Neues Leben

Ostern ist erst einmal ein Datum im Kalender: 4 Tage frei. Außerdem ein Glaubensbekenntnis: Der Herr ist auferstanden. Zum Dritten eine Geschichte, die immer ein wenig daherkommt wie ein Märchen. Ostern will immer wieder neu kennengelernt werden. Ostern kann man nicht üben. Man muss es leben und erleben.

Wer wälzt uns den Stein von der Tür? Diese Frage aus dem Evangelium, das vorhin verlesen wurde, kann uns auf diesem Weg verfolgen. Wir spüren Verzweiflung, auch in unserem Leben. Wer wälzt uns die Fragen und die Zweifel von des Grabes Tür? Da haben sich Frauen auf den Weg gemacht und leben damit, dass dieser Weg sinn- und ziellos sein kann, dass sie womöglich vor verschlossenem Grab stehen bleiben müssen, dass ihre Trauer heute keinen Ort finden wird. Der Mut der Verzweiflung lässt sie weitergehen und dann erleben, sie was nicht nachvollziehbar nicht verstehbar ist, aber Inhalt des Glaubens ist. Das Grab ist leer, der Verstorbene nicht mehr zu greifen. Und das wirft sie in neue Verzweiflung, weil sie die Befreiung, die in dieser Botschaft liegt erst einmal nicht verstehen können.

Ganz wesentlich an Ostern bleibt die Befreiung. Von der erzählt ein Psalm aus vorösterlicher Zeit. Das Lied der Hanna. Es will uns helfen, die österliche Befreiung zu verstehen. Dieses Lied, das eine Frau singt, um ihre Befreiung auszudrücken, um Gott zu loben für das, was er an ihr getan hat.

Hanna hat in hohem Alter und unerwartet ein Kind bekommen – Gottes Antwort auf ihre Gebete, mit denen sie sich zum Teil lächerlich gemacht hat.

1 Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Horn ist erhöht in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. 2 Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. 6 Der Herr tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf. 7 Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. 8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche.

Wie gesagt: Ein Lied, dass einige Jahrhunderte älter ist als Ostern. Und das trotzdem schon von Paulus und anderen frühchristlichen Theologen österlich gesungen wurde. Weil hier eines der Grundgefühle von Ostern besungen wird.

Eine Frau ist von der Zuwendung Gottes völlig überwältigt. Das gleiche Lied könnten auch die Frauen am leeren Grab singen, wenn es ihnen nicht erst einmal die Kehle zuschnüren würde, dass sie nichts sehen außer dieser erschreckenden Leere. Da sind Frauen, die ihre Lebensgestaltung von Gottes Zuwendung abhängig gemacht habe. Und sie erfahren Befreiung.

Für Hanna ist das ganz deutlich. Diese Frau vor über 2,5 Jahrtausenden wird geliebt von ihrem Mann, aber geringgeschätzt von allen Anderen. Sie kann kein Kind bekommen, ist unfruchtbar. Ihre direkte Rivalin, die Nebenfrau ihres Mannes hat da kein Problem. Das verstärkt ihre Depression nur noch. Sie fühlt sich minderwertig, unbedeutend. Von den Menschen verachtet, von Gott verlassen. Und nun spürt sie, dass Gott ihr Gebet erhört hat und fühlt sich wie wiedergeboren und preist Gott.

Neues Leben wächst in ihr und sie spürt, dass für sie neues Leben beginnt.

So ähnlich geht es auch den Frauen am Grab: Sie gehen den Toten besuchen, wollen trauern und ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit einen Ort geben. Und an dieser düsteren Stelle erfahren sie etwas von neuem Leben. Damit können sie zuerst nicht umgehen. Sie müssen erst einfach damit losgehen, damit sich nach und nach die Blockade in ihrer Seele löst.

Wahrscheinlich ist es auch Hanna so gegangen, dass sie mit den ersten Anzeichen von Schwangerschaft nicht umgehen konnte. Aber dann hat sich irgendwann die Blockade gelöst und sie singt.  Voller Inbrunst und Leidenschaft von Gott und seiner Zuwendung.

Sie antwortet auf das Wunder ihrer Schwangerschaft, indem sie die Größe und Unverfügbarkeit Gottes preist. Es ist nicht selbstverständlich, dass alles geschieht, was ich will, dass es der Herrgott gut mit mir meint. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen  Zuwendung  und Liebe erleben. Hier geht es um den liebenden Gott, der ‚tötet und lebendig macht‘. Und sie spürt in sich das Leben, das er schenkt. Sie könnte auch, um es mit einem modernen Rockpoeten zu sagen, singen: Der Herrgott meint es gut mit mir.

Mit ihrem jubelnden Lied, stellt sie mir die Frage nach meinem Lebensstil. Wo bin ich dankbar für die vielen Befreiungen, die ich erfahre? Wo atme ich auf und genieße das Gute, das mir begegnet. Oder wo macht mich dieses Gute nur stiller, es könnte ja noch besser werden. Oder gehöre ich zu denen, die selbst an Ostern und Auferstehung noch einen Haken finden, denen nichts so gut sein kann, dass es nicht doch auch Probleme bereiten würde?

Dieses Problem, dass Frauen sich wertlos fühlen, weil sie keine Kinder bekommen, gibt es heute noch, aber vielleicht nicht mehr so oft. Aber das Problem, dass Menschen diskriminiert werden, weil sie irgendwelche Ansprüche und Normen nicht erfüllen, weil sie nicht so funktionieren, wie ihre Mitmenschen das erwarten, gibt es heute noch genauso. Und für diese Menschen ist Ostern ganz besonders da.

Ostern ist das Fest des Lebens, das Gott schenkt. Menschen dürfen durchatmen, dürfen neu beginnen in ihrem Leben. Sie dürfen Leben in seiner ganzen Fülle genießen – vor und nach dem Tod.

Tot sein heißt, fern von Gott sein. Dieser Tod kann einen auch mitten im Leben ereilen. Es ist dieser schreckliche Zustand, wo ich meine, ich hätte alles selber im Griff, mich auch. Und wenn ich dann merke, wie mich die Dinge im Griff haben und die Erwartungen, die andere an mich haben, dann fühl ich mich wie tot.

Jesus Christus ruft mich immer wieder ins Leben vor und nach dem Tod. Er zeigt mir neue Wege ins wirkliche Leben und er eröffnet mir Zukunft hinter allem, was Menschen sich vorstellen können.

Das ist Ostern und davon singt Hanna auch lange vor Ostern. Das erleben die Frauen, die zum Grab gehen und es leer vorfinden. Sie brauchen nur Zeit, das auch zu ergreifen.

Gott ist parteilich. Er ergreift Partei für das Leben in seiner ganzen Fülle, für Genuss und Wohlbefinden. Und wir dürfen das auch: Leben und anderen Mut machen, ihre Leben zu gestalten und zu genießen in aller Fülle. Weil er auferstanden ist, haben wir das Leben. Jetzt und in Ewigkeit.

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