Dass unsere Sinnen wir noch brauchen können… (Jesaja 50, 4-9)

Nicht nur mit dem Verstand, sondern mit allen Sinnen glaube ich.

„Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können/ und Händ und Füße, Zung und Lippen regen,/das haben wir zu danken seinem Segen./ Lobet den Herren!“ singe und bete ich! Der Palmsonntag in Jerusalem wird ein Fest für alle Sinne gewesen sein: fröhliche, ausgelassen feiernde, begeisternde Menschen auf den Straßen. Freude kann anstecken. Kummer und Trauer übrigens auch. Hass wohl ebenso, wenn er sich im Herzen einiger erst einmal eingenistet hat und andere sich wegen der Ansteckungsgefahr nicht ausreichend vorsehen…Passionsgeschichte und Gegenwart erzählen ihr je eigenes Lied davon. Der Predigttext allerdings kreist heute um die Sinne, die Gott bei Jüngern und Jüngerinnen, und bei Jungen und Alten schärft, nämlich die Zunge und das Ohr: Jesaja 50,4-9 deswegen heute ein wenig Biologie… Die Zunge ist beim Sprechen unverzichtbar. Viele Laute, aber auch Pfeifen, können ohne Zunge nicht erzeugt werden. Sie ist zudem das Organ, welches das Schmecken ermöglicht. Wir alle kennen Menschen, die eine ziemlich lose Zunge haben. Sie reden gerne und viel. Sie reden nicht immer mit Sinn und Verstand. Vor allem haben sie keine wirkliche Kontrolle über das, was sie sagen. Aber weil die Zunge vor allem als Hauptsprechorgan angesehen wurde, bestrafte man in der Antike Widerrede wie Majestätsbeleidigunng, Verleumdung, Verrat, Meineid, aber auch Gotteslästerung mit Verstümmelung oder Abschneiden/Herausreißen der Zunge.
Manchmal möchten wir Menschen gerne zum Verstummen bringen, wir wünschen uns, dass sie ihre Zunge im Zaum halten, wir suchen nach Worten, dann liegen sie uns auf der Zunge, aber sie wollen sich einfach nicht einstellen und die lockere Zunge ist manchem schon zum Verhängnis geworden. Manchmal will sie aber auch erst gelockert werden. Es gibt gehemmte Menschen, die können in der Gegenwart vieler und öffentlich nicht reden. Alkohol wird die Wirkung nachgesagt, die Zunge zu lockern, weil er Hemmungen abbaut. Betrunkene sind manchmal brutal ehrlich und sagen Dinge, die sie sonst nie aussprechen würden. Vielleicht heißt es deshalb ja, dass im Wein die Wahrheit liege!
Natürlich gibt es nonverbale Kommunikation. Ich kann mit meiner Körperhaltung, mit meiner Mimik, mit Gesten oder Handzeichen Botschaften weitersagen. Ich kann mit einer Umarmung trösten, mit einem Kuss Zuneigung signalisieren. In meinen Augen oder meinem Gesicht lassen sich Schmerzen, Trauer oder Freude ablesen, ich kann Zustimmung mit einem Nicken und Verweigerung mit einem Kopfschütteln signalisieren. Aber Sprachlosigkeit bleibt eine schmerzhafte Erfahrung und Lebenseinschränkung. Sprachlosigkeit grenzt aus, weil ich eben nicht problemlos mitreden kann, sondern mit Hilfssystemen extra eingebunden werden muss. Die Gebärdensprache bedient sich der Gestik, Gesichtsmimik, lautlos gesprochener Wörtern und der Körperhaltung.
Im Normalfall erlernen wir die Sprache über das Gehör, womit wir dann beim Ohr wären. Kinder nehmen am Anfang eine Art Sprachbrei wahr. Sie können Lautgruppen, Silben oder Wörter noch nicht auseinanderhalten. Sie probieren aus, sie üben, sie verknüpfen. So wie sie mit Händen und Füssen Bewegungen zu koordinieren üben, wenn sie greifen oder Strampeln, so lernen sie schnell ihre Schreie variieren, dann folgen Laute, die entwickelt werden, Zunge, Kehlkopf, Lippen, später Zähne werden benutzt, um die Laute und Silben zu variieren. Kinder lernen aber nicht nur durch Hören, sondern auch durch Hinschauen. Aber man kann es lernen, von den Lippen zu lesen. Dazu muss der Redende sich dem Lesenden oder Hörenden zuwenden.
Das Ohr ist ein Sinnesorgan, dass auf ganz eigene Weise auch noch einmal die Welt erschließt. Es sind nicht nur Fledermäuse, bei denen das Gehör die Augen weitgehend ersetzt hat. Blinde können tastend und hörend erstaunlich viel von ihrer Umgebung wahrnehmen und begreifen. Wir sind ständig von Geräuschen umgeben. Wir nehmen sie nicht immer wahr, auch weil wir uns schützen und abschirmen. Die Masse der Geräusche, die auf uns einstürmen, wächst ständig. Städte sind Orte des Dauerlärms. Aber ein Leben ohne Gehör stellt vor enorme Herausforderungen. Es ist deutlich schwieriger mit den Mitmenschen eine Form der Kommunikation zu entwickeln, Sprache zu erlernen, eine Vorstellung von Dingen und Begriffen zu entwickeln, wenn ich nicht über das Hören sprechen und verstehen lerne. Vielleicht erinnern sich manche an den großartigen Film „Jenseits der Stille“, der vom Leben einer gehörlosen Frau und ihrer Familie, von der Liebe in ihrem Leben, von den Träumen und von der Musik erzählt.
