Ein für alle mal – genug (Hebräer 9, 15.26b-28)

Ein für alle Mal – es ist genug!
Die Faust donnert laut und genauso hilflos auf die Tischplatte, so als könnte mit Gewalt dem Nachdruck verliehen werden, dass genug diskutiert, genug gestritten, genug verletzt wurde. Aber ohne Erfolg! So lassen sich Konflikte nicht lösen, nicht mit einem Machtwort, schon gar nicht auf Befehl und erst recht nicht, in dem einer/eine seine/ihre Sicht der Dinge durchdrückt. Der Streit geht weiter, er schwelt weiter. Selbst wenn für den Augenblick Ruhe einkehrt, wird er sich wie ein bösartiges Geschwür ausbreiten und die Seele vergiften – hoffentlich nicht ein für alle Mal!
Ein für alle Mal – es ist genug! Mehr konnte nicht mehr zwischen den Tränen in die Leere hinein geschluchzt werden. Das war zuviel in den letzten Wochen und Monaten: zu viele Kämpfe, zu viele Schmerzen, zu viele Verluste, zu viel Tod und zu wenig Hoffnung, zu viel Krankheit und zu wenig Heilung, zu viele Tränen und zu wenig Trost. Das soll Leben, das soll Gottesgeschenk oder gar Gott gefällig sein? Was für ein Gott ist das? Und dann jede Nacht die gleichen Bilder, die sich in die Träume schleichen, das Hochschrecken aus diesem unruhigen und überhaupt nicht erholsamen Schlaf; auch die öffentlichen gemachten Bilder von all dem Leid und Elend in der Welt, die immer wieder die eigenen Erfahrungen überlagern, überschatten und überbieten.So als ob im Großen das Kleine  mit stirbt, als ob das Leid der Welt nur die Verstetigung meines eigenen Leides ist: Hunger, Krieg, Gewalt, Folter, hoffnungslose Kinder, unversöhnte Machthaber mit ihren skrupellosen Interessen, Tränen, die keiner mehr trocknet, leere Blicke und Menschen, die keine Kraft mehr haben, für sich und ein besseres Morgen zu kämpfen – aus und vorbei, ein für alle Mal?
Ein für alle Mal – was geht uns das an ?
Jedes Jahr zum Karfreitag die gleiche Forderung: Wir wollen uns die gute Laune nicht verderben lassen. Wir leben, wir leben ohne Gott und religiöse Gefühle – und das eigentlich ganz gut.
Die Tage werden länger, die Temperaturen milder. Unruhe nach langem Winter macht sich breit. Jetzt geht es los. Wir wollen feiern, nicht trauern, wir leben, heute jedenfalls noch, was geht uns das Elend der Welt, die Verzagtheit dieser Betroffentheitskultur, gar die Leidensverliebtheit der Kreuzesverklärer an! Es ist genug – der Karfreitag gehört auch uns und dem Leben. Diese Stille, dieses Stillehalten, dieses Stillmachen ist nicht unser Lebensgefühl. Ein für alle Mal – verschont uns damit.
Und dennoch: Jahr für Jahr kommen wir nicht dran vorbei:
Der eine Tod ist geschehen, gewaltsam am Kreuz. Inmitten derer, die schuldig geworden sind an sich und anderen, stirbt einer, an dem keine Schuld zu finden war, schon gar keine Schuld, die den Tod verdient hätte. Davor kann ich nicht die Augen verschließen, dass in dieser Welt gelitten und gestorben wird und dass sich dahinter kein Prinzip verbirgt, es im Tod, besonders im gewaltsamen, qualvollen und zur falschen Zeit erlittenen Tod keine letzte Gerechtigkeit gibt. Welch Egoismus und welch Zynismus, wenn ich es nicht mehr aushalte, für diesen einen Augenblick zu verstummen und still zu stehen, um Gott mein Leid, meine Verzweiflung und meine Fragen zu klagen. Ein für alle Mal wollen sie ausgesprochen, ihm vor die Füße, besser noch ihm aufs Herz gelegt werden, damit er antworten, damit er mir begegnen, damit er mir inmitten meiner Verzweiflung Hoffnung geben kann.
Das Elend, das mir oft die Freude am Leben so gründlich verdirbt, kann doch nicht Gottes letztes Wort und des Lebens letzte Wahrheit sein, der Streit kann doch nicht der einzige Weg sein, der uns noch einfällt, die Konflikte und die Schuld, die dabei so offensichtlich und so öffentlich zu Tage treten, können doch nicht die einzige Wirklichkeit sein, die am Ende zählt.

