Nie mehr Opfer! zu Hebräer 9

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

heute am Karfreitag denken wir an das Sterben Jesu. Wir tun heute das, was Generationen vor uns getan haben. Wir versuchen den Tod Jesu im Rahmen der biblischen Tradition zu deuten. Wir versuchen zu verstehen, welche Bedeutung der Tod Jesu für uns heute hat. Wir tun dies auf der Grundlage eines sehr alten Textes, der aus einer Zeit stammt als die Vorstellung wie die Welt funktioniert ganz anders war als heute. Ich lese aus dem Brief an die Hebräer Kapitel 9

 

Hebräer 9

15 Deshalb ist Christus auch

der Vermittler eines neuen Bundes.

Der Eintritt seines Todes bedeutet für uns

die Erlösung von den Übertretungen

aus der Zeit des ersten Bundes.

Dadurch können alle, die berufen sind,

das versprochene ewige Erbe erhalten.

25 Er ist auch nicht hineingegangen,

um sich selbst immer wieder als Opfer darzubringen –

so wie der irdische Oberste Priester

jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht.

26 Sonst hätte Christus seit der Erschaffung der Welt

immer wieder leiden müssen.

Nein, jetzt, am Ende der Zeiten,

ist er ein einziges Mal erschienen.

Und durch sein Opfer hat er die Sünde aufgehoben.

27 Bei den Menschen ist es ja ähnlich:

Sie müssen nur einmal sterben

und kommen dann vor das Gericht.

28 Genauso wurde auch Christus

nur einmal als Opfer dargebracht,

um die Schuld der Vielen wegzunehmen.

Wenn er das zweite Mal erscheint,

geschieht das nicht wegen der Sünde.

Sondern es geschieht,

um alle zu retten,

die auf ihn warten.

 

Der Hebräerbrief denkt priesterlich. Das können wir heute gar nicht mehr. Hinter diesem Brief steht eine Vorstellungswelt, die davon ausgeht, dass das Handeln von Priestern am Tempel die Welt in Ordnung hält. Diese Idee ist für uns sehr fern. Priester hatten damals die Aufgabe für die Reinigung der Gemeinschaft zu sorgen. Wenn Menschen Schuld auf sich laden, dann schädigen sie die Gemeinschaft. Sie bringen die Gemeinschaft aus dem Gleichgewicht. Da man damals keine effektive Polizei hatte, konnte man das Problem nicht individuell lösen, indem man die Schuldigen verhaftet und bestraft. Also musste es allgemein gelöst werden. Und dafür war der Tempel zuständig. Die Priester haben ein Tier geopfert als Sühnofper und damit die Gemeinschaft von der Schuld befreit und sie wieder ins Gleichgewicht gebracht.

Dieses Denken greift der Hebräerbrief auf und deutet damit den Tod Jesu. Er sagt: Jesus hat sich als der wahre Hohepriester selbst geopfert und damit ein für alle Mal die Gemeinschaft von jeder Schuld befreit und die Welt wieder ins Gleichgewicht gebracht. Seit Jesus das für uns getan hat, ist das Problem der Schuld, die die Gemeinschaft verseucht, ein für alle Mal gelöst worden. Dieses Opfer war einmalig, es ist für immer wirksam und es  muss nicht wiederholt werden. Tempelkult, Opfer, Sühne, das wird alles nicht mehr gebraucht. Jesus hat ein für alle Mal die Welt in Ordnung gebracht. Nie mehr Opfer! ist die im damaligen Weltbild neue und ungewöhnliche Aussage des Hebräerbriefes. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört. Und wir brauchen keinen Tempel mehr.

Und damit können wir auch heute etwas anfangen, finde ich. Jesus hat mit seinem Opfer endgültig alle Opfer abgeschafft. Das ist ein Gedanke, der auch heute noch in unsere Welt passt. Dieser Gedanke passt zu unserem vernünftigen Weltbild heute sehr gut. Nie mehr Opfer!

 

Stellen Sie sich eine Welt vor in der es keine Kriegsopfer mehr gibt, keine Opfer von Straftaten, keine Eltern mehr, die ihre Kinder ihren eigenen seelischen Bedürfnissen opfern, keine kleinen Mädchen und Jungen, die den sexuellen Bedürfnissen von reichen Männern geopfert werden. Niemand muss sich für sein Land opfern. Niemand muss sich für seine Familie opfern. Niemand wird von irgendjemandem zum Opfer gemacht. Es gibt kein Mobbing mehr und keine Zwangsehen. Es wird auch niemand mehr für den Profit von großen Firmen geopfert. Die Umwelt wird geschützt, die Arbeitenden haben gute Arbeitsbedingungen. Niemand muss mehr hungern, weil die Nahrungsmittel gerecht verteilt werden. Es ist endgültig Schluss mit Opfern. Wer würde nicht gerne in einer Welt leben, in der es keine Opfer mehr gibt.

