Gottes Nähe

Die Gnade Jesu Christi
Und die Liebe Gottes
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
Sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,
wie sind Sie heute Morgen aufgewacht?
Entspannt? Erwartungsfroh?
Oder hat Sie der Wecker aus Träumen gerissen – eine Stunde früher als gewohnt, weil heute Nacht die Uhren umgestellt wurden?
Und: Wer weckt Sie auf?
Besagter Wecker? Der Ehepartner? Das Klopfen der Heizung oder das Gurgeln der Wasserleitung? Nachbars Hund oder das Zwitschern der Vögel – oder ein Motor, der auf der Straße angelassen wird?
Unser Predigttext handelt von einem Menschen, der jeden Morgen von Gott geweckt und beauftragt wird. Wir lesen im Buch des Propheten Jesaja im AT:
Predigttext Jes 50, 4-9 verlesen

Gott ist dem namenlosen Menschen nahe, ganz nahe.
‚Er weckt mir selbst das Ohr’, heißt es da. ‚Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre wie ein Jünger hört.’
Gott ist ganz nah und ganz verläßlich.
Ich wünsche mir, daß auch ich Gott öfter so erlebte. Daß ich erwachte und mir der Gegenwart Gottes ganz gewiß wäre. Ich wünschte mir, daß Gott mir so nahe ist wie meine Bettdecke oder mein Kopfkissen.
Wenn ich morgens aufstehe, schiebe ich als erstes die Gardinen etwas beiseite, um zu sehen, was für Wetter draußen ist: sonnig, neblig oder bewölkt? Oder gar noch einmal Schnee?
Mit Gott ist es oft ähnlich: ich muß erst aufstehen, muß etwas beiseite räumen, um der Gegenwart Gottes gewahr zu werden. An den meisten Morgen scheint Gott nicht unmittelbar da zu sein.

Gott ist dem namenlosen Menschen nahe, ganz nahe, ganz unmittelbar.
‚Er hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden’
Gott ist ihm nicht nur nahe. Gott hat ihn auch begabt und beauftragt. Auch dabei kommt Gott ihm ganz nahe. Zur rechten Zeit reden. Zur rechten Zeit schweigen. Das ist eine Gabe.
Zur rechten Zeit reden. Die richtigen Worte finden, die neues Leben geben, die ermutigen und stärken.
Was sagt man den Mutlosen, den Traurigen, den Verzweifelten?
Ein Mensch, dem Gott das Ohr geöffnet hat, als erstes am Morgen, und dann jeden Morgen wieder, solch ein Mensch weiß das. Ein Mensch, dem Gott eine Zunge gibt wie ein Jünger sie hat, kann das. Ein Jünger kann das Gehörte, gerade erst Erfahrene und Erlernte aussprechen und weitersagen, gerade denen, die es am dringensten hören müssen.
Eine Überforderung? Nein, denn der Mensch ist begabt. Seine Bindung an Gott gibt Kraft. Deshalb sagt er: ‚Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.’