Ein für alle Mal, es ist genug. Denn das Kreuz ist aufgerichtet. Schuld, Streit, Elend, Verzweiflung, Tränen, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit sind in ihre Schranken gewiesen, einem vor die Füße geworfen, nein: mit ihm ans Kreuz geheftet worden.
Gott, da hast du, was mich nicht leben lässt.
Gott, da bist du, wo mir so vieles die Luft zum Atmen raubt.
Es ist genug, ein für alle Mal.
Du bist genug, ein für alle Mal:
genug für mich und für die ganze Welt.
Du bist mein Gott mitten im Elend, unter all den Tränen, in all dem Streit.
Du bist Versöhnung,
du bist Vergebung,
du bist der Ausweg,
du bist die ausgestreckte Hand, nicht die geballte Faust,
du bist die ausgestreckten, liebevollen Arme, die selbst in dem Augenblick noch halten, mich umarmen, wo sie den Sterbenden am Kreuz nicht mehr tragen können.
Es ist genug gelitten – ein für alle mal – mit dir am Kreuz, dass muss um deinetwillen nicht mehr ewig so weitergehen.
Wenn wir doch nur innehalten, stillwerden, diese Einsicht zulassen würden, für einen Augenblick, in dem wir es Karfreitag sein lassen auch zur Erinnerung an alle, die im Tod sind und im Tod bleiben, um dann eben wirklich ernst zu machen mit dem göttlichen „nie wieder“:
– nie wieder Streit mit der Faust auf den Tisch beenden
– nie wieder Frieden ohne Versöhnung erzwingen zu wollen
– nie wieder sich an den Hunger so vieler zu gewöhnen, während einige übersatt sind.
– nie wieder Schuld bei anderen suchen, ohne eigene Fehler einzugestehen.
– nie wieder das Leid unzähliger ignorieren, nur weil ich mich heute am Leben freuen kann.
– nie wieder in Kauf nehmen, dass so viele Ihr Leben einsetzen, opfern, verlieren müssen: um Geiseln zu befreien, Terror zu verhindern, zügellos dem Konsum zu frönen, die Erde auszubeuten und das Klima vergiften zu können.
– nie wieder die Opfer beklagen, die unsere Lebensweise nun einmal mit sich bringt, ohne einzugestehen, dass ich es in der Hand habe zu verändern.
– aber auch nie wieder die allein lassen, die ohne eigenes Verschulden, ohne Sinn vor den Abgründen ihres Lebens stehen und es mit der Angst zu tun bekommen, verzweifelt nach Gott fragen und als letzten Rettungsanker vielleicht nur noch das Kreuz in den Händen halten, weil sie sich so der Gegenwart Gottes versichern wollen, der nicht darauf angewiesen ist, dass einer am Kreuz hängt, der aber die mit dem Kreuz im Leben nicht allein lassen und allein in Verzweiflung leben und sterben lassen wollte.
Der eine Tod des Gottessohnes am Kreuz ist der eine Tod, der unser Leben ein für alle Mal zu durchkreuzen scheint. Es ist der eine Tod des Unschuldigen unter Schuldigen, der alles Versagen und alles Unterlassen, allen Zorn und allen brutalen und realen Hass mit in den Tod reißt.
Das Kreuz ist schon das Gericht über alle Unmenschlichkeit und alle Ungerechtigkeit, die wir Tag für Tag beklagen.
Darüber hat Gott längst sein Urteil gesprochen. Der Karfreitag ist der Tag der Urteilsverkündung: Eine solche lieblose und unversöhnte Welt kann nicht auf Dauer und ewig die Welt nach seinem Willen sein. Sie gehört mit ans Kreuz genagelt, ein für alle mal und endgültig. Etwas neues erhebt sich aus den Tiefen des Todes. as Licht einer anderen Wirklichkeit zeigt sich zaghaft inmitten der Dunkelheit. Wir warten und leben darauf hin. Sie wird kommen. Ein für alle Mal und dann ist es genug, genug Heil und genug Leben für alle, weil Gott es so will. Amen

drucken