Der Hebräerbrief sagt: Jesus Christus hat mit seinem letzten und endgültigen Opfer am Kreuz eine Welt hergestellt, die keine Opfer mehr braucht. Er hat die Welt endgültig ins Gleichgewicht gebracht und alle Schuld beseitigt. Es ist jetzt mit der Welt alles in Ordnung.

Na ja, können sie jetzt sagen, der Verfasser des Hebräerbriefes hatte ja noch kein Fernsehen. Er konnte nicht die Nachrichten einschalten und dann feststellen, dass die Welt keineswegs in Ordnung ist und überall auf der Welt, Menschen geopfert werden, damit andere Menschen mehr Geld verdienen oder ihre anderen Bedürfnisse befriedigen können.

Das stimmt. Aber die Welt damals war sehr viel brutaler als die Welt heute. Der Verfasser des Hebräerbriefes musste  nur vor die Tür gehen, um zu sehen, dass die Welt nicht in Ordnung ist, und dass immer noch die ganze Zeit Menschen geopfert werden. Das konnte er gar nicht übersehen. Also, wieso kann er behaupten, dass der Tod Jesu ein für alle Mal alle Opfer beendet hat und alle Schuld aus der Welt geschafft hat?

Unser Text sagt dazu: Jesus Christus ist der Vermittler des neuen Bundes. Und wenn wir in diesen neuen Bund mit Gott eintreten, dann treten wir in die neue Welt ein, die ohne Opfer auskommt. In dieser neuen Welt wird mit Schuld anders umgegangen als in der alten Welt. Ja, auch in der neuen Welt machen wir Fehler. Auch in der neuen Welt gibt es böse Handlungen. Aber wir machen nicht mehr andere für unsere Fehler verantwortlich. Wir blicken auf das Leiden und des Tod Jesu und sagen uns: Nein, keine Opfer mehr. Ich will das nicht mehr tun. Ich will meine Fehler nicht mehr auf andere abschieben. Ich sehe es ein: Das habe ich falsch gemacht. Es tut mir leid, ich entschuldige mich dafür. Ich bitte um Vergebung bei den Menschen, denen ich das angetan habe. Ich bitte Gott um Vergebung. Und ich fange wieder  neu an. Denn Jesus Christus hat meine Schuld endgültig beseitigt. Sie darf mich nicht mehr verfolgen. Ich bekomme eine zweite Chance. Jeder bekommt eine zweite und dritte und vierte Chance, wenn er in den neuen Bund eintritt und mit Jesus Christus zusammen sich nach einer Welt sehnt, in der es keine Opfer mehr geben muss. Das ist eine Welt, in der nicht nur ich eine zweite und dritte und vierte Chance bekomme. Ich bin auch verpflichtet allen anderen in dieser neuen Welt eine zweite und dritte und vierte Chance zu gewähren. Der neue Bund mit Gott, den Jesus  vermittelt hat, der ohne weitere Opfer auskommt, ist kein einfaches Leben. Denn es ist schwer, sich selbst nicht zu opfern und andere nicht zu opfern. Die eigenen Fehler einzusehen und die der anderen zu vergeben, das ist nicht leicht.

Aber es geht nur so, sagt der Hebräerbrief: Wir treten in den neuen Bund mit Gott ein, den Jesus Christus vermittelt hat. Dadurch werden wir erlöst von aller unserer Schuld. Dann erhalten wir unser ewiges Erbe, für das wir bestimmt sind. Und dann leben wir in diesem neuen Bund.  Und das hat zur Folge, dass wir anders mit den Fehlern der anderen und mit unseren eigenen Fehlern umgehen. Wir sehen unsere Fehler. Wir bitten um Vergebung und wir vergeben anderen. Und wenn alle das machen, dann braucht niemand mehr Opfer. Das Opfer Jesu ist ein für alle Mal geschehen und wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der es keine Opfer mehr gibt. Das ist das Ziel und die Hoffnung. Der Weg ist noch weit. Aber jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben.

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