Gott ist dem namenlosen Menschen nahe, ganz nahe.
Die Nähe Gottes bewahrt nicht vor Leiden. Die Nähe Gottes bewahrt nicht vor Verfolgung, Demütigung, ja Haß und Gewalt.
Doch der Mensch, der Gott so nahe weiß, so verläßlich, so gegenwärtig, dieser Mensch steckt nicht zurück. Er versteckt sich nicht, er schweigt nicht. Er bleibt beharrlich, bleibt in seiner Spur.
Bewundern wir diesen Menschen? Oder ist er uns ein bißchen unheimlich? Die Grenze zwischen Glaubensstärke und blindem Fanatismus ist schmal. Der Grad zwischen tiefem Gottvertrauen und verweigerndem Fundamentalismus ist eng.
Dieser Mensch, der Jünger Gottes, leidet an dem Widerstand, der ihm begegnet.
Seltsam, er klagt nicht. Er läßt sich nicht irre machen. Er beginnt nicht zu zweifeln an der Nähe Gottes. Er sieht sich nicht als passives Opfer seiner Peiniger. Er bleibt handelndes Subjekt.
Wie halten Sie unverschuldetes Leiden aus? Erleben Sie sich als Opfer, dem Unrecht widerfährt, das duldet, das leidet, d.h. passiv ist? Oder nehmen Sie trotz allem eine aktive Grundhaltung ein?
Was gibt Ihnen Halt und Stärke?
Gott ist dem namenlosen Menschen nahe, ganz nahe. Er ist sich gewiß, daß Gott nahe ist, und daß Gott ihn gerecht spricht.
So kann er seine Widersacher herausfordern. ‚Wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen?’
Wer spricht Sie gerecht, wenn Sie herausgefordert, wenn Sie angeklagt werden?
Ein Studienfreund sagte oft: „Du mußt Dich nicht rechtfertigen. Du bist schon gerechtfertigt – von Gott.“
Können Sie das nachvollziehen? Können Sie sich das zusprechen? Können Sie daraus leben? Oder klingt das zu rechthaberisch?

In dem Menschen, dem Jünger, der uns in unserm Predigttext begegnet, haben Christinnen und Christen schon früh Christus wiedererkannt. Es ist, als ob Jesus Christus, sein Lebens- und Leidensweg schon in diesen alten Worten aufleuchtet.
‚Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.’
Klingt das nicht wie eine Vorschau seines Gebets im Garten Gethsemane – kurz vor seiner Verhaftung: ‚ Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.’ (Lk 22,42b)?

Und tatsächlich, wie – wenn nicht in der Nähe zu Gott und dem daraus folgenden Gehorsam – können wir verstehen, daß Jesus sein Leben lebte und durch Verrat, Anklage und Verurteilung ging, ohne sich zu wehren, ohne wegzulaufen, ohne aufzubegehren?
Woher sollte Jesus die Kraft nehmen, Verspottung, Leiden und Sterben auf sich zu nehmen, wenn nicht daraus, daß er sie freiwillig auf sich nehmen konnte, weil er sich dennoch getragen wußte von Gott, der ihm ganz nahe ist?

Gott ist dem namenlosen Menschen, der uns in unserm Predigttext begegnet, nahe, ganz nahe.
Nach dieser Nähe Gottes sehne ich mich oft. Und so geht es wohl auch andern Menschen.
Nach dieser Nähe Gottes sehne ich mich besonders, wenn mir das Wasser zum Halse steht. Manchmal spüre ich dann Gottes Nähe. Gott ist dann so nahe ist wie die Bettdecke oder mein Kopfkissen, wenn ich am Morgen erwache. Gott ist da wie eine Umarmung. Dann finde ich mich in den Aussagen unseres Predigttextes wieder.
Doch manchmal spüre ich Gott auch gar nicht, wenn ich ihn am nötigsten brauche. Gottes Abwesenheit ist schmerzhaft. Ich fühle mich ungeborgen. Dann helfen mir Jesajas Worte nicht weiter. Dann sind sie nicht Trost, sondern klingen fast wie Hohn.

Was trägt dann?

Wenn meine Not so groß ist und Gott so fern scheint, dann tragen mich die Worte Jesu am Kreuz: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’ (Mt 27, 46 par Mk 15, 34)
In meiner Gottverlassenheit ist mir doch Jesus nahe, der – viel mehr als ich – darunter gelitten hat. Jesus am Kreuz, dem Gott letztlich doch nahe war, näher als das Hemd.

Zuletzt einige Zeilen von Rudolf Otto Wiemer:
Das Wort.
Keins seiner Worte
glaubte ich, hätte er nicht
geschrien: Gott warum
hast du mich verlassen.

Amen

Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinnen
in Christus Jesus.

Predigtlied: Ich möchte Glauben haben

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