Vergebung und Rettung in / durch Jesu offene Arme

Liebe Schwestern und Brüder!

Kein Mensch will leiden und Jesus wollte auch nicht leiden.

Das erzählen die Evangelien und die darin überlieferten Passionsberichte. Jesus wollte – und bis heute gilt für uns alle-, dass der Kelch des Leids an einem selbst am besten vorübergeht.

Lieber beten wir für, hoffen auf und wünschen uns gegenseitig Gesundheit und Schmerzfreiheit: Hauptsache gesund! ist der angestrebte Götze, ist das Credo unseres inneren Wollen und Begehrens. Leid scheint absurd und passt uns nicht in den Kram. Lieber jung, munter und gesund als alt, gebrechlich und krank. Das ist verständlich.

Wie gesagt: Wer will schon leiden oder sinnlose Schmerzen aushalten?!

Insofern passt der Karfreitag, der das Leiden und Tod Jesu am Kreuz beschreibt und uns an das stellvertretende Leiden Gottes für uns erinnert, also an Jesu Opfer für die Leiden und Verbrechen , die wir Menschen uns gegenseitig zufügen,  nicht ins moderne Programm von Gesundheitsvorsorge, Fitness, Wellness und permanenter körperlicher Selbstoptimierung .

Karfreitag ist absolut aus der Mode.

Klage über Verluste, Erinnerung an traumatische Erfahrungen, beredtes Schweigen und ohnmächtige Stille  bei Angst und Sorge, ängstliche Konzentration auf unsere eigenen Schwächen, auf unsere inneren Schmerzen und heimlichen Leiden scheinen möglich. Aber nicht gerne gesehen. Und im Ernst:  wer beschäftigt sich schon gerne damit?

Ich will nicht leiden, Sie wollen nicht leiden und Jesus von Nazareth wollte letztendlich als Mensch auch nicht leiden.

Doch Jesus hat als Gottes Sohn gelitten und starb den Kreuzestod für uns, für unsere Sünden. So sagt es die theologische Theorie und auch in der religiösen Praxis gilt: dem gekreuzigten und erniedrigten Sohn Gottes kann ich meine Schmerzen, meine Sorgen, meine Ängste und mein Leid klagen. Er kennt mein Leid, er versteht die starken Schmerzen und die inneren Leiden der Menschheit. Seine weit ausgestreckten Arme sind die Arme der Erlösung, auch die der Erlösung vom Leid, von Schmerzen und dem qualvollen Tod. Insofern hatte Jesu Leiden schon immer einen pädagogischen oder seelsorgerlichen Grund und Nutzen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Diese für uns Christen so wichtige und für uns geschehene Geschichte erzählt jedes Kreuz, so wie dies schlichte Grabkreuz aus Holz hier, das ich in der Hand halte. Jedes christliche Kreuz erinnert uns in unnachahmlicher Weise an den Tod, an Leid und Trauer, an Jesu Ende und damit auch an das eigene Ende. Jedes Kreuz ist das realistische Symbol für menschliches Leid, für Schmerz, Angst und Verlassenheit. Vielleicht erfahren wir dadurch auch die Sinnlosigkeit  und Absurdität unserer Existenz.

Und obwohl wir dies ahnen, scheint dies doch für den modernen menschlichen Verstand schwer nachvollziehbar und für viele nicht mehr wichtig zu sein, weil das Leid, der Tod und die Trauer aus dem alltäglichen Leben ausgeblendet werden.

Wer will schon leiden und kränkeln angesichts makelloser Schönheit, die uns in den Medien vorgegaukelt wird?

Wer will schon leiden oder malade sein angesichts der vielen Tipps, die man jetzt im Frühling bekommt, um die volle Gesundheit und Vitalität zu entfalten?

Ja und wer will schon sterben?!

Wenn man das Problem auch noch lösen könnte!?

Dagegen verkündigt das Christentum seit 2000 Jahren: Jesus Christus erlöst uns vom Tod, erlöst dich und mich durch sein Leid und seine Erniedrigung.

Gott wird zum Opfer, wie der heutige Predigttext erzählt. Und Gott wird zu unserem Er-Löser, durch das Vergeben unserer Sünde. Gott befreit uns aus unseren sündigen Verstrickungen, aus unserer so sinnlos und absurd wirkenden Existenz. Wie gesagt: Daran erinnert uns jedes Kreuz; auch das eigene Kreuz, das wir leider tragen müssen und die Kreuzwege, die wir im Laufe unseres Lebens gehen müssen.

An der Botschaft vom Kreuz, also vom Leid und Tod des Gottessohnes für unsere Sünden, am Glauben an die Vergebung der Sünden durch Gottes Gnade trotz und gerade wegen aller menschlichen Bos- und Fehlerhaftigkeit, entscheidet und scheidet sich, ob ich der göttlichen Vergebung traue und folge oder mich abwende und andere Wege beschreite.

Hier unterm Kreuz steht und fällt der Glaube.