Auf der Gegenseite ist Stille nur schwer auszuhalten. Um Stimmen um sich zu haben, lassen viele Alleinstehende oder Einsame Fernsehen oder Radio laufen. Absolute Stille kann sich kaum einer vorstellen. Sprachlich ist der Gegensatz zu Lärm die Totenstille, die Abwesenheit von Leben also.
Wonach wir uns manchmal sehnen ist die Stille im Sinne einer ruhigen Umgebung. Sie hilft ,sich zu konzentrieren, steigert die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden und unterstützt auch religiöse Empfindungen in der Meditation oder bei Schweigeübungen.
Die Stille vor dem Sturm kann Vorahnungen auf (böse) Ereignisse symbolisieren.
Allein, um das zu begreifen, lohnt dieser Sonntag:
Gott hat mir eine Zunge gegeben. Ich rede.
Gott hat mir ein Ohr gegeben, er weckt mir das Ohr, ich höre.
Ich kann meinen Platz im Leben und in der Welt finden, ich kann mich in Beziehung zur ihr setzen, ich kann in Kontakt treten.
Dazu die Zunge eines Jüngers, einer Jüngerin, das Ohr eines Jüngers, einer Jüngerin…
Ich rede mit Gott im Gebet und im Lied, so wie wir heute den Tag miteinander begonnen haben. Ich versuche hinzuhören, ob ich in, mit und unter den Texten der Bibel nicht nur fremde und alte Erfahrungen wahrnehmen, sondern Gottes Stimme hören und an mich heranlassen kann. Ich glaube der „viva vox evangelii“, der lebendigen Stimme des Evangeliums, bin auf Empfang, hoffe auf wache und offene Ohren, um zu hören und zu begreifen.
Das ist nicht immer einfach, weil die uns Worte schon so vertraut und bekannt sind. Höre ich immer die gleiche Leier, schalte ich irgendwann auf Durchzug, so wie Mann und Frau, oder Eltern und Kinder die sich ständig wiederholenden Erwartungen, Ermahnungen und Vorwürfe nicht mehr hören mögen und am Redenden vorbeischauen und weghören.
Manchmal passiert es dennoch, dass ich ganz vertrautes völlig überraschend neu hören und vernehmen kann. Da gehört sehr genaues Hinschauen und Hinhören dazu, die Bereitschaft nicht gleich alles schon zu wissen, sondern alles in Frage stellen zu lassen, mich eingeschlossen. Das ist dann ein Wunder gelungener Kommunikation. Ich habe Gott schon gehört, vielleicht mehr mit dem Herzen als mit den Ohren, aber manchmal auch da, wo die Zunge eines einzelnen zur rechten Zeit das rechte Wort zu sprechen wusste. Gott spricht so und oft dann auch nicht anders. Gott macht die Zunge locker und weckt das Ohr (Jesaja 50, 4.5). Aber achtet auf die nun lose Zunge. Auch die Zwiesprache des frommen Gemütes mit Gott ist nicht Selbstzweck, die einsame Klosterzelle ist für den Frommen nicht alternativlos. Gott weckt Zunge und Ohr für eine ganz andere Beziehung. Es sind die Müden, um die es geht und die Worte, die sie zu ihrer Zeit brauchen, um angesprochen, aufgerichtet, getröstet und somit ernst genommen zu werden. Alle Kommunikation zielt auf ihren Trost und ihre Zeit ab.
Eine Pfarrerin erzählt von ihrer Beichtpraxis:
„In der Beichte sind wir nur Ohrenzeugen, wir dürfen und wir sollen das Gebeichtete Gott überlassen und müssen es nicht bei uns aufbewahren. Alles was in der Beichte ausgesprochen wird, darfst du in der Kirche zurücklassen.“
„Im Anschluss an die Beichte entzünde ich eine Kerze und wir nehmen uns etwas Zeit für diese Zäsur zwischen Abschluss und Neubeginn. Gern gebe ich zu dieser Kerze ein Bibelwort oder einen Liedvers mit auf den Weg.“ Genau darum kann es gehen. Was für ein Wort, dass über meine Lippen gehen und über mein Ohr auch mein Herz berühren darf: dir sind deine Sünden vergeben!
Wir sollten in der beginnenden Karwoche in die Hör- und Redeschule Jesu gehen: egal wie schmerzhaft, qualvoll und tragisch die Folgen seiner Kompromisslosigkeit und Unbedingtheit, somit seiner Gottesbeziehung und Menschenorientierung am Ende für ihn waren, selbst am Kreuz blieb er derjenige, der Augen und Ohren für die Nöte der anderen hatte und Trostworte gesprochen hat. Die Evangelien erzählen von einem der Verbrecher, der Jesus in der Stunde des Todes traut und ihm im Tod um der Ewigkeit willen vertraut. Oder sie erzählen von der Sorge und Fürsorge der Mutter und dem Freund Johannes gegenüber oder von seiner grenzenlosen Liebe zu den Tätern und Gaffern, für die er Gott um Vergebung bittet, weil sie ja nicht wissen (können oder wollen), was sie tun.
Und das gilt selbstverständlich alles auch mir in meiner eigenen Müdigkeit und Trostbedürftigkeit. Deswegen kann die wache Zunge nicht ohne das offene Ohr sein. Ich kann nur weitersagen, was mich erreicht hat und trifft, ich kann nur trösten mit dem Trost, der auch mich trägt.
Ich wünsche uns, dass wir im Lärm der kommenden Tage, auch im Lärm der Schreie, die heute noch nach Hosianna klingen, morgen aber schon nach dem Kreuz rufen, die leisen Töne nicht überhören, mit denen wir getröstet werden und trösten. Ich wünsche uns Jüngerohren und Jüngerzungen. Amen

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