Ein einzigartiger Tod

Das Kreuz an sich hat schon etwas Faszinierendes: Wenn man einen evangelischen Kirchraum betritt, fällt einem meist als erstes das Kreuz ins Auge, jenes Mahnmal des Leidens und Sterbens Jesu Christi, jenes Mal, das uns erinnert, wie viel wir Gott wert sind, und was er bereit ist, für uns zu riskieren. Dieses Denkmal, das uns auch erinnert, was Menschen zu allen Zeiten bereit sind, Menschen anzutun. Ein Folter- und Mordinstrument, das gleichzeitig für viele Menschen Zeichen des Heils geworden ist.

Tatsächlich stellt uns das Kreuz Fragen, die wir noch nicht beantwortet haben, deren Antworten wir uns vielleicht ein Leben lang nur annähern können. Das versucht auch ein uns unbekannter Schreiber im Brief an die Hebräer:

15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

In diesem Abschnitt ist zwar nicht einmal vom Kreuz die Rede, aber immer wieder hören wir die Botschaft: das Kreuz ist entscheidend für die Menschen. Es verändert ihre Existenz. Am Kreuz zeigt sich, was der Bund Gottes mit den Menschen bedeutet.

Der Bund mit Gott, das ist schon ein Bild aus dem Alten Testament. Gott hat sich aus freien Stücken dem Volk Israel zugewandt und es auch in schwierigen Zeiten bewahrt und ihm die Treue gehalten, auch als es treulos wurde.

Und so sieht auch unser Schreiber, der wohl eine jüdische Vergangenheit hat, die Geschichte mit Jesus Christus nicht in Konkurrenz zum Bund Gottes mit seinem Volk. Eher als Ergänzung und Erweiterung.

Er sieht seinen Glauben an Jesus Christus in Konsequenz zum Bund Gottes mit seinem Volk, der sich in der Gabe der 10 Gebote manifestiert. Gott offenbart sich immer wieder aufs Neue als der, der die Welt erschaffen hat und der die Menschen liebt, der seinem gegebenen Wort treu bleibt und sich immer wieder verändert aus Liebe zu den Menschen und zu seinem Volk.

Natürlich gehört in diesen Zusammenhang dieser Gedanke des Sühnopfers. Das ist eine Idee, die aus dem AT stammt und dokumentieren soll, dass Christus wahrer Mensch, wahrer Jude gewesen ist. Er hat nach diesem Bild stellvertretend für alle Menschen gelitten und  alle Strafen auf sich genommen. Dieses Symbol weist aber auch auf den Neuen Bund, dass in Christus Gott uns begegnen will und er will abwischen alle Tränen.

Im Umfeld von unserem Abschnitt erzählt der Schreiber vom Hohepriester Christus. Auch das ein Bild aus dem Alten Testament: Der Hohepriester steht im direkten Kontakt mit Gott und als solcher hat Jesus Christus hat Fakten geschaffen: Menschen sind befreit zu neuem Sein. Er ist der Diener Gottes, der gesandt ist in die Welt, dass alle Menschen mit Gott versöhnt werden. Beide Bilder zusammen schildern, wie der liebende Gott sich den Menschen insgesamt und seinem Volk besonders zuwendet, wie er Mensch wird und wie er leidet und stirbt, um den Menschen die Hand zu reichen.

Und damit sind wir beiden Eigenheiten des kirchlichen Kalenders, der genau sortiert vom Advent über Weihnachten, die Passion, den Karfreitag, Ostern, Pfingsten und so weiter und in dem trotzdem alles miteinander verwoben ist. Am Karfreitag feiern wir den Advent, weil wir daran denken dürfen dass Christus wiederkommen wird, dass dieses schreckliche Kreuz ein Zeichen der Liebe und Hoffnung ist. An Karfreitag feiern wir die grenzenlose Liebe Gottes, der uns an Pfingsten seinen  Geist sendet. Darum sind auch Diskussionen über Sinn und Zweck des Todes nur wenig sinnvoll. Dann können wir auch gleich über Sinn und Zweck der Liebe allgemein und der Liebe Gottes im  Besonderen diskutieren. Hier ist etwas Einmaliges geschehen, was wir nie ganz werden verstehen können, aber das wir dankbar annehmen können, weil es für uns geschehen ist.

In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden und in ihm zeigt er uns, wieviel wir ihm wert sind. Und durch ihn haben wir das Versprechen, dass er wiederkommen wird nicht um zu strafen, sondern um zu lieben.

Wir leben auch am Karfreitag im Advent – in der Erwartung dessen, der da war, der da ist und der da kommen wird. Und darum dürfen wir auch am Karfreitag fröhlich leben, weil wir wissen, dass Gott selber es ist, der heute Gemeinschaft wieder hergestellt hat, die Menschen immer wieder zerstören.

Darum schmückt jede Kirche und viele Hälse und manche Häuser auch heute noch das Kreuz, dieses Folter- und Mordinstrument. Nicht weil es bequem und schön ist, sondern weil es uns daran erinnern will, was wir Gott wert sind, was er für uns einsetzt. Das Kreuz ist nicht nur Zeichen des Leidens und Sterbens. Es ist auch Zeichen der Liebe, der Liebe Gottes zu Menschen  und der Liebe, die Menschen leben dürfen – im Namen Gottes.

Das Kreuz, es bleibt ein Zeichen für die Zuwendung Gottes und es bleibt zugleich ein Mahnmal dafür, was Menschen bereit sind, einander anzutun. Das Kreuz: es bleibt unendlich wertvoll für uns, weil wir begreifen, dass es nicht nur schön ist, wenn der Herr uns an seinen  Tisch lädt. Er lädt uns ein als der gekreuzigte Herr, dem wir unendlich viel wert sind. Wir dürfen sein Abendmahl nehmen, obwohl wir wie die Jünger nicht immer treue und leuchtende Vorbilder sind.

Der Tod Jesu lässt sich nirgendwo einordnen und er ist auch nicht zu erklären. Er bleibt einzigartig und sein Sinn ist nur in der Annäherung zu fassen. Karfreitag muss auch sein Mysterium behalten. Ein Mysterium für das wir dankbar bleiben dürfen.

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