Am und durch das Kreuz steht und fällt der christliche Glaube. Das Kreuz ist zugleich Sieges- und Ohnmachtszeichen des Christentums und seines menschlichen Gottes. Hier vor dem Kreuz zeigen sich Niederlage und Sieg des Kreuzes. Und noch etwas ist anstrengend und eine Zumutung des christlichen Glaubens:

die Vergebung der Sünden und die durch das Kreuz des göttlichen Leids geschehene Erlösung waren nicht zum Nulltarif zu haben; sie ereignete sich durch das teure Blut und den Tod Jesu Christi. Er ist das Opfer, das ein für alle Mal von Gott für uns erbracht wurde, wie es im Predigttext heißt.

Daran, liebe Schwestern und Brüder, erinnern wir uns am heutigen Karfreitag in stiller und mit nachdenklicher Dankbarkeit. Für uns Protestanten ist und bleibt der Karfreitag ein wichtiger Feiertag;  der Tag, an dem wir in ganz besonderer Weise an das Sterben und den Tod des Jesus von Nazareth denken, der im Glauben zum Heilsbringer, Versöhner und Erlöser und Herr für uns Menschen wird und sein Leben eben nicht zum Nulltarif dahingab, sondern „der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels“, wie Martin Luther in der Auslegung des 2.Artikel des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus schrieb.

Das ist die eine Seite des Kreuzes.

Es gibt aber noch eine andere Seite.

Das Opfer, der Gekreuzigte, Jesus von Nazareth, der im Glauben zum Gottessohn, zum Herrn und Erlöser wird, repräsentiert und widerspiegelt noch eine andere Dimension der göttlichen Heilstat für uns. Sie lautet: Am und durch das Kreuz wird uns von Gott Erlösung und Befreiung von unserem menschlichen Übel zu gesprochen. Wer an Jesus, den Christus glaubt, wer Jesu Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen im Glauben fasst und ins Herzen dringen lässt, der weiß, dass Gott mit ihm geht. Der ist sich dessen sicher, der weiß, dass der Tod nicht das letzte Wort spricht. Wer das Kreuz als Sieges- und Heilszeichen und nicht bloß als Ohnmachtssymbol der nicht versiegenden Liebe Gottes versteht, der spürt und weiß um die seltsam anmutende Kraft, die vom Gekreuzigten ausgeht. Durch den Gekreuzigten steigt Stärke und Kraft in die Gläubigen. Das Kreuz entfaltet seine ganze göttliche Kraft und zieht mich, wenn ich mich unter das Kreuz stelle, quasi in den göttlichen Heilsbereich. Denn so wie aus dem Tod und dem Ende wieder ein neuer Anfang entsteht und wie aus der römischen Art der Hinrichtung das Erkennungszeichen und Symbol einer neuen Religion wurde, so empfangen diejenigen, die im Heilsbereich des Kreuzes bleiben Vergebung, Befreiung  und Erlösung von den irdischen Ängsten, Zweifeln, ja sogar Erlösung vom Tod.Das sind unsere Hoffnung und die Quintessenz unseres christlichen Glaubens. Und damit wurde das Kreuz zum Siegeszeichen des Christentums.

Und diese Seite des Kreuzes, dieser Glaube an den geopferten und  gekreuzigten Christus spiegelt die Verheißung des Hebräertextes wider, wo es heißt: 

So ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur  Rettung derer, die ihn erwarten.(Hebräer 9,28)

 Und wie geschehen das Heil und die Rettung derer, die ihn erwarten?

Durch Vergebung und die Annahme der Heilung und Rettung in meinem Leben „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Vergebung ist nicht nur eine Bitte Jesu, sondern göttliche Heilung für uns, für Sie und mich, Zuspruch von Gnade und Befreiung. Und Neuanfang im Angesicht von menschlicher Hilflosigkeit und menschlichem Scheitern.

Und wir spüren und hoffen immer wieder neu, dass der tägliche Tod, das alltägliche Absterben von Beziehungen, die Geschichte des persönlichen oder familiären Scheiterns im Blickwinkel der Botschaft des Gekreuzigten unter dem Aspekt der göttlichen Vergebung einen Neuanfang und eine andere Qualität bekommt. Wo Menschen aus Vergebung und gegenseitiger Vergebungsbereitschaft leben, da blitzt es dann auf, das bruchstückhafte und unter dem Kreuz stehende Reich Gottes. Und so zeigen uns die offenen Arme des Gekreuzigten und sein Wort von der Vergebung immer wieder neu, was Gott in Jesus Christus für uns, für Sie und für mich tut und wo wir im Leben stehen, gerade weil wir Christen wissen, dass diese Welt unfertig und unerlöst ist. Denn wir wissen häufig nicht, was wir tun.Und der Gekreuzigte, Jesus Christus, der Heiland, Erlöser, Gottessohn, Herr und Retter spricht zu uns, er nimmt uns in seine Arme, heilt uns mit seinen Wort, tröstet uns in unserem Schmerz, weil er diesen Schmerz kennt und weil er weiß, dass wir nicht wissen, was wir tun. Das bedeutet der Bund, den Gott mit Jesus Christus für uns geschlossen hat.

Vergebung, Rettung und Heilung! Das ist die Botschaft.

Vater vergib uns, denn wir wissen häufig nichts von deiner Botschaft, die uns so gut tut.      Amen

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