben ihn vor sich her gejagt. Sie haben ihn entwürdigt und sind selbst dabei würdelos geworden. Sie haben ihn entmenschlicht und sind selber zu Unmenschen geworden. Er war ihr Opfer. Sie wollten ihre Ruhe un dihren Vorteil und haben ihn über die Klinge springen lassen.

Gott war auf seiner Seite. Gott hat sich zu ihm gestellt, als sich alle distanziert hatten. Er hat überdauert. Er ist es. Er ist es, den wir brauchen, damit der Lauf der Welt eine andere Richtung nimmt. Heute mehr als je zuvor.

Amen

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